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Medien & TV Ulrich Tukur ermittelt beim Geburtstags-„Tatort“ im RAF-Umfeld
Nachrichten Medien & TV Ulrich Tukur ermittelt beim Geburtstags-„Tatort“ im RAF-Umfeld
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09:20 26.11.2010
Von Stefan Stosch
Kommissar Felix Murot (Ulrich Tukur) löst zwar erst seinen ersten Fall, hat aber schon viel Vergangenheit.
Kommissar Felix Murot (Ulrich Tukur) löst zwar erst seinen ersten Fall, hat aber schon viel Vergangenheit. Quelle: ARD
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Der Kommissar hat keine Waffe. Zumindest benutzt er sie nicht. Nicht einmal dann, wenn er hinter Mördern hinterherjagt, die gerade mit einem Präzisionsgewehr seine Hauptzeugin erschossen haben. Wohl jeder andere „Tatort“-Kommissar hätte in diesem Moment wenigstens zum Holster gegriffen. Dieser nicht. Der Mann bevorzugt seinen eigenen Stil.

Das ist schon mal bemerkenswert am neuen Kommissar Felix Murot, der am Sonntag für den Hessischen Rundfunk den Dienst antritt. Gespielt wird Murot von niemand Geringerem als Ulrich Tukur, dem designierten Träger des Niedersächsischen Staatspreises, der ihm am kommenden Dienstag in Hannover überreicht wird. Der Theater-, Musik- und Kinostar Tukur hat sich von den ARD-Krimimachern verpflichten lassen, so wie vor ihm schon Martin Wuttke, Axel Prahl, Eva Mattes oder Axel Milberg und wie demnächst Joachim Król. Von solch hochkarätigen Besetzungen können andere nur träumen.

Die Reihe „Tatort“, die mit der Ausgabe „Wie einst Lilly“ offiziell ihren 40. Geburtstag feiert, ist womöglich die prestigeträchtigste, jedenfalls aber die beständigste Reihe im deutschen Fernsehen. Und gerade deshalb muss sie sich beständig wandeln. Die Erstarrung ist die größte Gefahr, egal, ob überspannte Ermittler in Osnabrück oder moralinsaure in Köln zu müden Wiederholungstätern werden.

Der neue Mann aus Frankfurt bietet Potenzial, wenn auch mit makabrer Note: Murot hat, wie er selbst sagt, eine „Haselnuss im Kopf“. Ob der Gehirntumor gut- oder bösartig ist, weiß er nicht. Er drückt sich vor der Untersuchung. Aber er weiß, was die Haselnuss mit ihm macht. Sie verändert, ja schärft seine Wahrnehmung. „Da brauchen Sie ja keine Lesebrille mehr“, sagt seine wichtigste Mitarbeiterin Magda Wächter (Barbara Philipp). Die beiden sind Freunde des schwarzen Humors.

Für Kameramann Bernd Fischer ist so ein übersensibilisierter Kommissar ein Geschenk: Er darf experimentieren, Regisseur Achim von Borries („Was nützt die Liebe in Gedanken“) lässt ihm Raum und Zeit. Ob der Nebel über Murots Augen liegt oder in der Natur wabert, ist nicht immer ganz leicht zu entscheiden. Und auch die Tiefenschärfe vor den Augen des Kommissars ist flexibel. Der Ederstausee, wohin Morots erster Fall führt, wird zum verwunschenen Märchensee.

Für Murot ist es eine Reise in seine Vergangenheit. Er stammt von hier. Nun liegt ein Mann in einem Ruderboot. Angeblich hat er sich selbst erschossen. Die Waffe stammt aus alten RAF-Tagen, der Tote sympathisierte mit den Terroristen. Schon einmal, vor vielen Jahren, ist Murot an einem ähnlichen Fall gescheitert. Er habe damals die falschen Fragen gestellt, sagt er. Sein früherer Chef (Vadim Glowna) zog seinen besten Mann ab. So leicht lässt sich Murot nicht mehr abspeisen. Nicht, dass der Mann verbissen wäre. Er ist eher ein gelassener Zyniker, dem noch an der Wahrheit liegt.

Früh schon ahnt der Zuschauer, dass der Kommissar einer Verschwörung auf die Spur gekommen ist, an der nicht nur RAF-Terroristen beteiligt sind. Die Wahrheit verbirgt sich hinter gut gehüteten Lügen und auch im Lächeln einer Frau: In einer abgelegenen Pension am See glaubt Murot, einer Freundin aus Jugendtagen wiederzubegegnen. „Lilly“, ruft er. Sie heiße Jana (Martina Gedeck), antwortet die Schöne und lächelt sanft. Dieser „Tatort“ spielt auch mit Halluzinationen, die womöglich gar keine sind.

Gewiss, es hat schon raffinierte Geschichten über die RAF gegeben. Dieser Krimi wirkt wie ein reizvoller Reflex auf aktuelle Geschehnisse rund um den wiederaufgenommenen Buback-Prozess. Und vor allem: Die Genauigkeit der Charaktere beeindruckt. Beste Kräfte sind dabei und müssen sich mit wenigen Szenen bescheiden – Fritzi Haberlandt als Tochter eines RAF-Opfers. Die Aufmerksamkeit gehört dem neuen Mann am „Tatort“. Ulrich Tukur gilt als jemand, dem Routine nicht genügt. Er hat bei der Entwicklung der Murot-Figur mitgewirkt (Drehbuch: Christian Jeltsch). Für März 2011 sind Dreharbeiten für den zweiten Fall angekündigt. Mal sehen, was die Haselnuss noch mit Felix Murot und den Freunden des „Tatorts“ anstellt.