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Nachrichten Medien & TV Pinterest fordert Facebook heraus
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17:31 28.03.2012
Von Marina Kormbaki
Ein Klick, und die Fotos hängen an der virtuellen Pinnwand. Quelle: dpa
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Hannover

Im Laufe eines analogen Menschenlebens kommt die Leidenschaft zum Sammeln oft zweimal auf: Im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren unternimmt das Kind den Versuch, mittels klebriger Stickeralben und fernöstlicher Sammelkartenspiele Sinn und Ordnung in die kleine Welt um sich herum zu bringen. Bis es dann eines Tages wegen spendiermüder Eltern oder pubertärer Interessensverschiebungen die Freude am Sammeln verliert. Ältere, meist männliche Erwachsene entdecken sie oft wieder, so mit 40, 50 Jahren, wenn Mercedes-300-SL-Flügeltürer, Cognac und Keramikpfeifen und sonst wie „zeitlos schöne Dinge“ von der Endlichkeit des eigenen Daseins ablenken sollen.

In der digitalen Welt aber sind die soziodemografischen Daten passionierter Sammler andere. Weiblich, Mitte 20 bis Ende 30 Jahre alt und in bester Kauflaune - darauf setzen die Investmenttypen im Silicon Valley, denn diese Daten umschreiben die typische Nutzerin des Online-Netzwerks Pinterest. Und Pinterest durchlebt in diesen Wochen wunderliche Wachstumsschübe.

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Pinterest - der Name setzt sich aus den englischen Wörtern für „pinnen“ und „Interesse“ zusammen - ist die virtuelle Pinnwand der weltweiten Netz-WG. Die Korktafel, an die allerlei Wünsche und Begehrlichkeiten geheftet sind. Die goldwerte Idee des gleichnamigen Start-up-Unternehmens aus Palo Alto in Kalifornien ist erstaunlich schlicht: Nutzer legen thematisch sortierte „Boards“ an, auf denen sie beliebig viele, aus dem Netz gefischte und selbst geknipste Bilder sammeln und mit Fremden und Freunden teilen können.

Da lässt zum Beispiel jemand, weil ja bald Ostern ist, einen kleinen Hasen aus einer Eierschale gucken - „so süß!“, findet ein anderer. Eine Nutzerin hat sich die Nägel grau gemustert - es gibt Lob fürs „gute Design“. Und der immer gleiche Kommentar unter den vielen appetit­anregenden Muffin-, Keks- und Auflaufbildern lautet „yummy“ oder eben „lecker“. Denn Pinterest ist inzwischen auch in die deutschsprachige Netzgemeinde vorgestoßen. Im Februar besuchten hierzulande rund 268000 Nutzer die Seite - das ist natürlich nichts im Vergleich zu den 18 Millionen Bildersammlern in den USA, aber hier wie dort wächst die Reichweite rasant.

Was diesen Bilderflutdienst so erfolgreich macht, ist ausgerechnet ein beschränktes, technisch anspruchsloses Angebot. Kommunikation funktioniert hier kaum mit Worten, sondern mit Bildern, und die sind schnell hochgeladen. Fotoalben von Landhausmöbeln, Hochzeitstorten und Tiertattoos sprechen für sich. Dabei sind virtuelle Pinnwände nun wirklich nichts Neues, Facebook hat sie schon vor Jahren eingeführt. Neu ist aber die Reduktion auf das Pinn-Prinzip, auf das bloße Präsentieren von Dingen.

Anders als in der Bilder-Community flickr stehen hier weder Urlaubsimpressionen noch künstlerische Ambitionen im Fokus. Mit seinem Objektfetisch besetzt Pinterest eine Nische, die Kommunikationsnetzwerke wie Facebook und Twitter bisher vernachlässigt haben. Es geht nicht um die einzelnen Nutzer und deren Beziehungen zueinander, es geht um die Sache, ums Habenwollen. Um Habgier, die aber nicht die Stimmung vergiftet - im Gegenteil. Man zeigt, was man besitzt oder besitzen will und lässt sich zum guten Geschmack beglückwünschen. Pinterest pflegt einen liebreizenden Narzissmus.

Das Forum ist ein Stück heile Internetwelt. Man geht hier sehr nett miteinander um, ermuntert einander und lädt ganz bestimmt keine Gewalt- oder Pornobilder hoch. Pinterest ist der Versuch, die verloren geglaubte US-Vorstadtidylle vergangener Jahrzehnte in digitaler Form zu konservieren - als man noch softeisschleckend auf der Gartenschaukel saß und die Ordnung der Welt jener im Blumenbeet zu entsprechen schien. Jedenfalls liegt auf vielen Bildern Spielzeug aus den Siebzigern rum.

Die Seite will Knotenpunkt im Netz werden. Wer mitmachen will, muss eine Einladung beantragen, die aber schon bald ins Mailpostfach trudelt. Und wenn er bei Facebook angemeldet ist, werden dort alle „Freunde“ über den Neuzugang bei Pinterest in Kenntnis gesetzt. Was aber viel wichtiger für den Erfolg von Pinterest ist: Wer hier angemeldet ist, der kauft viel im Internet ein. Das hat das Marktforschungsunternehmen Nielsen ermittelt.

So lässt sich wohl auch erklären, dass 70 Prozent der Nutzer weiblich sind: Frauen nutzen das Internet mehr noch als Männer zum Einkaufen und Unterhalten. Bei Pinterest können sie sich über ihre Einkäufe unterhalten. Und mit Internetseiten ist es nicht anders als mit Cola und Berufen - haben sie erst einmal den Stempel „weiblich“ aufgedrückt bekommen, werden sie von Männern gemieden. Im Fall von Pinterest haben die Männer sich aber eine Kopie geschaffen: manteresting.com - und da gibt’s Autos, Frauen und Knarren zum Gucken.

Angesichts so vieler potenzieller Kundinnen tummeln sich auch sehr viele Leute und Firmen bei Pinterest, die was zu verkaufen haben. Eine Zeitlang hat auch der Dienst daran verdient: Wenn ein Nutzer auf ein Foto klickte, darüber zu einem Online-Store gelangte und dort einkaufte, kassierte Pinterest einen kleinen Teil der Kaufsumme. Aber die Nutzer kamen dahinter, es gefiel ihnen nicht, und Pinterest ließ davon ab. Man habe keine Eile mit dem Geldverdienen, heißt es nun aus Palo Alto, wo 20 Mitarbeiter beschäftigt sind. Zurzeit überarbeiten sie die Urheberrechtsklauseln für die Bilder, basteln an einer App fürs iPad und pflegen ihre Sammlung an Nutzern, alles mit der Ruhe. Derweil wird Pinterest selbst zunehmend zum begehrten Kaufobjekt.