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Medien & TV Maria Furtwängler brilliert im düsteren Lindholm-„Tatort“
Nachrichten Medien & TV Maria Furtwängler brilliert im düsteren Lindholm-„Tatort“
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17:00 11.12.2011
Von Imre Grimm
Ihr 19. Fall ist der bislang düsterste für die hannoversche Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler). Quelle: dpa
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Hannover

Und dann fällt plötzlich die Luke zu, und die Kommissarin sitzt fest in diesem modrig-feuchten Kellerloch. Ein paar Quadratmeter nur, dicke Betonwände, Kinderspielzeug liegt auf einem dürren Bettgestell, Handschellen hängen am Bettpfosten. Die Lampe flackert, niemand der Kollegen draußen hört ihr Klopfen, ihr Rufen. Und dann kommt die Angst, sie kriecht den Nacken hinauf bis in die Haarspitzen. Was ist hier passiert? Wer musste hier leiden? Jahrelang? Was ist das Böse, das Menschen zu Monstern werden lässt?

Ihr 19. Fall ist der bislang düsterste für die hannoversche Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler). Zwar gibt sie anfangs wieder die kühle Blonde aus der Großstadt zwischen schratigen Dorfbewohnern, die alle aussehen, als hätten sie gerade eine Katze ertränkt. Aber etwas ist anders diesmal. Die Sache geht tiefer. Eine klaustrophobische, klamme Grundstimmung liegt über dem Drama von Regisseur Roland Suso Richter („Dresden“, „Mogadischu“). Mit sicherem Blick für das Detail und das elegante Bild erzählt er einen Kampusch-Fall in Norddeutschland, der dem Zuschauer viel abverlangt.

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Der Fall explodiert buchstäblich in Lindholms Leben: Eine Tierpension fliegt in die Luft, als sie, von einem Tier abgelenkt, auf einer Dorfstraße mit ihrem Auto auf einem Betonpoller landet. Werner Kästner stirbt, ein unauffälliger, scheinbar harmloser Biedermann. Seine Ehefrau gibt sich merkwürdig verhuscht. Was ist der Hintergrund? Ein Unfall? Versicherungsbetrug? Eifersucht? Doch die Kommissarin spürt: Hier geht es um mehr. Welche Rolle spielt die geheimnisvolle Laube im Wald, in der Kästner heimlich viel Zeit verbrachte? Warum zickt die halbwüchsige Zeugin Lilli Fichte (Janina Stopper) so herum? Und warum fällt Lindholms Kollegin Sigrid Malchus (Inka Friedrich) der LKA-Ermittlerin in den Rücken, als die beiden die Eltern der kleinen Emma befragen? Das Mädchen war mehrere Tage verschwunden und erzählt eine merkwürdige Geschichte von einem „schwarzen Tiger“.

Stück für Stück entwickelt Drehbuchautorin Ulrike Molsen in ihrem „Tatort“-Debüt diese beklemmende Geschichte, immer hart entlang am Fall Natascha Kampusch, die acht Jahre lang im Verlies ihres Entführers lebte, bis sie sich befreien konnte. Das hätte auch sehr schiefgehen können. Es kommt selten etwas Gutes dabei heraus, wenn der „Tatort“ die „Tagesschau“ nachspielt. Diesmal aber funktioniert die Sache.

Die verzwickte Story bleibt dicht, packend und glaubwürdig, obwohl sich auch in diesem „Tatort“ das große Leiden der Ermittler fortsetzt. Der „Tatort“-Ermittler als solcher leidet ja ganz gerne in letzter Zeit, seit sich herausgestellt hat, dass alkoholkranke, traumatisierte skandinavische Grummelkommissare mit Strubbelhaaren ganz gut laufen auf dem Krimimarkt. Und so wird nach Kräften gelitten. An sich selbst. An der Schlechtigkeit der Welt. Oder eben an der Liebe, wie im Fall Lindholm. Madame sind verliebt. Der coole Reporter Jan (Benjamin Sadler) geht ihr nicht aus dem Kopf. Und so sieht man die kühle Dame erstmals auch mit roten Bäckchen und ganz süß verknutscht. Die sonst so kontrollierte Trenchcoatträgerin agiert plötzlich unlogisch, impulsiv, wie in Trance. Und – huch! Sogar ein Brustansatz blitzt in einer Liebesszene durch. Zum Kaffee trifft man sich schräg gegenüber vom Neuen Rathaus in der „HBX Brauerei“ – was den Laden im echten Leben freilich auch nicht vor der Insolvenz bewahrte.

Das muss man erst einmal schaffen: eine so gespenstische, todtraurige Geschichte mit der Verknalltheit der Protagonistin zu verbinden, ohne dass es peinlich wird. Das liegt an der klugen Regie, die auf optisches Tischfeuerwerk und billig nachgebaute Tarantino-Sperenzien verzichtet und sich nüchtern auf die fassungslosen Gesichter ihrer Figuren konzentriert. Und es liegt am sparsamen, starken Spiel der Hauptdarstellerin. Es ist Lindholms bisher stärkster Fall.

Tatort – Schwarze Tiger, weiße Löwen“ | ARD

Mit Maria Furtwängler und Benjamin Sadler Sonntag, 20.15 Uhr