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17:35 18.01.2010
Quatsch-Comedy-Club-Moderator Thomas Hermanns im Gespräch.
Quatsch-Comedy-Club-Moderator Thomas Hermanns im Gespräch. Quelle: ap (Archiv)
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Herr Hermanns, Sie gehören zu den Wegbereitern der deutschen Comedy. Fühlen Sie sich jetzt als der letzte Mohikaner?
Nein, wieso? Ich fühle mich sehr arriviert. Ich hatte in der 14. Staffel des „Quatsch Comedy Clubs“ zum ersten Mal einen Comedian, der so alt war wie die Sendung selbst. Also vierzehn Jahre alt. Der wurde quasi gezeugt, als ich zum ersten Mal bei Pro Sieben durch die Tür kam.

Täuscht der Eindruck, oder macht sich die Comedy in der Krise im Fernsehen rar?
Ich habe den gegenteiligen Eindruck: RTL zum Beispiel hat irrsinnigen Erfolg mit den Soloprogrammen von Standup-Comedians. Die Form ist wahrscheinlich deshalb so erfolgreich, weil sie direkt an den Zuschauer herangeht.

Aber bei RTL sieht man doch bloß die üblichen Verdächtigen: Mario Barth, Cindy aus Marzahn ...
RTL hat auch riesigen Erfolg gehabt mit Leuten wie Bülent Ceylan, die bis dahin noch gar nicht so bekannt waren.

Die Comedy im Fernsehen hat sich also nicht überlebt?
Ach was, die Frage höre ich jetzt seit 1994 jedes Jahr wieder. Die Trends ändern sich halt. Standup, Sketch-Comedy, Sitcom oder Harald Schmidt – das war am Anfang alles dasselbe für den Zuschauer.

Das Genre hat sich nur ausdifferenziert?
Ja, da gibt es große Geschmacksunterschiede. Ich glaube nicht, dass ein Kurt Krömer-Fan unbedingt Mario Barth guckt. Jeder kann sich aus dem großen Angebot aussuchen, was ihm gefällt. Talente gibt es genug. Im „Quatsch Comedy Club“ hatten wir noch nie so viele Newcomer wie in dieser Staffel.

Aber Frauen sind immer noch in der Minderheit.
Der Anteil wächst beständig. Im Live-Club sind wir jetzt bei einer erfreulichen 30-Prozent-Quote und in der Sendung vielleicht bei zehn Prozent.

Das ist immer noch wenig. Woran liegt’s?
Ach, der Job des Comedians macht sehr verletzlich, wenn keiner lacht, ist das eine traumatisierende Erfahrung. Vielleicht wollen sich Frauen diesem Liebesentzug nicht aussetzen, wenn es nicht funktioniert. Deshalb haben sich Frauen früher oft verkleidet in der Comedy. Heute verstecken sie sich nicht mehr hinter den Rollen. Cloocy Haber zum Beispiel gehört zu den Frauen, die als sie selber auftreten. Eine anarchistische Berlinerin, die sich um nichts schert.

Die Aussichten, dass Ihre Newcomer im Fernsehen Karriere machen, waren schon mal rosiger. Pro Sieben zeigt am Dienstagabend fast ausnahmslos Wiederholungen erfolgreicher Serien wie der „Simpsons“. Fürchten Sie nicht, dass die jüngeren Zuschauer gleich ins Internet abwandern – auf Seiten wie www.myspass.de ?
Das Internet ist natürlich ein ganz starkes Thema, wir zeigen dort auch unsere Live-Auftritte aus Berlin. Aber es ist eben nur ein neuer Vertriebsweg. Ich weiß zwar nicht, ob man den Leuten in zehn Jahren noch sagen kann, setzt Euch am Montag um 20 Uhr vor den Fernseher. Das klappt nur noch bei großen Events oder Castingshows. Das Fernsehen ist aber immer noch der größte Produzent von Content, der dann durch alle anderen Medien wandert.

Aber wenn nichts Neues kommt, weil die Sender nur bewährte Formate recyceln, läuft sich das Genre tot.
Ich sitze ja in der Jury des Deutschen Comedypreises, diese Gefahr sehe ich nicht. Die Dritten Programme machen jetzt auch wieder ein bisschen mehr.

Die ARD sendet anspruchsvolle Shows wie „Krömer“ oder „Inas Nacht“ gegen Mitternacht. Ist dieser Humor nicht mehrheitsfähig?
Doch, ich glaube schon. Das hat eher etwas mit mangelndem Mut zu tun. Früher hatte die ARD dafür auch in der frühen Late Night Sendeplätze. Die Sissy-Perlinger-Show zum Beispiel lief um 21.30 Uhr.

Im Augenblick scheint die Late Night einen kleinen Boom zu erleben. Wie gefällt Ihnen die „heute show“ im ZDF?
Sehr, sehr gut. Erst dachte ich, das ist eine Form, die gab es ja auch schon öfter. Die Produzenten haben aber einen sehr frischen Zugang dazu gefunden. Das Beispiel zeigt, dass Comedy bei allen Sendern funktionieren kann, wenn sie gut gemacht ist.

Was macht die heute-show denn anders als Harald Schmidt?
Harald Schmidt ist inzwischen so etwas wie ein wandelndes Ereignis. Die heute-show hat noch nicht diesen Heiligenschein.

In den USA läuft das Vorbild mit Jon Stewart bei Comedy Central. Warum funktioniert der deutsche Ableger des Senders nicht?
Die Grundversorgung mit Comedy ist im deutschen Fernsehen so gut, dass sich die Frage nach einem eigenen Spartenkanal nicht stellt.

Welche neuen Trends zeigen Sie in der neuen Staffel des Quatsch Comedy Clubs?
Der Osten holt stark auf. Aus Dresden und Leipzig kommen Leute wie Olaf Schubert, die eine große Trockenheit mitbringen. Stärker geworden ist auch die Fraktion der Surrealisten um Johann König. Daneben gibt es den Hang zur Requisite. Es tauchen auch mal wieder Instrumente auf. Und da ist René Marik, der seine Puppen mitbringt.

Interview: Antje Hildebrandt

Zur Person Thomas Hermanns
Thomas Hermanns, geboren 1963 in Bochum, stellt seit 1997 Comedians in seinem „Quatsch Comedy Club“ (Pro Sieben) vor. Die Idee dazu kam dem studierten Theaterwissenschaftler in New York, wo er sich nach dem Studium erfolglos als Interpret von Madonna-Songs durchschlug. Zurück in Deutschland, lud er regelmäßig Komiker ins „Imperial-Theater auf der Reeperbahn in Hamburg ein. 2002 eröffnete er sein eigenes Theater im Souterrain des Berliner Friedrichstadtpalastes, den „Quatsch Comedy Club“. Hier rekrutiert der Intendant, Drehbuchautor und Moderator den Nachwuchs fürs Fernsehen. Ab heute zeigt Pro Sieben die Folgen der 14. Staffel des Quatsch Comedy Clubs, di, 23.15 Uhr.

ahi