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Medien & TV Studenten suchen nach Wahrheit in den Medien
Nachrichten Medien & TV Studenten suchen nach Wahrheit in den Medien
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22:19 08.06.2012
Von Karsten Röhrbein
Foto: Studenten der Hamburg Media School untersuchen, wie Journalisten die Wirklichkeit erzählen.
Studenten der Hamburg Media School untersuchen, wie Journalisten die Wirklichkeit erzählen. Quelle: Hamburg Media School
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Hamburg

Dass Horst Seehofer im Hobbykeller seines Ferienhauses eine Miniatureisenbahnlandschaft stehen hat, ist richtig. Dass der CSU-Chef dort eine Miniaturausgabe von Angela Merkel in einer Diesellok ihre Runden drehen lässt, auch. Warum also musste „Spiegel“-Reporter René Pfister, der die Szene zu Beginn seines Seehofer-Porträts „Am Stellpult“ schildert, den Egon-Erwin-Kisch-Preis zurückgeben?

Bei der Preisverleihung im Hamburger Schauspielhaus hatte Pfister vor einem Jahr freimütig bekannt, nie selbst im fraglichen Hobbykeller gewesen zu sein. Er habe aber übereinstimmende Schilderungen, wie Seehofer dort Stationen seines politischen Lebens nachspiele, zugrunde gelegt. Pfister, so befand die Nannen-Preis-Jury, hätte nicht suggerieren dürfen, dass er selbst dabei war – auch wenn Seehofer selbst später bestätigte, dass das mit dem Keller schon so stimme.

Journalismusstudenten der Hamburg Media School haben den Eklat beim Nannen-Preis zum Anlass genommen, mit Medienprofis über Wahrheit und Inszenierung zu sprechen. Sie haben Redakteure, Rechercheure, Auslandskorrespondente und Kommunikationswissenschaftler interviewt und die Gespräche in dem lesenswerten Band „Echt wahr!“ versammelt.

Die Wahrheit, das zeigt die Lektüre, ist ein problematischer Begriff. Kaum einer der Interviewpartner geht mit seinem Berufsstand so hart ins Gericht wie Claudius Seidl. „Die Welt“, sagt der Feuilletonchef der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ im Gespräch mit Nicole Wehr, „funktioniert ganz bestimmt nicht nach den Regeln, wie sie in Reportagelehrbüchern stehen.“ Gerade die Reportagenormen des Hamburger Journalismus seien „Kitsch, Klischee, Quatsch. Nichts, womit man der Wahrheit besonders nahe käme.“

Ob das, was in seinem RAF-Standardwerk „Baader-Meinhof-Komplex“ stehe, die Wahrheit sei, wird der ehemalige „Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust in einem anderen Interview gefragt. „Ich wollte ja nicht die Wahrheit erzählen, sondern eine Geschichte, die so nahe wie möglich an der Wirklichkeit ist“, entgegnet er listig. Das, was er aus 60 Regalmetern Akten, Gesprächsnotizen und dem eigenen Erleben destilliert und zu prägnanten Szenen verdichtet habe, sei „Realität“.

Viele der Gespräche kreisen um die Grenzen, an die Journalisten stoßen – etwa, wenn YouTube-Videos und 140-Zeilen-Nachrichten die einzig verfügbaren Dokumente sind, um über Bürgerkriege zu berichten. Frederic Huwendiek, der „Social-Media-Erklärbär des ZDF“, schildert, mit welchen Mitteln die „heute“-Kollegen den Wahrheitsgehalt zu prüfen versuchen. Ein fast unmögliches Unterfangen. Soziale Netzwerke, das zeigen viele der Beiträge, werden für Journalisten immer wichtiger:

Manche versuchen, die Schwarmintelligenz bei der Recherche zu nutzen. Andere möchten die Nutzer gerne so stark einbinden, dass die Medienangebote „virtuelle Lagerfeuer“ werden, wo sich alle versammeln – so wie damals, zu seligen „Wetten, dass ...?“-Zeiten. Daran glauben Grantler wie „FAS“-Chef Seidl nicht mehr: „Der Leser ist eh nicht so doof, dass er sich von uns manipulieren lässt.“

Ulf Grüner und Karen Naundorf (Hrsg.): „Echt wahr! Wie Journalisten Wirklichkeit erzählen.“ Books on Demand, 304 S., 16,90