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Medien & TV NDR-Intendant Lutz Marmor über ARD-Baustellen
Nachrichten Medien & TV NDR-Intendant Lutz Marmor über ARD-Baustellen
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13:09 07.03.2013
Im Interview: NDR-Intendant Lutz Marmor.
Im Interview: NDR-Intendant Lutz Marmor. Quelle: dpa
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THEMA QUALITÄT

Herr Marmor, zunächst Glückwunsch zum Oscar für die ARD-Mitproduktion „Liebe“.
Vielen Dank, das Verdienst gebührt in diesem Fall dem Bayerischen Rundfunk. Das Beispiel zeigt, dass unsere Redakteure einen Riecher für gute Filme haben. Ich habe mich gefreut, dass auch die vom NDR koproduzierte Dokumentation „Töte zuerst“ nominiert wurde. Das ist ein Genre, das wir in Deutschland maßgeblich pflegen.

Auf der anderen Seite heißt es immer wieder, dass es schwierig sei, im deutschen Fernsehen gute Stoffe unterzubringen.
Gut, Produzenten stehen auf der anderen Seite, sie möchten natürlich möglichst viel unterbringen. Wenn man aber genau hinschaut, sind da viele starke Stoffe im Programm. Mehrfach hatten wir auch im Fernsehfilm am Mittwoch schwierige Themen, „Operation Zucker“ über Kinderprostitution zum Beispiel. Oder der historische Film „Nacht über Berlin“. Solche Spielfilme werden häufig auch durch Dokumentationen ergänzt . Denken Sie auch an die Amazon-Geschichte, die für Furore gesorgt hat und online bereits nach zehn Tagen 2,2 Mio Abrufe hatte, bei der Ausstrahlung waren es noch einmal zwei Millionen Zuschauer. Man darf auch nicht vergessen, dass wir anders als zum Beispiel die Amerikaner eine sehr starke Kultur des Fernsehfilms haben, der immer wieder Themen setzt. Natürlich bin ich da parteiisch, aber wenn ich mir das Programm anschaue, sehe ich durchaus sehr viel gutes Fernsehen.

Gerade die Amazon-Reportage wird weiter diskutiert - der Vorwurf steht im Raum, dass die Macher überspitzt, gar verfälscht hätten. Wie beschäftigen Sie sich im Nachhinein mit solchen Vorwürfen.
Bei uns liegt die redaktionelle Verantwortung bei den einzelnen Sendern, in diesem Fall beim Hessischen Rundfunk. Dazu haben wir eine Chefredakteursrunde, in der die ARD-Stücke des Vortages diskutiert werden. Ich glaube schon, dass der Beitrag die Dinge journalistisch so wiedergegeben hat, wie sie sind. Amazon hat ja auch schon gehandelt, und das Thema ist dort noch nicht beendet. Auf jeden Fall ist es den Redakteuren gelungen, ein aktuelles Thema für die Öffentlichkeit - in dem Fall sehr wirksam - aufzubereiten. Es gehört zum Journalismus, in einem zulässigen Rahmen zuzuspitzen. Aber ich bin überzeugt, dass die Geschichte Hand und Fuß hat.

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THEMA RUNDFUNKBEITRAG

Weniger Berechtigung hat gefühlt in Teilen der Bevölkerung der neue Rundfunkbeitrag.
Wir haben es mit einer grundlegenden Reform zu tun, die viele Menschen betrifft. Wir haben 42 Millionen Kundenkonten beim Beitragsservice in Köln, und wenn nur ein Prozent Fragen hat oder sich für sie etwas ändert, dann sind das schon 400.000 Menschen. Und genauso gilt es für Firmen, Institutionen, Städte und Kommunen, die in unterschiedlicher Art und Weise betroffen sind. Dass sich für die wenigsten Menschen etwas ändert, sehr vieles einfacher läuft und manche auch weniger zahlen müssen, darüber wird allerdings selten berichtet.

Viele Kommunen beklagen, sie zahlten jetzt teilweise das Vierfache. Wie kann das sein?
Das kann man in Einzelfällen nicht ausschließen. Aber da müssen wir genau hinsehen, ob die damaligen Meldungen dann auch korrekt waren. Es kann vereinzelt auch Interpretationsfehler von Seiten der Kommunen geben. Beim Beispiel der Berufs-Feuerwehren verstehe ich die Aufregung nicht. Denn es wird, unabhängig von der Zahl der Fahrzeuge, ein Beitrag erhoben, das sind maximal 17,98 Euro. Für die freiwilligen Feuerwehren fallen gar keine Kosten an. Vielleicht ist da in der Übermittlung etwas falsch gelaufen. Den Kommunen haben wir im Vorfeld aber auch angeboten, dass wir jederzeit beratend helfen. Das ist unsere Aufgabe, aber es darf nicht der Eindruck entstehen, wir machten die Gesetze selbst.

