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Medien & TV N24 soll verkauft werden
Nachrichten Medien & TV N24 soll verkauft werden
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19:46 08.02.2010
Von Dirk Schmaler

Manche Tage bleiben im Gedächtnis. Für den Nachrichtensender N24 ist der 27. November 2009 so ein Datum. Im Sender nennen ihn einige den „E-Day“. E für Ebeling. Es war der Tag, an dem der ProSiebenSAT.1-Chef Thomas Ebeling in einem Interview beschrieb, was ihm zum Thema Nachrichten einfällt. Sie seien „in jedem Fall ein Zuschussgeschäft“ und wohl „für das Image bei Politikern wichtig, aber nicht unbedingt bei allen Zuschauern“. Etwas verkürzt: Informationssendungen sind zu teuer, nicht zielgruppen- und werberelevant, unzeitgemäß. Ein ärgerlicher Quoten- und Gewinnkiller.

Nun denkt Medien-Neuling Ebeling, der noch bis vor anderthalb Jahren als Pharmamanager tätig war, darüber nach, die Nachrichtenproduktion einfach abzuschaffen. N24 soll verkauft werden, und für die anderen Sender der Gruppe – SAT.1, PRO7 und Kabel 1 – könnten schon bald Nachrichten eingekauft werden, statt sie selbst aufwendig zu sammeln und zu produzieren. Das spart Kosten.

Ebelings Vorstoß in Zeiten der Krise trifft einen Nerv. Nicht, weil journalistisches Wohl und Weh des TV-Betriebs von N24 abhinge. Im Gegenteil: In der Programmplanung des Senders ist der eigentliche „E-Day“ schon eine ganze Weile länger her. Das Aktuellste an dem Programm sind oft das Laufband am unteren Bildrand und die Uhrzeit oben rechts. Dazwischen geht es weitgehend unbeeindruckt vom Tagesgeschehen die meiste Sendezeit um Dinge wie „Salz“, „Das Wunder Tresorbau“ oder „Luxus Segelschiff“. Dazu werden die immer gleichen Reportagen über den „Zehn-Millionen-Dollar-Bagger“, obskure Waffensysteme oder den Bau von Hochhäusern versendet.

Dennoch hat ausgerechnet das drohende Aus für den Mega-Bagger-Senders nun die Qualitätsdebatte in den TV-Nachrichten neu entfacht. Ein Grund: Die N24-Redaktion bestückt nicht nur ihr eigenes Programm mit Nachrichten, sondern auch die „Newstime“ auf PRO7, die „SAT.1-Nachrichten“ und die „Kabel-1-News“ – Mehrfachverwertung inklusive. Wenn nun, wie gemunkelt wird, einige N24-Mitarbeiter und der Ex-„Spiegel“-Chef Stefan Aust den Sender übernehmen sollten, stünde die nach eigenen Angaben zweitgrößte Privatsendergruppe Europas plötzlich ohne eigene Nachrichtenkompetenz da. Ein Dammbruch, dem weitere folgen könnten.

Die Frage, die nun in der Fernsehbranche heiß diskutiert wird, lautet: Ist der im Rundfunkstaatsvertrag festgeschriebene Informationsauftrag der TV-Vollprogramme in Zeiten der Informationsflut womöglich nicht mehr zeitgemäß? Schon schicken Politiker Solidaritätsadressen an die Sendermitarbeiter. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) warnte sogar, dass ein Großteil der Bevölkerung „ohne den Fortbestand echter Nachrichten in den privaten Sendern von aktuellen Informationen abgeschnitten“ sei. Auch die Landesmedienanstalten sind in Sorge: Der Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs dürfe nicht „reinen Geschäftsstrategien geopfert werden“, heißt es in einem aktuellen Beschluss.

Politiker und Medienwächter denken nun darüber nach, die Privatsender künftig dazu zu zwingen, ihre Inhalte eigenständig zu produzieren und dafür einen vorgeschriebenen Anteil ihres Budgets aufzubringen. „Wir werden uns in den nächsten Wochen bemühen, dem Gesetzgeber Vorschläge zu übermitteln, die auch Grundlage für eine gesetzliche Novellierung des Rundfunkstaatsvertrages sein könnten“, kündigte der Vorsitzende der Direktorenkonferenz, Thomas Langheinrich, vor wenigen Tagen an.

Anders als ProSiebenSAT.1 will RTL zwar an den Nachrichten festhalten, allerdings wehren sich beide Sendergruppen gegen den Zwang zur Information. Sie verweisen auf die Übermacht der gebührenfinanzierten Öffentlich-Rechtlichen im Nachrichtensegment, auf die veränderten Sehgewohnheiten der Zielgruppe, die sich nicht mehr primär über das Fernsehen informiere, und auf ihre unternehmerische Freiheit. „Für mich stellt sich die Frage, ob es verfassungsrechtlich überhaupt zulässig ist, privaten Sendeunternehmen die Art und Weise vorzuschreiben, in der sie Nachrichten produzieren“, sagte Ebeling. Außerdem müsse man neu darüber nachdenken, wie man abseits althergebrachter Nachrichtensendungen auch politisch wenig Interessierte für Informationen begeistern kann.

Noch ist über die Zukunft von N24 nicht entschieden. Bis zum März will Ebeling alle Optionen prüfen. Das zehnjährige Bestehen jedoch feierte der Sender Ende Januar schon mit einer nostalgischen Werbekampagne, die nach Abschied aussah. Unter dem Motto „Nachrichten, die man nicht vergisst“ ließ der Sender im eigenen Programm vergangene Großereignisse Revue passieren – vom Anschlag auf das World Trade Center über die Tsunami-Katastrophe bis zum Abschied von Michael Jackson. Immerhin: Der „E-Day“ war noch nicht dabei.

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