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Medien & TV Stefan Raab und die "nationale Aufgabe"
Nachrichten Medien & TV Stefan Raab und die "nationale Aufgabe"
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18:19 22.01.2010
Von Imre Grimm
Stefan Raab (rechts) und das Moderatorenduo Sabine Heinrich.
Stefan Raab (rechts) und das Moderatorenduo Sabine Heinrich. Quelle: dpa
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Man könnte meinen, es gehe um etwas wirklich Wichtiges. „Es ist eine nationale Aufgabe von historischer Tragweite“, sagt Stefan Raab. „Ich kenne keine Konkurrenten mehr, ich kenne nur noch Deutsche“, sagt ARD-Programmchef Volker Herres. „Dafür brennt Stefan Raab. Dafür brennt PRO7. Dafür brennt auch die ARD“, sagt PRO7-Geschäftsführer Thilo Proff.
Was ist hier los? Ist Krieg? Gibt es eine Hungersnot im Harzvorland? Ist im Bayerischen Wald eine Jahrhundertlawine niedergegangen?

Nichts von alledem: Deutschland hat sich vorgenommen, beim Eurovision Song Contest mal nicht Letzter zu werden. Das ist schon alles. Deutschland will sich bitte nicht blamieren, will nicht länger die Lachnummer Europas sein, der nette, etwas doofe Onkel, der die Familienparty zahlt und dafür auch mal was sagen darf. Dieses große Ziel rechtfertigt kämpferisches Vokabular. Der Song Contest sei nicht weniger als „ein Seismograph für den Seelenzustand Europas“, schwurbelt Herres. Was uns vom 2. Februar an blüht, sagt Raab, sei – Ta-Dah! – „die größte Casting-Aktion in der Geschichte der Menschheit“. Das ist doch mal ein Wort.

Musikdeutschland bündelt seine Kräfte: In acht Sendungen (zwei in der ARD, sechs bei PRO7) sucht Raab als Jurypräsident mit Unterstützung wechselnder, prominenter Musikexperten den deutschen Teilnehmer für den paneuropäischen Kindergeburtstag am 29. Mai in Oslo. Die Auftaktshow von „Unser Star für Oslo“ zeigt PRO7, das Finale am 12. März die ARD. Moderatoren sind Matthias Öpdenhövel („Schlag den Raab“) von PRO7 und Sabine Heinrich vom WDR-Radiosender EinsLive.

Raab und die ARD? Der TV-Anarchist und die „Gremien voller Gremlins“ (Günther Jauch)? Doch, das geht, sagen beide. Man ist über seinen Schatten gesprungen, um die Scherben der deutschen Grand-Prix-Herrlichkeit gemeinsam zusammenzufegen. Ein öffentlich-rechtlich-privates Joint Venture dieser Größenordnung hat es im deutschen Fernsehen noch nicht gegeben. „Die ARD hat für ihre Verhältnisse einen revolutionären Schritt gemacht“, lobt Raab. Das ist nett gesagt. Man könnte auch sagen: Die ARD war so verzweifelt, dass sie sich junges Publikum und musikalischen Fachverstand bei der privaten Konkurrenz einkaufen musste. Nun sieht sich Raab mit seinen Mitstreitern als „Trümmerfrauen des Eurovision Song Contest“, wie er bei einer Pressekonferenz im Reichstagsgebäude in Berlin sagte (wenn schon – denn schon). Er will das „musikalische Waterloo“ der letzten Jahre und die „zweifelhafte turnerische Darbietung“ der deutschen Hoffnungsträger vergessen machen. „Schreiben Sie ruhig: Es war eine Liebesheirat!“, feixt er.

4500 Kandidaten haben sich beworben. Das ist nicht viel im Vergleich zu den 35 000 bei „Deutschland sucht den Superstar“, aber hier geht es auch um etwas ganz anderes. Um Musik nämlich. „Bei ,DSDS’ geht es darum, wer die kränkeren Verwandten hat, die ärmeren Eltern, die traurigste Geschichte“, sagt Raab. „Bei uns geht es ausschließlich um Musik und Charisma. Wir nehmen die Kandidaten ernst.“ Dass der einstige Knallfrosch mit der Ukulele zum väterlichen Mentor gereift ist, hat er zuletzt mit der Entdeckung von Max Mutzke und Stefanie Heintzmann bewiesen.

20 auserwählte Teilnehmer, allesamt neu im Geschäft, bewerben sich nun bei Publikum und Jury um ein Ticket für Oslo. Zu Jurychef Raab gesellen sich unter anderem Marius Müller-Westernhagen und Yvonne Catterfeld, Peter Maffay und Sarah Connor, Jan Delay, Xavier Naidoo, Sasha, Silbermond-Sängerin Stefanie Kloß und Barbara Schöneberger.
Schon einmal, nach den quietschbunten Halli-Galli-Jahren mit Guildo Horn (1998) und Raab selbst („Wadde hadde dudde da“, 2000) hatte der NDR versucht, den Grand-Prix-Vorentscheid als Sprungbrett für Newcomer zu nutzen. Es folgte eine Phase der nostalgischen Rückbesinnung mit viel Glitzerpuder, rotem Samt, güldenen Kerzenleuchtern, Popm und Plüsch und einem verzückten Thomas Hermanns als Moderator. Allein – es half alles nichts. Die Bilanz ist düster: Sängerin Gracia („Run & Hide“) landete 2005 auf dem letzten Platz, ebenso die No Angels 2008. Roger Cicero erreichte 2007 Platz 19, und die Combo „Alex Swings, Oscar Sings!“ ging im Mai 2009 trotz eines ziemlich koffeinfreien Strips von Dita von Teese auf Platz 20 sang- und klanglos unter. Einzig Max Mutzke landete 2004 mit der Raab-Komposition „Can’t wait until tonight“ auf einem acht(bar)en Platz.

Raabs Ziel diesmal: die Top Ten. Das klingt ungewohnt bescheiden aus dem Mund eines Mannes, der nichts so schlecht kann wie verlieren. KMein Zweifel besteht daran, dass Raab sein Engagement ernst meint. Schluss mit lustig. „Eher mutzkig als hornig“ soll Deutschlands Beitrag ausfallen. Raabs große Aufgabe wird es dabei sein, die Balance zwischen Pathos und Party zu finden.

Das erste Lied übrigens, mit dem sich Deutschland 1956 um den Grand Prix bewarb, hieß „Im Wartesaal zum großen Glück“, gesungen von Walter Andreas Schwarz.
Wenn das kein gutes Motto ist für die deutsche Grand-Prix-Wirklichkeit 2010.