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THEMA VERJÜNGUNG

Thema Jugendkanal. Im vergangenen Jahr klang ZDF-Intendant Bellut absagend - zu schnell, zu teuer. Jetzt ist ZDFkultur gestorben. Wie stehen Sie zu dem Projekt?
Wir haben als ARD einen klaren Kurs. Wir möchten einen jungen Kanal und sind bereit, dafür einen unserer drei Digitalkanäle, nämlich EinsPlus vom Südwestrundfunk, aufzugeben beziehungsweise einzubringen - weil dort schon viele junge Formate laufen und die Kolleginnen und Kollegen dort das Know-how haben. Im Radio haben wir junge Macherinnen und Macher mit vielen Ideen. Diese wollen wir in einem trimedialen Konzept bündeln - als Anker das Fernsehen, dazu Netz und Radio. Dazu hätten wir gern das ZDF als Partner, weil es keinen Sinn macht, das als ARD allein zu stemmen.

Es wird oft kritisiert, dass die Zielgruppe der jungen Zuschauer nach dem Kika verloren geht und kaum zur ARD zurückkehrt.
Das wird manchmal ein bisschen überspitzt. Klar, dass die Privatsender sich auf die jungen Zuschauer konzentrieren, das ist ihr Konzept. Gerade für Werbung sind Kinder und Jugendliche eine wichtige Zielgruppe. Aber auch wir erreichen junge Zuschauer. Denken Sie an den Eurovision Song Contest, an den Tatort, die Fußball-Bundesliga oder auch die Tagesschau. Die 20 Uhr-Hauptausgabe erreicht bei den unter 30-Jährigen einen Marktanteil von über zehn Prozent. Bei „Heute“ vom ZDF sind es oft deutlich weniger.

Und die RTL2 News?
In der jungen Zielgruppe sehen die 20 Uhr-Tagesschau in etwa gleich viele Zuschauer wie die RTL II News. Aber man muss sich auch anschauen, was das für News bei RTL II sind. Ich bin dabei kein Kulturpessimist: Wenn man jung ist - das ging mir auch so - hat man auch noch andere Interessen als nur das Nachrichtenschwarzbrot der Tagesschau.

ZDFneo ist unglaublich populär bei einer gebildeten Zuschauergruppe zwischen 20 und 40. Hat die ARD verschlafen, diese Gruppe für sich zu begeistern?
Was heißt verschlafen? Wir hatten schlicht und ergreifend nicht das Geld. Wir haben uns an die Vorgaben gehalten und unsere drei ARD-Digitalkanäle kosten weniger als ZDFneo allein. Man kann zwar sagen „Geld schießt keine Tore“ und „Geld macht kein Programm“, aber man braucht schon gewisse Mittel. Die hatte die ARD so nicht. Das ZDF hat zuvor weniger Stellen abgebaut als wir und muss das jetzt nachholen. Auch wir sparen: Wir haben unseren Etat für Sportrechte gesenkt, und wir haben den Etat bei der Degeto (Anmerkung der Redaktion: Gemeinsame Filmeinkaufsorganisation der ARD) für Film und Fernsehbeispiele kürzen müssen. Das ZDF hat in den letzten Gebührenrunden etwas mehr Geld bekommen, das kann man dann auch entsprechend einsetzen.

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THEMA PROBLEM VORABEND UND DEGETO

Die Degeto hat sich personell neu aufgestellt, war auch wegen vieler eher anspruchsloser Produktionen in der Kritik. Wird es da spürbare Veränderungen geben?
Ja, aber das dauert. Die Degeto hat den Auftrag, die Programmfarbe am Freitag, die eher für leichte Stoffe und Komödien steht, beizubehalten. Aber man kann das auch anspruchsvoller und besser machen, ohne die Menschen zu verlieren. Qualität und Quote sind kein Widerspruch. Außerdem hat die Degeto einen unverdient schlechten Ruf. „Der Turm“ und „Nacht über Berlin“ wären ohne die Degeto beispielsweise nicht möglich gewesen. Wir möchten ein besseres Budgetmanagement erreichen und relevantere Themen aufgreifen. Wir stellen jetzt die Weichen, damit das in eineinhalb, zwei Jahren auf dem Bildschirm sichtbar wird.

Neben dem Freitagabend ist vor allem der Vorabend ein schwieriges Thema.
Mit dem Vorabend müssen wir Geduld haben. Wenn ein Format wie „Verbotene Liebe“ an Zuschauerakzeptanz verliert, und das nicht zu ändern wäre, dann wird man irgendwann sagen müssen, es gibt keine Ewigkeitsgarantie! Die gab es auch für „Marienhof“ nicht. Die Konkurrenz ist stark – und das Publikum ist erst einmal verteilt. Wir haben auch teilweise Irrwege eingeschlagen - das kann man nicht anders sagen. Dadurch haben wir Zeit und Zuschauer verloren. Fernsehen ist auch eine Kunst und der Zuschauer bleibt unberechenbar. Aber das macht die Aufgabe ja auch so anspruchsvoll und spannend zugleich.

