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14:05 02.10.2009
Von Imre Grimm
Oliver Pocher.
Oliver Pocher. Quelle: Frank Wilde
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Es gab mindestens zwei Momente in Oliver Pochers öffentlichem Wirken, da fehlten ihm die Worte, wenn auch nur kurz. Der erste Moment war bei der Comet-Verleihung 2008, als der siegreiche Castingstar Mark Medlock sein übliches „Ihr Dreggsägge!“-Rumkumpelprogramm abspulte, bis Oliver Pocher nahte. Medlock vereiste kurz und sprach dann in Pochers Mikrofon: „Du bist echt nicht mein Geschmack. Hör in Zukunft auf mit deinen Scheiß-Schwulenwitzen.“ Pocher erstarrte.

Der zweite Moment ereignete sich im April 2008 auf dem Tiefpunkt der unseligen Fernsehehe zwischen Harald Schmidt und Pocher, in jener nicht sehr lustigen Sendung mit „Skandalrapperin“ Lady Bitch Ray, die einem errötenden Pocher ein Fläschchen Vaginalsekret überreicht hatte, das dieser später an die ahnungslose Sängerin Maria Mena weiterreichte, woraufhin Schmidt vor Publikum der Kragen platzte: „Das ist jetzt aber völlig uncharmant für so ’ne kleine miese Type. Das ist uncool – Oliver Pocher, nächstes Mal hat er’s begriffen ...“

Man muss sagen, dass es auch mal guttat, Pocher schweigen zu sehen. Harald Schmidt war mal für den Grimme-Preis nominiert, weil er nach dem 11. September 2001 keine Sendungen gemacht hat – das würde Pocher nie passieren.
„Schmidt & Pocher“. Die Erinnerung an diesen zum Scheitern verurteilten Versuch der ARD, zwei diametrale Zielgruppen zwangszuvereinigen, wird über allem schweben, was die beiden in den nächsten Monaten so treiben. Schmidt hat als Solist bereits zu alter Schärfe zurückgefunden. Oliver Pocher steht seine Premiere als Late-Night-Talker am heutigen Freitag um 22.15 Uhr auf SAT.1 bevor. Kein schöner Sendeplatz – am sogenannten „Fun Freitag“ ging schon viel in die Hose. Das Unternehmen Größenwahn startet mit Shakira und Johannes B. Kerner als Gästen.

Pocher, geboren 1978 in Hannover, gibt sich cool. Aber er weiß, dass die Latte hoch hängt. Schmidt hat vorgelegt – mit der feinen Idee, Pochers Exfreundin Monica Ivancan Brausepulver aus dem Bauchnabel zu lecken. Ein Tiefschlag natürlich – aber Tiefschläge sind die Welt von Oliver Pocher. Er fremdelte immer mit der konsensversessenen ARD, die in ihm stets nicht mehr als ein Verjüngungsvehikel sah, eckte bei den allmächtigen Gremien an und war es leid, dass ihn das Feuilleton zum Klotz an Schmidts Bein herunterschrieb. „Ich habe die Sendung kaputt gemacht, und Harald war der Gute“, schmollt er noch immer. Bei der ARD habe er gelernt, „mit einem WDR-Redakteur zu arbeiten, der hauptsächlich Nachrufe schneidet“. Und worum geht es in Pochers Show? „Kultur, sehr, sehr viel Kultur“, witzelt er. Das also schon mal nicht. Also nur Boulevard? Trägt das? „Da wird es auch mal um Politik und Sport gehen, das wird aber auch die schöne Society- und Partywelt betreffen.“ Neues aus Sandy-Meyer-Wölden-Land also. Über seine schwangere Neue, im Hauptberuf „Schmuckdesignerin“, hat der 31-Jährige einst gefrotzelt: „Zu jung zum Sterben, zu alt für Lothar Matthäus.“

Die Late Night, die Königsklasse für TV-Entertainer, ist ein seltsames Format. Es gelten strenge Regeln (Stand-up-Eröffnung, Skylineglitzern im Hintergrund, Schreibtisch, Kaffeetasse, Studioband) – gleichzeitig ist viel Raum für Anarchisches. An diesem Spagat – in den USA kongenial vorgeführt von David Letterman, Conan O’Brien oder Jimmy Kimmel – sind in Deutschland schon viele gescheitert. Schnell vergessen waren die Satirebemühungen von Thomas Gottschalk (RTL), Thomas Koschwitz (RTL), Anke Engelke (SAT.1), Daniel Hartwich (RTL), Niels Ruf (SAT.1 Comedy) oder auch Dieter Moor in der Schweiz und Hermes Phettberg in Österreich.

Profundes Breitenwissen ist Voraussetzung, Pochers Humor aber fehlt die Doppelbödigkeit, die zu entschlüsseln ja gerade den Witz der Late Night ausmacht. Immer nur Gags über Jenny Elvers-Ebertzhagen sind auf Dauer selbst solchen Zuschauern zu langweilig, die „Explosiv“ oder „Taff“ für Nachrichtensendungen halten. Pocher, dessen Fernsehkarriere am 28. Oktober 1998 mit einem Auftritt bei Bärbel Schäfer begann, entlarvt zumeist nicht, er beleidigt. Überhaupt ist Pocher, der einst als Zeuge Jehovas mit dem „Wachtturm“ in Hannover von Haus zu Haus zog, als Stand-up-Komiker ein einziges großes Missverständnis. Er mag ein cleverer Parodist und Schnellschießer sein, der Lukas Podolski ganz niedlich drauf hat. Von einem echten Late-Night-Katalysator aber, der das Geschehen der Woche Punch für Punch noch einmal satirisch aufbereitet, auf dass das geneigte Publikum anschließend gut schlafen möge, ist der gelernte Signal-Iduna-Versicherungskaufmann und frühere Hochzeits-DJ weit entfernt. Schmerzfrei mag er sein – aber er pokert hoch. „Es gibt bestimmt genug Leute, die mir was auf die Fresse hauen wollen“, sagte er kürzlich. Am besten gefalle ihm am neuen Studio, „dass es meins ist. Wir wissen ja, dass das heutzutage auch ganz schnell wieder vorbei sein kann.“ Auf kopfschüttelnde Kritiker hat er sich eingestellt.

Würde er Schmidt in seine Sendung einladen? „Warum sollte ich?“, sagt Pocher. „Ich will mir ja nicht die Quote kaputt machen.“ Umgekehrt will auch Schmidt Pocher nicht einladen. Auf die entsprechende Frage gab der Altmeister die kürzestmögliche Antwort: „Nein.“ Wie konnte das überhaupt passieren, das Experiment „Schmidt & Pocher“? Schmidt: „Sie müssen sich auch teilweise mit Viren infizieren, die zunächst mal anscheinend tödlich wirken, aber dann entsteht eine neue Art.“