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Medien & TV "Jenseits der Mauer" thematisiert Zwangsadoptionen in der DDR
Nachrichten Medien & TV "Jenseits der Mauer" thematisiert Zwangsadoptionen in der DDR
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12:51 28.09.2009
Edgar Selge und Katja Flint spielen die Hauptrolle im ARD-Fernsehfilm "Jenseits der Mauer"
In den Hauptrollen: Edgar Selge und Katja Flint Quelle: obs
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Der fiktive ARD-Fernsehfilm „Jenseits der Mauer“ erzählt am Mittwoch (30. September, 20.15 Uhr) ein brutales Kapitel in der deutsch-deutschen Geschichte. In dem glänzend besetzten Kammerspiel hat Regisseur Friedemann Fromm („Vom Ende der Eiszeit“) nach einem Drehbuch von Holger Karsten Schmidt („Der Seewolf“) das Thema Zwangsadoption und seine Folgen einfühlsam aufgearbeitet.

Nach ihrer Verurteilung stellt das DDR-Regime Heike und Ulrich vor eine perfide Wahl: Sie können mit ihrem siebenjährigen Sohn Klaus in die BRD ausreisen, ihre zweijährige Tochter Miriam aber muss in der DDR zurückbleiben und wird zur Adoption freigegeben. Verweigern die Molitors die Zwangsadoption, bleiben beide für Jahre im Gefängnis und ihnen würden beide Kinder weggenommen. Schweren Herzens lassen Heike und Ulrich ihre Tochter zurück und gehen nach West-Berlin.

Die kleine Miriam wird von dem Ehepaar Pramann (Ulrike Krumbiegel, Herbert Knaup) adoptiert und liebevoll aufgenommen. Sie lebt fortan in Leipzig unter dem Namen Rebecca Pramann, ohne ihre wirkliche Herkunft zu ahnen. 1989, als Rebecca (Henriette Confurius) 17 Jahre alt ist, erfährt sie die Wahrheit. Wenig später fällt die Mauer.

Wie auch die anschließende Dokumentation „Trennung von Staats wegen“ (21.45 Uhr) belegt, wurden zu DDR-Zeiten etliche Eltern und Kinder unfreiwillig getrennt. Oft begegneten sie sich erst Jahre später als Fremde wieder. Zwischen 1950 und 1990 gab es etwa 75 000 Adoptionen in der DDR. Nicht selten wurde dabei Eltern das Erziehungsrecht aberkannt, um sie zu maßregeln. Denn Mütter und Väter hatten laut Familiengesetzbuch die Pflicht, ihren Nachwuchs „zur sozialistischen Einstellung zum Leben und zur Arbeit“ zu erziehen. Andernfalls konnte der Staat eingreifen. Wie viele Familien durch das DDR-Regime auseinander gerissen wurden, ist nicht bekannt.

Ausgehend von dieser dramatischen Situation, dieser laut Fromm „ganzen Perversion der deutschen Teilung“, verbindet der Regisseur in „Jenseits der Mauer“ einzelne Schicksale zu einem eindringlichen Dokument deutscher Geschichte. „Ihr seid richtige Verbrecher, wisst ihr das?“, fragt ein entsetzter Ulrich, als ihm die Stasi die Bedingungen für eine Ausreise aufzeigt. Doch der Film klagt nicht an, sucht nicht nach Schuldigen, ist weder Spektakel noch laut.

Vielmehr nähern sich die Darsteller ihren differenziert angelegten Figuren intensiv und offenbaren das ganze Ausmaß ihrer psychischen Qual zwischen Wut, Verzweiflung, Kampf und Hoffnung. Das gilt sowohl für Selge und Flint als leibliche Eltern als auch für Knaup und Krumbiegel als Adoptiveltern, die jede für sich in ihrem Alltag nach Wahrheit suchen. Deutlich wird zudem der Konflikt, mit dem die junge Generation kurz vor dem Fall des Eisernen Vorhangs zurechtkommen muss: Denn neben Rebecca stellen auch ihr Jugendfreund Victor (Hanno Koffler) und ihr Westbruder Klaus (Franz Dinda) ihre Zukunft ernsthaft in Frage.

Der Film bearbeite nicht nur einen historischen Stoff, sondern zugleich ein aktuelles Thema - „nämlich die Suche nach der eigenen Identität und den Umgang mit Schuld“, beschreibt Fromm. Das Drehbuch bewerte die Verhaltensweisen der Figuren nicht. „Es stellt einfach dar, wie Menschen mit dem Druck umgehen, die die jeweiligen Systeme auf sie ausüben“, sagt der Filmemacher.

Zwar kommt auch „Jenseits der Mauer“ nicht ohne die üblichen Bilder von Demonstrationen und später von strahlenden Menschen am Grenzübergang im November 1989 aus. Doch Fromm ist nach dem sehenswerten Dreiteiler „Die Wölfe“ erneut ein emotionales Drama gelungen, das zu keinem Zeitpunkt rührselig wird. Er lässt seine authentischen wie leisen Helden die Geschichte detailgetreu erleiden und erdulden, aber nicht aufgeben.

(Von Jana Werner, ddp)

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