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Medien & TV Mehmet, Tiere, Sensationen
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06:15 22.06.2012
Von Imre Grimm
Foto: Bergfest bei der Fußball-EM - Zeit für einen Blick auf die medialen Merkwürdigkeiten
Bergfest bei der Fußball-EM - Zeit für einen Blick auf die medialen Merkwürdigkeiten Quelle: Symbolfoto / dpa
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Hannover

Der Fußball hat viele schöne Wörter hervorgebracht: „Halbfeld“, „hohes Bein“, „Schnittstellenspieler“. Doch dann kam Béla Réthy und suchte ein Wort für den Körperteil, den Arjen Robben für Kopfbälle verwendet. Denn ein Béla Réthy sagt nicht einfach „Kopf“. Und so entschied sich der ZDF-Kommentator für das zeitlos schöne Kompositum „Oberhaaransatzhinterkopf“. Danken wir also der deutschen Grammatik für die Zulässigkeit zusammengesetzter Hauptwörter und dem ZDF für Béla Réthy.

Aber dann, als Deutschland gegen die Niederlande 2:1 führte, hob Réthy zu einem mathematischen Vergleich an, der ziemlich, nun ja, hinkte: Deutschland stehe jetzt „mit einem Dreiviertelbein“ im Viertelfinale, sagte Réthy. Gemeint waren wohl anderthalb bis eindreiviertel Beine, während ein Dreiviertelbein ja rechnerisch kürzer ist als ein Komplettbein.

Halbzeit bei der Fußball-EM. Zwischenstand bei der Berichterstattung: Es ist und bleibt ein hartes Brot, 31 EM-Spiele zuzutexten. Aber während die reine Spielbegleitung bei ARD und ZDF noch als solide, wenn auch espritarme TV-Rohkost durchgeht, ist das mediale Rahmenprogramm reich an Skurillitäten. Ein Blick auf die medialen Merkwürdigkeiten der EM 2012:

DIE TIERORAKEL-SCHWEMME
Im Sauerland soll es noch einen beschäftigungslosen Molch geben. Es dürfte sich so ungefähr um das letzte Tier auf deutschem Boden handeln, das die EM 2012 noch nicht als Tierorakel bereichert. Twitternde Tourismusdirektoren und andere Stadtmarketingfüchse erklären jedes Meerschweinchen, jedes Erdmännchen zwischen Flensburg und Füssen zum legitimen Nachfolger von Krake Paul, dem großen alten Mann der Sportweissagung. Eine Auswahl: Im Tierpark Aue ist das Zwergotter-Weibchen Ferret im Einsatz, im Hamburger Tierpark die beiden Elefanten Shahrukh und Shanti. Auf Usedom haben sie sich ein Möwen-Orakel ausgedacht. Als wäre Usedom mit ZDF-Möwe „KMH“ und dem „Ollever“ nicht schon geschlagen genug. Und in Bayern muss die arme Mini-Bulldogge Xaver gar im Deutschland-Trikot ran. Wo ist der WWF, wenn man ihn braucht? Erst wenn das letzte Huhn gefressen, die letzte Kuh geflädelt und die letzte Sau gegrunzt hat, werdet ihr feststellen, dass Tierorakel auch nur Werbung sind.

LIEBLOSES KERNGESCHÄFT
Es muss schon viel schieflaufen, damit man sich als ZDF-Zuschauer Johannes B. Kerner und Jürgen Klopp zurückwünscht. Aber was der Experten-Titan Oliver Kahn und Katrin Müller-Hohenstein da draußen auf der Ostsee in ihrem Heringsdorfer Wellnesszentrum vor leeren Liegestühlen abliefern, ist biederstes Usedomer Fernsehgarten-Fernsehen – peinliche Twitter-Bemühungen hin oder her. Kahn vermittelt den Eindruck, der Rest der Welt bestehe ja doch nur aus ahnungslosen Milchbrötchenlutschern. Und „KMH“ sieht er dabei an wie etwas, das die Katze hereingebracht hat. Immerhin: ZDF-Intendant Thomas Bellut hat schon versprochen, dass es „dieses Format zur Fußball-WM in Brasilien nicht mehr geben soll“. Viel angenehmer: „Mehmet Scholl-Latour“ („11Freunde“), der kratzige Welterklärer der ARD, der keine Notwendigkeit darin sieht, schlechte Laune durch Höflichkeit zu überspielen. Punktgewinn auch für „Sportschau“-Neuzugang Matthias Opdenhövel, der den privat verhinderten Gerhard Delling beim Spiel Deutschland gegen Dänemark cool und souverän vertrat („Gut, Mehmet, sortier dich erst mal“).

