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Medien & TV Lena Meyer-Landrut und der Nicht-Skandal
Nachrichten Medien & TV Lena Meyer-Landrut und der Nicht-Skandal
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20:13 05.05.2010
Von Imre Grimm
Lena Meyer-Landrut Quelle: Frank Wilde (Archivbild)
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Sie war 18 Jahre alt, damals. Sie galt als unschuldig. Und sie beschwor den ersten Nackt-Skandal des deutschen Fernsehens herauf: Die Bluse, die Leonie Stöhr 1970 in der ZDF-Sendung „Wünsch Dir was“ trug, war durchsichtig. Die Empörung schlug hohe Wellen: nackte Brüste im Fernsehen! Es gab Schmäh- und Drohbriefe, sogar Bombendrohungen. 40 Jahre danach sagte Leonie Stöhr: „Nacktheit? Damit lockst du doch heute niemanden mehr hinterm Ofen vor.“

So kann man sich täuschen. Nun hat Lena Meyer-Landrut, ebenfalls 18, gezeigt, dass auch sie über alle körperlichen Attribute eines gesunden Mädchens verfügt. Bombendrohungen blieben zwar aus. Doch die Nation ist wahlweise amüsiert, erfreut, oder – auch das kommt vor – ein bisschen enttäuscht.

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Die Badeszene aus einer gefloppten Soap, die RTL da aus dem Archiv gefischt hat, erregt all jene, die hinter dem Unschuldsimage der braven Abiturientin von jeher Kalkül witterten und sich nun bestätigt fühlen: Alles nur gespielt! Die scheinbar naive Lena – in Wahrheit ein abgezocktes TV-Sternchen. Aber stimmt das?

Seit Theodor FontanesEffi Briest“ zeichnet das deutsche Publikum eine heimliche Leidenschaft für unangepasste höhere Töchter aus – diese Liebe erlebt jetzt eine harte Prüfung. Denn natürlich verändert Lenas Mitwirken an solch billigem TV-Unfug das Bild der gutbürgerlichen Gymnasiastin, die aus Spaß an der Freude an einem ernsthaften Sangeswettstreit teilnimmt und quasi aus Versehen zum Star wird. Und selbstverständlich relativieren die Bilder ihrer Pool-Plantscherei die schöne Geschichte von dem Zauberwesen, das aus dem Nichts kam. Die Biestigkeit mancher Kommentatoren im Netz aber trägt pathologische Züge: Wie enttäuschte Liebhaber zeihen sie Lena mit heftigsten Worten der Täuschung, weil sie den schüchternen Shootingstar nur gespielt habe.

Tatsächlich hat sich Lena in einer der ersten „Unser Star für Oslo“-Sendungen selbst als „mega-unerfahren“ bezeichnet. Aber war das gelogen? Hätte sie im Sommer 2009, lange vor ihrer Grand-Prix-Sternenreise, schon ahnen können, dass ihr RTL aus dem harmlosen Filmchen einst einen Strick drehen würde? Ist es verwunderlich, dass sie ihr Kurzzeit-Engagement als Aushilfsactrice der TV-Produktionsfirma Constantin Entertainment lieber nicht ungefragt zur Kenntnis gab, als es in Sachen Grand Prix langsam ernst wurde? Drei einmalige Kurzeinsätze in Pseudo-Dokus kann man wohl kaum „Erfahrung“ nennen – schon gar nicht bereiten sie eine junge Frau auf eine mediale Explosion vor, wie Lena sie erlebt hat. Hinzu kommt: Ihre Tätigkeit als Komparsin war längst bekannt. Das wirklich Bemerkenswerte an diesem Vorgang: Er verrät etwas über die Maßstäbe der modernen Medienwelt, in der schon 18-Jährige sich für „Jugendsünden“ rechtfertigen sollen.

Lena selbst gibt sich gelassen: „Ich habe das gemacht. Ich habe mich damals nicht dafür geschämt und ich schäme mich auch heute nicht“, sagte sie am Dienstagabend bei einer Show in Berlin. „Ich habe ja keinen Porno gedreht.“ Inzwischen wäre sie freilich vorsichtiger: „Ich konnte damals ja nicht wissen, dass ich mal so in den Medien präsent bin. Vielleicht würde ich es heute nicht mehr machen.“ Gestern sagte sie der dpa in Köln: „Seit meinem zwölften Lebensjahr wollte ich Schauspielerin werden. Da hab’ ich das als ziemlich leichte Möglichkeit gesehen, da reinzuschnuppern.“

Aber es ist eben so: Nichts erfreut das Boulevardherz mehr als ein Engelsgesicht mit „schmutziger Vergangenheit“. 2004 stempelte „Bild“ die damals 24-jährige Sibel Kekili zur Schlampe ab („Deutsche Film-Diva in Wahrheit Porno-Star“) – nicht ohne entsprechenden Bildnachweisen ausgiebig Raum zu geben. Das „Film-Früchtchen“ („Bild“) hatte gerade mit Fatih Akins Film „Gegen die Wand“ seinen Durchbruch geschafft.

Diesmal ist nicht „Bild“, sondern RTL die treibende Kraft – offenbar ist man dort noch immer beleidigt, dass sich Deutschland nicht in den „DSDS“-Gewinner verknallte, sondern in Lena. Der Zeitpunkt ist perfide gewählt: An diesem Freitag erscheint Lenas erstes Album „My Cassette Player“ – der Titel spielt auf ihre Vorliebe für „Bibi Blocksberg“-Kassetten an, sagt sie. Darauf sind 13 Titel, darunter „Satellite“ und Coverversionen von Adeles „My Same“ und der Jason-Mraz-Ballade „Mr. Curiosity“.

Während das Nackt-Skandälchen verebbt, festigt sich Lenas Favoritenrolle für Oslo. Selbst ein aserbaidschanischer Fanclub wählte sie kürzlich auf Platz Eins aller 39 Kandidaten. Die deutsche Delegation bekommt aus ganz Europa Glückwünsche zu dieser „Entdeckung“. Während des zweiten Halbfinals wird Lena der BBC in Oslo ein Liveinterview geben – all das zeigt klar, dass man auf sie setzt. Ungewöhnlich viele Balladen zeichnen den ohnehin sehr schwachen ESC-Jahrgang 2010 aus – das erhöht ihre Chancen. Mit ihr hoch gehandelt wird die Sängerin Safura aus Aserbaidschan, die sich bei ihrem Popsong „Drip Drop“ von etwas mopsigen Männern umtänzeln lässt. Auch der norwegische Tenor Didrik mit der (irisch klingenden) Hymne „My heart is yours“ dürfte im eigenen Land weit vorn landen.

Die Nacktszene dürfte Lena nicht schaden. Im Übrigen, sagt sie: „Bei uns in der Familie hat man immer gesagt: In der Zeitung von heute wickelt man morgen den Fisch ein.“

Da ist es wieder, das coole, selbstbewusste Fräulein Meyer-Landrut.

Mit einer Doku am Donnerstag um 0.30 Uhr feiert PRO7 Lenas neues Album. Am Freitag ist sie zu Gast in der „NDR Talk Show“, 22 Uhr. Um 0 Uhr folgt dort eine Lena-Doku.

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