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Medien & TV Helmut Schmidt liest Journalisten die Leviten
Nachrichten Medien & TV Helmut Schmidt liest Journalisten die Leviten
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14:11 08.05.2010
Bekam den Henri Nannen Preis für sein publizistisches Lebenswerk: Helmut Schmidt.
Bekam den Henri Nannen Preis für sein publizistisches Lebenswerk: Helmut Schmidt. Quelle: dpa
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Helmut Schmidt musste im Rollstuhl in den Saal geschoben werden. Viele Gäste der Gala zur Verleihung der Henri Nannen Preise fragten sich am Freitag im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, ob der gebrechliche 91-jährige Ex-Kanzler den Anstrengungen der zweieinhalbstündigen Veranstaltung gewachsen sein würde. Doch im Gespräch mit „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo zeigte Schmidt, dass er geistig hellwach ist und nichts von seinem Biss verloren hat. Er habe viele Menschen schlecht behandelt und es gebe vielleicht einiges in seinem Leben, was er bereuen sollte. Aber: „Die Journalisten und ihre Behandlung gehören nicht dazu.“

Schmidt wurde für sein publizistisches Lebenswerk mit dem Henri Nannen Preis ausgezeichnet. Und er nutzte die Gelegenheit, der versammelten Schar der Chefredakteure, Herausgeber und Star- Journalisten die Leviten zu lesen. Über zwei Medien hatte sich der „Zeit“-Herausgeber in den vergangenen Tagen besonders geärgert: Über den „Spiegel“ wegen seiner Griechenland-Titelblatts, das schon die ganze Eurozone vor der Pleite sah. Und über die „Bild“-Zeitung mit ihrer Kampagne gegen deutsche Hilfe für Griechenland. „Wenn das Mode würde in Deutschland, dass man nicht zu helfen braucht, dann müsste ich Angst bekommen um die Psyche des eigenen Volkes“, wetterte er aufgebracht.

Auch nach 25 Herausgeber-Jahren bei der „Zeit“ ist aus dem Politiker kein Journalist geworden. „Dafür fehlt es mir an der Ader zur Oberflächlichkeit“, ließ er wissen. Und zündete sich auf der Bühne die unvermeidliche Menthol-Zigarette an. Das Publikum dankte den ebenso bewegenden wie kurzweiligen Auftritt mit Beifall im Stehen.

Schmidts Ehrung war Höhepunkt und Abschluss einer Preis-Gala, die bemerkenswerte journalistische Leistungen auszeichnete. Das Spektrum erwies sich als extrem breit. Reportage-Preisträgerin Hania Luczak schilderte detailliert, was bei einer Darm-Transplantation geschieht. Die Preisträger in der Kategorie Humor, die Online-Ausgabe des Fußballmagazins “11Freunde“, wusste dagegen mit Nonsens-Kalauern zu unterhalten: „Fußball ist wie Schach, nur ohne Würfel“. Und der kanadisch-iranische Journalist Maziar Bahari berichtete eindrucksvoll von der Unterdrückung der Journalisten im Iran, für die er stellvertretend den Preis in der Kategorie Pressefreiheit entgegennahm. Zu der Gala im Schauspielhaus waren rund 1200 Gäste gekommen; neben Journalisten und Medienleuten auch Schauspieler, Politiker und Wirtschaftskapitäne.

Die Preisträger:

- Hania Luczak (Reportage/„Geo“)

- Katja Gloger, Jan Christoph Wiechmann, Giuseppe Di Grazia (Dokumentation/„Stern“)

- Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch, Jörg Schmitt (Investigation/„Spiegel“)

- Andreas Bock, Dirk Gieselmann, Fabian Jonas, Lucas Vogelsang (Humor/“11freunde.de“)

- Tomás Munita (Fotoreportage/„Geo“)

- Marc Baumann, Martin Langeder, Mauritius Much, Bastian Obermayer (Sonderpreis/Magazin der „Süddeutschen Zeitung“).

dpa