DER TIEFPUNKT: „WALDIS EM-CLUB“
Für Fußball-Comedy gilt die alte Regel: Nicht jeder, der „högschde Dischziplin“ über die Lippen bringt, ist ein guter Jogi-Löw-Imitator. Das gilt insbesondere für Matze Knop. Der frühere Bielefelder Privatradiokasper ist „Kult-Kaiser“ bei „Bild.de“ und darf an ARD-Abenden bei „Waldis Club“ öffentlich sein parodistisches Potenzial ausloten. Aber eine künstliche Halbglatze macht noch keinen Beckenbauer.

Knops humoristische Bemühungen sind das größte Ärgernis dieser inhaltleeren Phrasensause namens „Waldis Club“, die die ARD jetzt schon viel zu lange als Rahmenprogramm zu Großturnieren anbietet. Es ist eine Schande: Da sitzen nach dem Spiel Millionen Fußballfans vor der Glotze, wollen Bilder sehen, Porträts, spannende Hintergründe, süffisante Glossen, Emotionen, Analysen, Reportagen. Stattdessen stolpert Waldemar Hartmann in Leipzig mit Brezeln und Bier durch Kalauer von 1972 – unterstützt von wechselnden Antiquitäten aus dem Halbfeld des öffentlichen Lebens (Michael Rummenigge, Eduard „Ede“ Geyer, Costa Cordalis, Hansi Müller, Elmar Wepper, Frank Elstner). In pseudolockeren 42 Minuten diskutiert man die irre originelle Frage, ob der Nationalmannschaft „die Typen fehlen“. Dazu singt das Leipziger Publikum bierselig „Trulala“. Hartmann und Knop haben dazu einen EM-Song namens „Die Besten in Europa“ aufgenommen. Im Video trägt „Waldi“ eine blonde Hippie-Perücke und hat damit ganz offiziell den gefürchteten Hauptsache-ich-bin-im-Fernsehen-Zustand erreicht. Knop würde kalauern: Das ist hart, Mann!

„FRAUENFUSSBALL“ AUF MALLORCA
Eine chauvinistische Perle liefert der Zwergsender Comedy Central: Er lässt in den Halbzeitpausen der „echten“ EM-Spiele merkwürdige Mädchen auf Mallorca in knappen Höschen und BH zum Elfmeterschießen auflaufen, darunter die unvermeidliche Micaela Schäfer, die sich für noch konsequentere Nacktheit schon auf links drehen müsste. Auch mit dabei: Gina-Lisa. Nicht mit dabei: Jerome Boateng.

UND WO BLEIBT DAS POSITIVE?
Alles schlimm also? Nicht doch. Drei Beispiele für feine EM-Randständigkeiten: 1. Auf der Webseite www.marcel-ist-reif.de versuchen sich Laien als Livekommentatoren – und nicht alle sind schlecht. 2. Unter @lukastagebuch twittert Jan Böhmermann („Roche & Böhmermann“) als fiktiver Lukas Podolski aus dem deutschen EM-Quartier. Beispiel: „Heute chilli vanilli mit Mesut, Samy und Basti. Zun Mittag haben wir uns BigMacSuppe gewünscht.“ Oder: „Schlechte Nachrichten: Lahm passt nicht in den Hotelsafe. Nicht mal mit kräftig drücken“. Und 3. Es ist der siebten Spieltag, Spanien gegen Irland in Danzig. Irland liegt 0:4 zurück, und die irischen Fans singen lauthals „The Fields Of Athenry“, ein Lied über die irische Hungersnot um 1850. Und ARD-Reporter Tom Bartels schweigt. Fünf Minuten lang. Gänsehautstimmung. Da zeigte sich mal, welche Kraft dieser Sport hat. Dass man ihn nicht künstlich befeuern muss mit Comedy und Tralala.

Man kann solche Momente nicht kalkulieren. Aber ein bisschen weniger Waldi Hartmann würde dem Spiel gut tun.

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18.06.2012
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