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THEMA TALKSHOWS UND STEFAN RAAB

Die Zahl der Talkshows bleibt weiterhin konstant?
Wir haben lange Zeit vier Talks im Ersten gemacht, dass jetzt mit einer Sendung mehr die Diskussion so eskaliert, ist schon interessant. Grundsätzlich gilt, dass Live-Fernsehen Eventcharakter hat und besonders stark ist. Das Gespräch gehört zur politischen Kultur. Dass nicht jede Ausgabe gleich gut gelingt, ist klar. Die Kritik aus dem vergangenen Jahr - zu wenig Themenvielfalt, zu wenig weibliche Gäste, zu wenig Abwechslung - haben wir ernst genommen. Natürlich gibt es auch hier keine Ewigkeitsgarantie. Aber ich finde nicht, dass das unser größtes Problem ist.

Ist es für Sie ein Problem, dass Stefan Raab im Rennen um einen Platz beim Kanzlerduell ist?
Ich werde nicht beurteilen, welche Moderatoren andere Sender auswählen. Wir haben mit Stefan Raab beim Eurovision Song Contest sehr gut zusammengearbeitet. Er ist ohne Zweifel ein sehr guter Moderator und die Welt würde nicht untergehen, wenn er dabei ist. Allerdings war es früher so, dass die Sender erst einmal miteinander geredet haben und dann an die Öffentlichkeit gegangen sind.

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THEMA ONLINE

Wie wichtig ist Online für die Zukunft der ARD?
Da halte ich es mit dem Telekom-Chef René Obermann, der mir einmal sagte, dass in Deutschland die langfristigen Trends unterschätzt und die kurzfristigen überschätzt werden. Ich glaube, langfristig werden Fernsehen und Internet ohne Frage zusammenwachsen . Dann brauchen wir auch eine Gesamtquotenmessung. Aber es wird nicht ganz so schnell gehen, wie einige das vielleicht vermuten.

Woran liegt das?
Die Umstellung der Technik braucht ihre Zeit. Wir müssen uns diese Türen offenhalten und gute Inhalte anbieten. Denn nur gute Inhalte finden auch ihren Weg ins Netz. Allerdings sind das noch Einzelbeispiele und kein Massenphänome n. Selbst beim Olympiastreaming hatten wir einen großen Erfolg, aber wenn man das mit den Zuschauerzahlen im linearen Fernsehen vergleicht, sind die Zahlen immer noch sehr deutlich geringer. Oder die Fußball-Europameisterschaft: 400 000 Leute haben den Stream genutzt, 28 Millionen das Fernsehen. Fernsehen ist eindeutig das Leitmedium!

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THEMA STREIT MIT KABEL DEUTSCHLAND

Aktuell beschäftigt die Kunden vor allem, wann sich die öffentlich-rechtlichen Sender mit den Kabel-Betreibern einigen werden.
Es gibt da leider noch keinen neuen Stand. Ich halte diese Form des Streits für unnötig und überflüssig. Wir haben rechtzeitig vor vier Jahren angekündigt, dass wir die Einspeisegebühren für unsere Programme nicht mehr zahlen werden. Dass die Kabelbetreiber das jetzt gerichtlich überprüfen lassen, ist ihr gutes Recht. Gleichzeitig sprechen wir auch noch miteinander und suchen nach einer Lösung. Da kann ich es nicht verstehen, dass die andere Seite auf einmal die Leistung verknappt. Das ist kundenunfreundlich.

Ist das denn rechtlich zulässig?
Bis zu einem bestimmten Grad darf beispielsweise die technische Qualität des Bild-Angebotes abgesenkt werden und es dürfen auch Programme, die in einem Bundesland nicht gesetzlich vorgesehen sind, herausgenommen werden. Ich hoffe aber auf die Vernunft bei den Kabelbetreibern. Zumindest habe ich gehört, dass es keine weitergehenden Pläne gibt.

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THEMA NACHFOLGE BEIM WDR

Ihre Vorgängerin an der Spitze der ARD, Monika Piel, hat überraschend ihren Posten als WDR-Intendantin aufgegeben. Richten Sie gedanklich schon Ihr neues Büro in Köln ein? Sie wurden als Nachfolger bereits ins Spiel gebracht.
Das ist sehr ehrenvoll. Aber ich fühle mich beim NDR sehr wohl. Wir haben den Vorsitz der ARD und schon deshalb muss ich auch gar nicht länger darüber nachdenken. Das ginge schlicht und einfach nicht. Der WDR ist noch ein bisschen größer als der NDR, und wenn es Menschen gibt, die mir das zutrauen , dann ist das auch ein Kompliment für den NDR und unsere ganze Mannschaft.