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Medien & TV Maria Furtwängler brilliert in „Schicksalsjahre“
Nachrichten Medien & TV Maria Furtwängler brilliert in „Schicksalsjahre“
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07:30 11.02.2011
Von Imre Grimm
Maria Furtwängler (r.) als Ursula Heye
Maria Furtwängler (r.) als Ursula Heye Quelle: ARD
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Einmal, nur ein einziges Mal, bricht es aus ihr heraus: „Dieser verdammte Scheißkrieg!“ – sie weint, sie sackt zusammen. Sie kann nicht mehr. Der Krieg hat ihr alles genommen; den Mann, die Liebe, die Fähigkeit, Glück zu empfinden. Am Ende sieht es so aus, als habe Ursula Heye (Maria Furtwängler) verloren. Aber es fühlt sich nicht so an für sie. Das Schicksal hat alles versucht. Aber es hat sie nicht kleingekriegt. „War alles umsonst?“, fragt die Tochter. „Nein“, sagt Ursula.

„Vom Glück nur ein Schatten“ hieß das Buch, in dem Uwe-Karsten Heye, ehemaliger Regierungssprecher unter Gerhard Schröder, 2004 seiner 1992 verstorbenen Mutter Ursula ein Denkmal setzte. Mehrere Drehbuchfassungen brauchte die Produktionsfirma Teamworx, bis aus dem 192-Seiten-Stoff, geschrieben aus der beobachtenden Perspektive des Sohnes, eine epische Geschichte mit Identifikations­potenzial für Millionen Zuschauer wurde. Der Trick: Drehbuchautor Thomas Kirchner machte Ursula Heye zum emotionalen Mittelpunkt. Das Ergebnis ist ein Fernsehfilm, wie er nur selten zu sehen ist.

In geschickt montierten Rückblenden und warmen, schwelgerischen Bildern erzählt Regisseur Miguel Alexandre („Die Frau vom Checkpoint Charlie“, „Die Patin“) die Geschichte einer unbeugsamen Überlebenskünstlerin. Berlin, 1938: Ursula, Sekretärin beim U-Boot-Kommando der Marine mit einer Leidenschaft fürs Klavierspielen, heiratet den Varietésänger Wolfgang Heye (Pasquale Aleardi). Beide lieben Schumann und die Papageno-Arie aus Mozarts „Zauber­flöte“. Zwei Kinder kommen zur Welt, Uwe und Bärbel. Doch die Großstadtidylle zerbirst, der Krieg reißt die Familie auseinander. Wolfgang desertiert von der Wehrmacht, wird in ein Strafbataillon abkommandiert. Ein Himmelfahrtskommando. Nur eine Woche Glück erlebt die Familie: Fronturlaub. Die vier sitzen an der Ostsee, in Wolfgangs Augen spiegelt sich das Grauen, das er erlebt hat. Er spielt mit den Kindern. Ein Fluchtplan nach Schweden reift, aber er bleibt nur ein verzweifeltes Hirngespinst.

Nach einem Zwangseinsatz in einem Minenfeld bei Stalingrad gilt Wolfgang als gefallen. Und Ursula, inzwischen mit den Kindern bei ihren Eltern in Danzig untergekommen, steht auf der Passagierliste der „Wilhelm Gustloff“, betritt das Schiff aber nicht. Beide Ehepartner überleben den Krieg – und halten sich gegenseitig für tot. Doch dann klingelt 1957 Ursulas Telefon. Eine Frau ist in der Leitung: „Wolfgang lebt“, sagt sie. „In Stuttgart.“

Zutiefst berührend ist diese Geschichte einer kantigen Heldin, die lernt, ihre Rechte einzufordern. Nazis, DDR, BRD – drei politische Systeme erlebt Ursula, dazu genug Schicksalsschläge für drei Leben. Und immer versucht sie, pragmatisch, aufrecht und unkorrumpierbar zu bleiben, sammelt im Kriegslazarett heimlich Informationen für den Widerstand. Sorgsam arbeitet sich der Film durch die Zeitläufte, streift die Pogromnacht 1938, die Not der Nachkriegszeit, die Reinstallierung ehemaliger Nazigrößen in den jungen Jahren der Bundesrepublik.

