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Medien & TV Thomas Gottschalk sucht neue TV-Herausforderung
Nachrichten Medien & TV Thomas Gottschalk sucht neue TV-Herausforderung
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08:50 30.03.2011
Thomas Gottschalk lässt in einem Interview seine bisherige Karriere Revue passieren.
Thomas Gottschalk lässt in einem Interview seine bisherige Karriere Revue passieren und sucht nun nach einem neuen TV-Format. Quelle: dpa
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John, Paul, George und Ringo. Das sind die vier Namen, auf die es künftig ankommt für Thomas Gottschalk. Nicht Justin, Miley, Britney und Ashley. Natürlich habe er nichts dagegen, auch von Teenagern verehrt zu werden, sagt er. Aber: „Die Begeisterung, die ich bei Halbwüchsigen immer noch auslöse, ist mir langsam etwas unheimlich. Ich wurde gerade auf einer Autobahnraststätte von einer Schulklasse überrannt. Mich kannten die alle, den John Lennon auf meinem Pullover kannte kein Einziger.“ Schluss also mit der Berufsjugendlichkeit. Es werde Zeit, sich einem Publikum zuzuwenden, „das noch alle vier Beatles aufzählen kann“.

Am Freitag erhält Thomas Gottschalk den Grimme-Preis für sein Lebenswerk. Ein Dreivierteljahr dauert es noch bis zu seinem letzten Einsatz bei „Wetten, dass ...?“. Es wird nicht das Ende seiner TV-Karriere sein, bloß sein Ausstieg beim ZDF-Klassiker. Aber was er in diesen Tagen sagt, in einem Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen“, das klingt nach Fazit, nach Lebensbilanz, ein bisschen auch nach Überdruss. Als habe er es satt, das Geplänkel mit Dieter Bohlen, die Quotenhascherei, das ganze Theater. Und es klingt nach Abschied von einem Gottschalk, der er mal war, aber nicht mehr sein kann. Er ist jetzt 60 Jahre alt – ein Jahr älter als der durchschnittliche ZDF-Zuschauer.

Der Sturz von Samuel Koch am 4. Dezember 2010 war auch für Gottschalk eine Zäsur. Das ist jedem ersichtlich, der seine letzten Shows gesehen hat. Fünf Stunden saß er vor sieben Wochen an Samuels Bett in der Klinik in der Schweiz. „Meine Karriere und das Schicksal von Samuel werden immer etwas miteinander zu tun haben“, sagte er hinterher. „Durch den bedauerlichen Unfall hat sich für mich eine Tür geöffnet, durch die ich früher oder später sowieso hätte gehen müssen. Ich hätte sonst noch etwas weitergewurstelt, aber zu der Stärke, mit der ich mal angefangen habe, hätten wir natürlich nie mehr zurückgefunden.“

Sein Ausstieg bedeute nicht das Ende von „Wetten, dass ...?“. „Ich werde hier kein Format infrage stellen, das mich ein Vierteljahrhundert getragen hat.“ Die Zutaten stimmten weiterhin. Und er rechne ohnehin mit einer Gegenreaktion des Fernsehens auf diesen „inszenierten Hype, der als ,Reality‘ verkauft wird. Nach der Fastfoodwelle kam auch wieder die Gesundheitskost in Mode. Auf dem Zeitschriftensektor war es genauso: ,Vanity Fair‘ ist tot, es lebe die ,Landlust‘.“

Er ist auf der Suche. Er sucht ein Publikum, das mit ihm „alt geworden ist, ohne erwachsen werden zu müssen“. Er will weitermachen. „Es muss doch irgendwas geben, das vom Anspruch her zwischen der ,FAZ‘ und ,Bauer sucht Frau‘ liegt.“ Im Unterhaltungsfernsehen störe ihn, dass „es inzwischen Zuschauer gibt, die mehr wert sind als andere. Ein bescheuerter Dreiundzwanzigjähriger ist werberelevant, auch wenn er nichts begreift, längst eingepennt ist oder nebenbei twittert. Ein Akademiker über fünfzig, der mit einem elfjährigen Sohn zuschaut, wird überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Der würde aber vielleicht merken, dass das gerade entdeckte ,Supertalent‘ in Wirklichkeit ein Profi ist, der mit seiner Nummer schon seit Jahren durch die Lande tingelt.“

Grimme-Preis? Der freue ihn, weil er alle Kritiker ärgere, die ihn als „schwachsinnig“ ansähen. In Wahrheit aber habe er sich den Preis eher „ersessen als verdient. Ich befürchte, dass ich nur deswegen inzwischen leuchte, weil es in meinem Gewerbe um mich herum doch eher etwas düster geworden ist.“

Imre Grimm