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Nachrichten Medien & TV Heftige Proteste trotz RTL-Charmeoffensive
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17:22 19.05.2009
Teenies sollen sich in der Sendung "Erwachsene auf Probe" einmal dem Eltern-Dasein stellen - und sind dabei unter ständiger Beobachtung der Kameras.
Teenies sollen sich in der Sendung "Erwachsene auf Probe" einmal dem Eltern-Dasein stellen - und sind dabei unter ständiger Beobachtung der Kameras. Quelle: RTL / Frank Hempel
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Von Torsten Landsberg

Köln. In der Sendung werden Kinder in verschiedenen Altersstufen, darunter auch Babys, an Teenager mit Kinderwunsch „verliehen“. Kritiker sehen darin eine Gefährdung des Kindeswohls und werfen dem Sender vor, für die Quote die Grenzen der Moral zu überschreiten.

Bereits vor rund zwei Wochen hatte sich der Kinderschutzbund entsetzt über die siebenteilige Sendung gezeigt, die ab 3. Juni ausgestrahlt werden soll. Das Format gefährde das Kindeswohl und sei nicht hinnehmbar. Inzwischen hat sich die Zahl der Kritiker ständig erhöht. Unter anderem haben sich der Hebammenverband, der Verband der Kinder- und Jugendärzte sowie bundesweit mehrere Politiker zum Format geäußert und RTL teilweise zu einem Verzicht der Ausstrahlung aufgefordert.

Für Freitag (22. Mai) hat RTL nun ein sogenanntes Screening des Formates angesetzt. Die Resonanz auf die Einladung sei jedoch mäßig, sagte RTL-Sprecher Frank Rendez. „Wir stellen uns gerne der Diskussion und hoffen auf eine rege Teilnahme“, sagte Rendez. Bislang habe von den Kritikern jedoch niemand für den Termin zugesagt.

Im ddp-Gespräch kündigte Renate Blum-Maurice ihre Teilnahme an der Sichtung an. Die fachliche Leiterin des Kinderschutzbundes Köln sagte, es sei zu prüfen, inwiefern die Persönlichkeitsrechte von Kleinkindern durch die Ausstrahlung berührt würden. Dazu zähle auch die Abwägung, ob eine Anzeige Aussicht auf Erfolg hätte. Eine Strafanzeige gegen den Sender gebe es ihrer Kenntnis nach bislang nicht.

Die Teilnahme des Kinderschutzbundes „freut uns“, sagte Rendez, dem allerdings noch keine Zusage vorlag. Der Sender werde die angeschriebenen Verbände und Personen, die noch nicht reagiert hätten, noch einmal kontaktieren und einladen.

Die Landesmedienanstalten (LM) von Rheinland-Pfalz, Hessen und Nordrhein-Westfalen erklärten am Dienstag, eine Instrumentalisierung von Babys und Kleinkindern sei aus ethischen Gründen nicht hinnehmbar. Auch sie fordern RTL zu einem Verzicht auf.

Hinter der Aufforderung stehen jedoch nur die ehrenamtlichen Gremien der LM. Deren gesetzliche Vertreter kündigten kurz darauf an, dass die für RTL zuständige Landesmedienanstalt Niedersachsen der Kommission für Zulassung und Aufsicht (ZAK) und der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) erst nach Ausstrahlung der Sendung eine medienrechtliche Bewertung vorlegen werde.

„Es gibt einen Unterschied zwischen der rechtlichen und der moralisch-ethischen Komponente“, sagte ZAK-Sprecher Axel Dürr. Forderungen nach einem Ausstrahlungsverbot seien mit der Rundfunkfreiheit nicht zu vereinbaren. Diese könne nur dann eingeschränkt werden, wenn durch die Ausstrahlung gegen geltendes Recht verstoßen werde: „Es wäre Zensur, die Sendung vorab zu verbieten“, sagte Dürr. Angestrebt werde dagegen die Diskussion um eine Selbstverpflichtung der Sender, moralisch bedenkliche Doku-Soaps nicht zu produzieren.

Die KJM werde nach der Ausstrahlung prüfen, welchen Einfluss die Sendung auf die Zuschauer habe. Ob es bei der Aufzeichnung zur Vernachlässigung von Kindern gekommen sei, müssten hingegen die zuständigen Jugendämter prüfen.

In „Erwachsen auf Probe“ werden Kinder in verschiedenen Altersstufen an vier Teenager-Paare mit Kinderwunsch „verliehen“, um deren Reife zu testen. Nach Angaben von RTL wurde die Sicherheit der Babys durch die ständige Anwesenheit einer Erzieherin, einer Kinderkrankenschwester und einer Psychologin gewährleistet. Die Mütter hätten die Aufzeichnung permanent verfolgt und die Möglichkeit gehabt, die Teilnahme ihrer Kinder abzubrechen.