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Medien & TV "Seit ich Barth kenne, halte ich plötzlich viel von Bohlen"
Nachrichten Medien & TV "Seit ich Barth kenne, halte ich plötzlich viel von Bohlen"
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18:30 08.09.2009
Michael Jürgs regt sich über Fernseh-Verdummung auf.
Michael Jürgs regt sich über Fernseh-Verdummung auf. Quelle: Ebert
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Von Stefan Gohlisch

Frage: Wann hat Sie zuletzt im Fernsehen etwas amüsiert?

Antwort: Ich habe mich amüsiert, als versucht wurde, eine Unterhaltungsebene in politischen Talkshows zu etablieren. Das hat natürlich nicht geklappt. Ein Udo Walz zum Beispiel, dieser sogenannte Promi-Friseur, kann bestimmt wunderbare Locken drehen, aber ich möchte mir nicht von ihm in einer ernstgemeinten Talkshow die Welt erklären lassen. Ich habe nichts gegen Unterhaltung, wenn sie gut gemacht ist, zum Beispiel bei Jauch, Elstner und Raab. Aber ein gewisses Niveau sollte sie nicht unterschreiten.

Wie viel haben Sie für Ihr Buch ferngesehen?

Als ich es geschrieben und recherchiert habe, habe ich zwei Monate alles gesehen, auch spätabends, wenn ich lieber ein Buch zur Hand genommen hätte. Das war die Pflicht – und ein wahrer Ritt durch die Hölle. Vielleicht war es auch die Strafe für manches, was ich in der Vergangenheit verzapft habe (lacht).

Was war die Initialzündung für die ‚Seichtgebiete‘?

Das fing an auf der Frankfurter Buchmesse, auf der ein Dieter Bohlen als Dichter gefeiert wurde – während die richtigen Dichter ziemlich alleine gelassen wurde. ‚Planieren statt Sanieren‘, hieß sein Buch – das könnte übrigens als generelles Motto gelten.

Wie sieht Ihr eigener Medienkonsum aus?

Ich lese täglich sechs, sieben Zeitungen, natürlich nie ganz, dazu zehn Magazine pro Woche und alles an neuen Büchern, was mich interessiert. Dazu schaue ich ‚Tagesschau‘ und ‚Heute-Journal‘, gewisse Dokumentationen und Fernseh-Filme – Arte schalte ich selbst am Trash-Themenabend ein. Meine Pflichtsendung ist ‚Kulturzeit‘ auf 3 Sat.

Der Vorwurf, Fernsehen mache blöd, ist nicht neu.

Sicher. Es gab auch früher nicht weniger Blöde. Aber sie hatten noch keine eigenen Sender! Und die Öffentlich-Rechtlichen unterstützen das auch noch. Früher hatte jedes Dorf seinen Trottel – aber er kannte die Trottel aus den Nachbardörfern nicht. Heute treffen sie sich alle, spätestens bei Mario Barth.

Mit dem haben Sie es ja besonders.

Ja, seit ich Barth kenne, halte ich plötzlich sehr viel von Bohlen (lacht). Ich finde es unglaublich, wie der sich mitunter auf die Bühne stellt und 30 Sekunden lang ins Mikrofon furzt, und die Leute amüsieren sich köstlich. Im Grunde ist das ein Angriff auf die Menschenwürde.

Kann man nicht einfach abschalten?

Eigentlich ja. Aber es gibt Menschen, die das nicht mehr können, zum Beispiel, weil sie arbeitslos sind und sich gar nicht anders zu beschäftigen wissen. Und da frage ich mich schon: Könnte es sein, dass bestimmte Regionen glauben, das ganze Leben sei eine Casting-Show? Verblödung hat irgendwann fatale Folgen für die Demokratie.

Machen es also letztlich die sonst viel gescholtenen Jugendlichen besser, die vom Fernsehen kaum noch erreicht werden und ins Internet und zu anderen neuen Medien abwandern?

Na ja, mit dem Internet ist es so: Wenn wir blöd sind, glauben wir Wikipedia. Wenn nicht, vertiefen wir unser Wissen woanders – was sich speziell in unserem Beruf hoffentlich herumgesprochen hat. Ich halte tatsächlich Fernsehen und die Folgen für das Hauptproblem.

Was hoffen Sie, mit Ihrem Buch zu erreichen – und wen?

Was ich erhofft habe, ist sicherlich diese Diskussion, die schon eingesetzt hat, auch wenn mir manche Leute Unverschämtheiten vorwerfen. Der stelle ich mich gerne. Natürlich kann man mir vorwerfen, dass ich nur diejenigen erreiche, die eh schon lesen. Aber unter denen sind ganz viele, die nur nebenher gucken, darüber nicht weiter nachdenken und jetzt vielleicht doch überlegen, was sie in sich selbst versauen. Und dabei hoffe ich, nicht wie ein Oberlehrer zu wirken, sondern eher wie das Kind aus dem Märchen ‚Des Kaisers neue Kleider‘, das lacht und sagt: ‚Haha, die sind ja nackt!‘ – und so die Mächtigen der Lächerlichkeit preisgibt.

Welche Chance haben die Fernsehmacher?

Sie sollten sich – speziell jene bei den Öffentlich-Rechtlichen – auf ihre Stärken besinnen, nicht nur in Sachen Dokumentationen, auch ruhig bei der Unterhaltung. Und dabei sollten sie Risiken eingehen. Das ist doch das Spannendste: die Neugier auf die andere Hälfte, auf das, was man nicht kennt.

Michael Jürgs: Seichtgebiete. Warum wir hemmungslos verblöden. C. Bertelsmann, 260 Seiten, 14,95 Euro.