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Medien & TV Präsident 2.0: Obama kommuniziert über das Internet
Nachrichten Medien & TV Präsident 2.0: Obama kommuniziert über das Internet
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20:58 11.02.2010
„Wir haben das transparenteste Weiße Haus in der Geschichte“, sagt US-Präsident Barack Obama. Er kommuniziert gerne über das Internet und am liebsten mit ganz normalen Bürgern. Professionelle Journalisten haben jedoch immer seltener die Gelegenheit, Fragen zu stellen. Quelle: ap
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Obama auf allen Kanälen? Selbst in Deutschland mag mancher einstige Fan inzwischen abwinken, wenn er das Gesicht des US-Präsidenten auf dem Fernsehschirm oder in der Zeitung sieht. Aber es gibt eine einflussreiche Gruppe in den USA, die zunehmend frustriert ist, weil sie viel zu wenig von dem Präsidenten zu sehen bekommt: Es ist das Pressekorps des Weißen Hauses. Seit dem vergangenen Juli hat Barack Obama keine einzige Pressekonferenz mehr gegeben. Nicht einmal der als öffentlichkeitsscheu geltende George W. Bush zeigte sich so verschlossen.

Obama ist das gelungen, was wohl jeder moderne Präsident gerne getan hätte, aber nie getan hat: Er hat effektiv die Reporter ausgeschlossen, die nur wenige Meter vom Oval Office entfernt arbeiten”, schreibt die „New York Times”. „Es ist eine Quelle großer Frustration“, sagt Chip Reid, Korrespondent für das Weiße Haus beim Fernsehsender CBS. „Obama umarmt die neuen Medien – was die alte Garde pikiert“, sekundiert die „Washington Post“ mit einer Prise Selbstironie.

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Die letzte Brüskierung der einst mächtigen Presse-Entourage liegt erst wenige Tage zurück: Statt eine Pressekonferenz zu geben, kommunizierte Obama über YouTube. Einfache Bürger im Land durften ihm ihre Fragen live übermitteln. YouTube-Nachrichtenchef Steve Grove, der Obama die in Videos oder in Schriftform eingereichten Fragen präsentierte, betonte, das Weiße Haus habe die Anfragen nicht ausgewählt und auch vorher nicht gekannt. Ein scheinbar demokratischer Zugang der Bürger zur Politik lässt sich mit einem solchen Internetauftritt perfekt inszenieren. Lob und Kritik waren jedoch auffällig fein dosiert. Eine diskrete Regie des Weißen Haus ist also wohl nicht auszuschließen.

„Wie können Sie erwarten, dass die Leute in diesem Land Ihnen vertrauen, wenn sie mehrmals Wahlversprechen gebrochen haben, wie jüngst das Versprechen, eine transparente Debatte über das Gesundheitssystem zu führen?“, fragte ein Bürger aus Brooklyn. „Also ich würde sagen, dass uns unabhängige Gruppen zugestehen, dass wir das transparenteste Weiße Haus in der Geschichte haben“, antwortete der Präsident. Hinter der Inszenierung stand niemand Geringerer als Obamas ehemaliger Wahlkampfmanager David Plouffe, der als Krisenfeuerwehr wieder ins Weiße Haus zurückgekehrt ist. Plouffes Rezept: absolute und lückenlose Kontrolle der Botschaft.

Die manchmal unbequeme Fragen stellenden Journalisten der US-Medien stehen abseits. Bei den wenigen Presseauftritten, die Obama absolviert – meist am Rande von Staatsbesuchen in Washington – pickt sich das Weiße Haus für die Fragen diejenigen heraus, die am besten zur Strategie passen: junge Onlinejournalisten zum Beispiel oder Reporter aus dem arabischen Raum. Beim Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel im vergangenen Herbst mussten die Deutschen zäh darum kämpfen, dass mehr als nur eine Handvoll deutscher Journalisten Zutritt ins Weiße Haus bekamen. Auch das hatte es unter George W. Bush nie gegeben.

Wir brauchen euch nicht mehr so dringend, lautet die kühle Antwort des Weißen Hauses an diejenigen, die einst den privilegierten Zugang besaßen. „Die Fragen der breiten Öffentlichkeit sind nicht weniger ernsthaft und nicht weniger hart als diejenigen des akkreditierten Pressekorps“, sagt Dan Pfeiffer, der Kommunikationsdirektor des Weißen Hauses. Geschickt nutzt das Weiße Haus die Rivalität zwischen sogenannten neuen und alten Medien. Für jeden Fernsehkommentator oder Zeitungskolumnisten, der sich vor den Kopf gestoßen fühlt, gibt es einen Blogger, der diese neue Art der Kommunikation bejubelt. „Die Fragen, die die Amerikaner im Kopf haben, sind andere als diejenigen, die von der in ihrer eigenen Welt lebenden nationalen Presse gestellt werden. Sie sind skurriler, leidenschaftlicher und interessanter“, schreibt das Internetportal „Daily Kos“.

Doch was es nicht mehr gibt, ist der lange journalistische Atem, der einmal beispielsweise die Aufdeckung des Watergate-Skandals überhaupt erst möglich machte. „Was verloren geht, ist die Fähigkeit, zu den Dingen jenseits der vorgegebenen Stichworte vorzudringen“, sagt Michael Shear, ein für das Weiße Haus zuständiger Reporter der „Washington Post“: „Wir bestreiten eben unseren Lebensunterhalt damit, bei einigen Themen die Details zu verfolgen, damit wir unsere Fragen genau auf die darin versteckten Spannungen ausrichten.“ Doch daran habe der Präsident gar kein Interesse, sagt Chuck Todd, Chefreporter des Fernsehsenders CNBC. Er gebe viele Einzelinterviews, das sei korrekt: „Aber die sind vorher arrangiert und kreisen um ein genau bestimmtes Thema.“

Andreas Geldner