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Medien & TV Hannover-"Tatort" rüttelt an Fußball-Tabus
Nachrichten Medien & TV Hannover-"Tatort" rüttelt an Fußball-Tabus
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20:28 19.03.2011
Von Imre Grimm
Ben (Luk Pfaff) ist schockiert über den Tod seines Freundes, Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) ermittelt.
Ben (Luk Pfaff) ist schockiert über den Tod seines Freundes, Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) ermittelt. Quelle: ARD
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Da ist er wieder, dieser Schatten. Plötzlich sind die Bilder von damals wieder da; Hunderte rot leuchtende Kerzen am Maschsee-Nordufer, trauernde Fans, eine Pressekonferenz. Ein toter hannoverscher Fußballprofi, der an der Schwelle zu einer großen Karriere im Nationalteam stand, ein drückendes Tabu, das die Karriere bedrohte. Vielleicht war Hannover 96 nicht der richtige Verein als Kulisse für diesen „Tatort“. Vielleicht ist die Trauer um Robert Enke noch zu frisch. Sein Schicksal hängt wie eine dunkle Wolke über diesem Krimi.

Auch Margot Käßmann, die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, hält den Drehort für problematisch. Gegenüber dem Web-Magazin „Das Wort zum Mord“ sagte sie: „Mich bedrückt, dass der Mord an einem Fußballer ausgerechnet bei Hannover 96 spielt. Ich habe damals die Trauerfeier für Robert Enke gehalten und denke, dass die Fans dort immer noch betroffen sind und voller Empathie.“

Dabei geht es gar nicht um Enke. Auch nicht um Depressionen. Aber es geht eben doch um ein Tabu im Profisport, um den Druck, unter dem die jungen Stars stehen, um die Panik, „enttarnt“ zu werden. Es geht um Kevin Faber (Stephan Waak), Jungstar im Formtief bei Hannover 96, der eines Tages tot am Maschsee gefunden wird. In einem Interview hatte er die Hooligan-Szene provoziert („Denen sollte man lebenslanges Stadionverbot erteilen“). Im Internet gab es Mordaufrufe. Ein Attentat aus Rache? Oder steckt etwas anderes dahinter? War Kevins Privatleben mit seiner schwangeren Freundin Sandra (Anna Herrmann) nur Fassade? Führte er ein Doppelleben mit männlichen Liebhabern? Ein Fall von tödlicher Eifersucht unter schwulen Sportlern?

Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) glaubt daran – und kämpft sich durch ein Dickicht von Verdächtigungen und Vorurteilen. Welche Rolle spielt Kevins 96-Mitspieler und Freund Ben Nenbrook (Luk Pfaff)? Was führt der undurchsichtige Spielerberater Leo Biller (Alexander Held) im Schilde? Ihre Recherchen führen Lindholm mitten unter finstere Schlägertypen aus der „Pithool-Division“, die sich nächtens zur Prügelei treffen, um Dampf abzulassen.

Düster und melancholisch ist Harald Göckeritz’ Geschichte um Stigmata und „Outing“-Angst – und erfreulich klischeefrei, von den obligatorischen Kondomen unterm Bett mal abgesehen. Regisseur Nils Willbrandt kleidete die Story in neblig-trübe Bilder. „Ich glaube nicht, dass ein ,Tatort‘ mal so nah dran war an der Fußballwelt“, sagt Willbrandt. Gedreht wurde unter anderem in den Katakomben der AWD-Arena und beim – echten – Nordderby Hannover 96 gegen den Hamburger SV (Endstand 3:2) vor 49 000 Zuschauern im Stadion. Und siehe da: Lindholm versucht sich mit Sohn David auf der Tribüne gar an einem „Olé, Olé!“. Und dann knistert es auch noch heftig zwischen ihr und dem undercover recherchierenden Reporter Jan Liebermann, cool und spröde gespielt von Benjamin Sadler. Er wird Lindholm nach dem gelungenen Einstand noch durch weitere Fälle begleiten.

Es ist der bisher hannöverschste Hannover-„Tatort“ geworden. Nicht nur des 96-Logos wegen, das gleich zu Anfang durchs Bild blitzt. Nicht nur der echten 96-Spieler wegen, die in geschickt geschnittenen Spielszenen kurz zu sehen sind. Nicht nur der Sweatjacke mit „Hannover“-Aufdruck wegen, die Lindholm zwischenzeitlich trägt. Drehbeginn war am 9. November 2010 – einen Tag vor dem ersten Jahrestag von Enkes Suizid. Gewollt oder nicht – die Erinnerungen an Enke in diesem Film irritieren. DFB-Chef Theo Zwanziger hatte Furtwängler die Idee angetragen, das Tabuthema Homophobie in einem „Tatort“-Plot unterzubringen. „Das fand ich eine gute Idee“, sagt die 44-Jährige. Auch 96-Präsident Martin Kind sagte: „Wir haben die Dreharbeiten gerne unterstützt.“ Es sei sinnvoll, dass solche Themen „in einem filmischen Umfeld dargestellt und so offener diskutiert werden können“.

Stellvertretend für die versteckten bürgerlichen Ressentiments, die kleinen Alltagsvorurteile, steht Lindholms Polizeikollege Paul Näter (Fritz Roth). Er demonstriert mit dämlichen Sprüchen („Wir heißen schließlich Hannover 96 und nicht Hannover 69“) die ganze oberflächliche Alltagshomophobie des Spießbürgers. „Warum darf ein Fußballer nicht schwul sein?“, erregt sich Lindholm. „Wo ist das Problem? Wir haben einen schwulen Außenminister, einen schwulen OB ...“ – „Reicht doch“, sagt Näter.

Dass in der aktuellen Bundesliga auch homosexuelle Profis spielen, bestätigt Tatjana Eggeling, die als Kulturwissenschaftlerin mit mehreren schwulen Sportlern sprach. „Schwule Fußballer leben unter einem immensen Druck“, sagte sie dem „Tagesspiegel“. „Irgendwann wird der fast unmenschlich. Sie bemühen sich extrem, als heterosexuell zu gelten. Das bindet unwahrscheinlich viel Energie. Und diese Energie fehlt im Spiel.“ Die Betroffenen hätten „schon in der F-Jugend gelernt, dass Homosexualität und Fußball nicht zusammenpassen“. Kernfrage sei dann später nur noch: „Wie schaffe ich es, mich 24 Stunden am Tag zu verstellen, ohne kaputtzugehen?“

Am Ende ist der 18. „Tatort“ aus Hannover nicht das „Brokeback Mountain“ der Bundesliga geworden, dafür aber ein komplexer, spannender Krimi, freilich mit einer allzu konventionellen Auflösung. Hooliganismus, Homophobie, betrügerische Bundesligaberater, die Schattenseiten des Millionengeschäfts, die Last des frühen Ruhms und ein Drache namens „Schnuffi“ – die Themenpalette ist beachtlich. Die entscheidenden Fragen aber kann auch dieser Film nicht beantworten: Warum eigentlich werden Homosexuelle im Profifußball stigmatisiert? Kollidiert da das männliche Selbstbild, das Ideal vom maskulinen Leistungssportler, mit der Lebenswirklichkeit? Oder könnte die Gesellschaft das Outing eines schwulen Profis nicht vielleicht sogar aushalten?

„Mord in der ersten Liga“ | ARD

Krimi aus der Reihe „Tatort“ Sonntag, 20.15 Uhr