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Medien & TV Stahl für die Welt: Arte zeigt den Film „Eisenfresser“
Nachrichten Medien & TV Stahl für die Welt: Arte zeigt den Film „Eisenfresser“
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20:29 04.05.2009
Szene aus der Dokumentation „Eisenfresser“
Szene aus der Dokumentation „Eisenfresser“ Quelle: Arte
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Da wäre die heute auf Arte zu besichtigende Ungerechtigkeit aus Epplers Sicht ohne Zweifel Letzteres: Für grade mal einen Dollar am Tag, zeigt die beklemmend gelungene Dokumentation „Eisenfresser“, zerlegen Tausende von Wanderarbeitern in Bangladesch gigantische Schiffswracks zu handlichen Stücken.

In Chittagong recyceln sie den Rohstoff einer stahlsüchtigen Welt. Von Hand geschnitten aus den überzähligen Ozeanriesen globaler Prosperität. Ohne Arbeitsschutz und Handschuhe, Helm oder Verträge, barfuß verladen für Hungerlöhne – die ihnen am Ende noch nicht einmal ausgezahlt werden. Von Vorgesetzten, die ihrerseits zu den Ärmsten der Armen zählen. Filmemacher Shaheen Dill-Riaz, selbst ein Deutscher aus Chittagong, erzählt von den Abwrackern mit distanzierten Untertiteln und fein pointierten Off-Kommentaren, sanft orchestriert und brillant bebildert.

„Hab’ keine Angst vor dem Meer“, zitiert der Regisseur, Kameramann und Sprecher in Personalunion ein örtliches Sprichwort zum Einstieg, „es wird dir Früchte bringen, es wird dich am Leben erhalten“. Im Glauben daran ziehen die Bauern der bettelarmen Reiskammer Bangladeschs im Norden zwischen Saat und Ernte Jahr für Jahr in den Landessüden, zur Abwrackwerft „Peace, Happiness, Prosperity“ – Friede, Glück, Wohlstand. Ein zynischer Name, gewählt von einem Besitzer, der allen Ernstes behauptet: „Ich liebe meine Arbeiter, und meine Arbeiter lieben mich.“ Bei der Werksbesichtigung küssen sie ihm zur Begrüßung die Füße.

Es ist erschreckend und schön zugleich, wie Shaheen Dill-Riaz – Autor, Kameramann und Sprecher in Personalunion – solcherlei Abgründe der Globalisierung seziert. Er tut es wie ein Chirurg beobachtender Kapitalismuskritik: ohne Pathos und Emphase, störende Einmischung oder redundante Schnitte. Einfach zeigen, was vor sich geht und wirken lassen, bis es schmerzt. So beginnt „Eisenfresser“ mit weichem Wellensound und betörenden Sitarklängen – die exotischen Codes eines Glücksversprechens von Sonne, Strand und Lebensfreude, jäh unterbrochen vom infernalischen Lärm zerberstenden, verbrennenden Stahls. Das Geräusch dessen, was der väterliche Werftbesitzer als Heilmittel gegen die schlimmste aller Krankheiten beschreibt, schlimmer als Diabetes und Krebs: nicht gebraucht zu werden. Durch die Montagetechniken des Films mündet es bald in die Erkenntnis, wie unmoralisch, unmenschlich und unzumutbar Gebrauchtzuwerden sein kann, in den Ausbeutungsbetrieben der Entwicklungsländer.

Dass die Menschen bei aller Entrechtung dabei dennoch singen, permanent und offenbar fröhlich, scheint diese Ungerechtigkeit sogar hinnehmbar zu machen. Nach Dill-Riaz’ Dokumentation aber weiß man: Es ist ein Trugschluss. Und dennoch hat er etwas bewirkt. Befeuert von internationalen Preisen zahlreicher Festivals, nutzen ihn Hilfsorganisationen zur Klage gegen die Missstände auf Abwrackwerften wie dieser. Eine führte sogar vor den High Court von Bangladesch und brachte einen seltenen Sieg mit sich, Umweltauflagen nämlich, gerichtlich verbürgt und politisch nicht zu leugnen.

Ob der Sieg auch den Arbeitern von Chittagong nützt, bleibt abzuwarten. Ohne jeden Verdienst kehren viele von ihnen zurück auf die heimischen Felder und schwören, sie nie wieder zu verlassen. „Klar kommen die wieder“, sagt einer der Arbeitsvermittler im klimatisierten Büro hoch über den Köpfen seiner Schweißer und spielt die Trumpfkarte des global enthemmten Kapitalismus im Spiel um Profit und Macht aus: Draußen, er lächelt, würden doch längst neue Arbeiter warten, massenhaft. „Schon am Monatsende wird die Werft wieder voll sein.“ Schwer zu glauben, dass er sich irrt.

von Jan Freitag