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Medien & TV NDR preist mit Nordsee-Dreiteiler die Heimat
Nachrichten Medien & TV NDR preist mit Nordsee-Dreiteiler die Heimat
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17:37 13.04.2009
Der NDR zeigt nach Ostern eine Meereschronik. Quelle: David Hecker/ddp
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Es weht ein heimattümelnder Hauch durchs Fernsehland, unablässig, wie ein behaglich stimmendes Volkslied: „Kein schöner Land in dieser Zeit“. Der Komponist Anton Wilhelm Florentin von Zuccalmaglio scheint Mitte des 19. Jahrhunderts ein öffentlich-rechtliches Programmschema besungen zu haben. Als gäbe es nichts anderes zu tun in den Landesfunkhäusern, stimmen sie ein Hohelied auf den eigenen Standort nach dem nächsten an – auch der NDR. „Lust auf Norden“, „Nordseereport“, „Land und Leute“, „Rund um den Michel“, „Land und Liebe“, „Landpartie – im Norden unterwegs“. Dazu Reportagen, Dokus, Reisetipps, Volksmusiksausen und Historytainment wie „Die Geschichte der Nordsee“ – Ingo Helms dreiteilige Lektion leidlich kritischer Heimatkunde, die im Morast wimmernder Geigen versinkt (Start: 14. April, 21.45 Uhr).

Dabei ist das Projekt eigentlich ehrgeizig: das Leben der Menschen eines Landstrichs zu erzählen, der vor 8300 Jahren in der Eiszeitschmelze zur Küste wuchs. Wie sie dort sesshaft wurden und Händler, Piraten wurden, Wale jagten oder Bronze gossen, dann Deiche bauten, Revolutionen anzettelten und Fisch fingen. „Wie viele von ihnen ihr Leben ließen, ist unbekannt“, raunt der Sprecher zum Thema Ursprünge der Seefahrt aus dem Off, „das Meer hat sogar ihre Erinnerungen verschlungen“.

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So funktioniert regionalisierte Unterhaltung: viel Aufwand, viel Drama, viel Zuhause. Denn erst wenn Historiker mit Vornamen Hauke heißen und über sspitze Ssteine sstolpern und selbst der Direktor des Landesmuseums Natur & Mensch namens Mamoun Fansa das R nordischer rollt als eingeborene Oldenburger, erst dann fühlt sich das Publikum offenbar geborgen. Die Dritten Programme, sagt die zuständige Redakteurin Patricia Schlesinger, sollten den Einwohnern „eine Heimat im positiven Sinne“ bieten. „Lokal fühlen, global denken“ laute ihr Credo. Aber was, fragt sie, „kann denn öffentlich-rechtlicher sein als ihnen auch Geschichte näher zu bringen?“

Zum Beispiel die lokalen Gefühle mal mit eigenen Ideen, eigener Inspiration unterfüttern, statt immer nur kommerzfernsehgeschulte Sehgewohnheiten zu füttern. Also Dokumentationen machen, wie es einst Rolf Schübel oder Lutz Hachmeister probierten, wie Aelrun Goette oder Andrea Morgenthaler es heute tun. Stattdessen ist in dem Dreiteiler alles wie gehabt: spannende Fakten, populäre Umsetzung, schön vor der eigenen Haustür gekehrt.

Und so reiht sich „Die Geschichte der Nordsee“ doch wieder nur ein in all die Selbstvergewisserungen maximaler Schollenverbundenheit. Keine Frage, wie jede Tageszeitung hat auch die Gemeinschaftsanstalt der Küstenländer ein Angebot mit Lokalkolorit zu liefern. Aber steht eigentlich im Rundfunkstaatsvertrag, dass die Heimat gepriesen werden muss, wo es nur geht? Nein, tut es nicht.

Und doch beschleicht den kritischen Zuschauer bisweilen das Gefühl, unterfordert, ja: unterwandert zu werden von den Dritten. Allem voran beim MDR. Das Gezeigte reduziert sich dort längst auf exakt zwei Themenschwerpunkte: Volkstümliches und Ostalgie. Der Bayerische Rundfunk, 1964 als erstes Regionalprogramm auf Sendung, nutzte die Macht ortsüblicher Emotionen schon mal zur stundenlangen Liveübertragung staatskatholisch organisierter Demos gegen das Kruzifix-Verbot an Schulen.

„Kritischer Regionalismus war gestern“, schrieb die politische Zeitschrift „Das Parlament“ schon vor fünf Jahren zu dieser Art TV. Heute dagegen dominiere auf den Sendern, die sich doch einst als Nischen für Bildung, Avantgarde und Kultur verstanden haben, ein Mix aus „Heimattümelei, Kochtopfjournalismus, Infotainment und Boulevardisierung“. Genau in diese Richtung, pflichtet der langjährige NDR-Redakteur Jürgen Bertram bei, habe sich keine andere Programmschiene „so revolutionär entwickelt“. In entpolitisierten Fernsehzeiten zieht man sich lieber zurück ins Private, versendet ohne Quotennot Wiederholungen der ARD (also Tatort, Tatort, Tatort) und betreibt Lokalpatriotismus nach Noten. Für die Heimat.

von Jan Freitag