„Schicksalsjahre“ zeigt Maria Furtwängler in ihrer bisher stärksten Rolle. Sie ist weit mehr als nur die vergrübelte Schöne, als bloß Charlotte Lindholm unter Nazis. „Seit der ,Flucht‘ habe ich mich verändert“, sagt die 44-Jährige. „Ich habe einen Schauspiel-Coach, der mich auch auf der emotionalen Ebene weiterbringt.“ Das kann man sehen. Man nimmt sie ihr alle ab: Sekretärin, Sängerin, Braut, Mutter, Pianistin in Fliege und Frack (sie spielt selbst), sogar die staubige, ergraute Trümmerfrau. Sie raucht wie ein Schlot, und sie gibt sich sexy wie noch nie: Ihre enge Freundin Norah (hinreißend: die ungarische Schauspielerin Dorka Gryllus) wird in der Einsamkeit der Nachkriegszeit zur Geliebten. Zu sehen ist nicht mehr als ein Kuss, aber der ist vergleichsweise koffeinhaltig. „Der Filmkuss ist hauptsächlich eine technische Angelegenheit“, sagt Furtwängler. „Da macht es keinen Unterschied, ob man eine Frau oder einen Mann küsst. Die Frau hat vielleicht weichere Lippen. Aber in der Nachkriegszeit gab es viel mehr Frauen als Männer. Viele haben auf engem Raum zusammengewohnt. Sie hatten Sehnsucht nach Nähe, nach Zärtlichkeit, nach all den Jahren der Angst und Schufterei.“

Bis in die Nebenrollen ist das Drama perfekt besetzt. Herausragend: Günther Maria Halmer als Ursula Heyes duldsamer Vater Franz. Und Merab Ninidze als Niklas Psathos, griechischer Übersetzer in sowjetischen Diensten, der sich auf einen Flirt mit Ursula einlässt.

Uwe-Karsten Heye selbst hat Schwierigkeiten mit dem Titel „Schicksalsjahre“. „Der Titel hat Tücken“, sagt der 70-Jährige. „Er könnte den Eindruck erwecken, dass das Schicksal über die Menschen hereinbricht ohne ihr eigenes Zutun. Dabei haben auch damals die Menschen ihr Schicksal in der eigenen Hand gehabt.“ Die Dreharbeiten hat er eng begleitet, viel mit Furtwängler gesprochen, ihr auch ein Fotobändchen seiner Mutter gegeben, in dem diese die sieben glücklichen Tage an der Ostsee verewigt hatte. Bei einer Vorführung des Films sei Heye tränenüberströmt hinausgelaufen, erzählt Furtwängler. Nur vier Jahre verbrachten seine Eltern als Paar zusammen. Nach dem Krieg war ihre Liebe erkaltet. „Doch diese vier Jahre“, sagte Heyes Mutter einmal, „wiegen ein Leben auf.“

„Schicksalsjahre“ hätte leicht zur kitschigen Vergötterung einer angebeteten Mutterfigur geraten können. Doch dem Team gelang ein großer, historischer, dichter Bilderbogen über Liebe, Schmerz und Sehnsucht, der Raum lässt für kleine, ­leise Szenen, für Schwäche und damit: Menschlichkeit. „Schicksalsjahre“ ist Fernsehen in Bestform. Eine universale, deutsche Familiengeschichte, die ein großes Publikum verdient.

Der Zweiteiler „Schicksalsjahre“ mit Maria Furtwängler kommt am Sonntag und Montag, jeweils um 20.15 Uhr im ZDF; eine Dokumentation ist am Sonntag um 21.50 Uhr zu sehen.