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Medien & TV Härtetest für Facebook und Twitter
Nachrichten Medien & TV Härtetest für Facebook und Twitter
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11:00 05.02.2010
Von Dirk Kirchberg
Der Laptop als Ohr zur Welt: Alltag auf einem Bauernhof in Perigord. Quelle: Nicolas Matihias
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Fünf französische Radiojournalisten haben sich in dieser Woche für fünf Tage in einer Berghütte im Herzen des Perigord im Südwesten Frankreichs kasernieren lassen. Sie mussten ihre Mobiltelefone abgeben, es gab in der Hütte keinen Fernseher, kein Radio und keine Zeitungen. Dafür bekam jeder von ihnen einen Laptop, und ihre einzige Verbindungen zur Außenwelt stellten die sozialen Netzwerke Facebook und Twitter dar. Nur über kurze Nachrichten – bei Twitter sind diese maximal 140 Zeichen lang – durften sie mit ihren virtuellen Freunden kommunizieren, die ihnen berichten sollten, was in der Welt hinter den verschlossenen Türen passiert.

Ein wenig erinnert das Projekt, das sich das französische Radio ausgedacht hat, an „Big Brother“. Nur sollten hier nicht die Bewohner, sondern die sozialen Netzwerke vorgeführt werden. Gerade der Kurznachrichtendienst Twitter sollte auf den Prüfstand kommen. Nach einschneidenden Ereignissen wie den Terroranschlägen von Bombay im Jahre 2008 oder der Erbebenkatastrophe in Haiti in diesem Januar wurden oftmals über Twitter verschickte Nachrichten in vielen Medien als Referenz für die Lage vor Ort herangezogen. Doch wie zuverlässig sind die Informationen, die sich über 140 Zeichen mitteilen lassen? Das war die Frage, auf die die fünf Journalisten täglich während einer Livesendung eine Antwort finden sollten. So durften sie für ihre Berichte keine eigenen Recherchen anstellen. Françoise Dost, Generalsekretärin der öffentlichen französischsprachigen Radiosender, erklärte die Regeln des Projekts: „Die fünf haben sich damit einverstanden erklärt, nur über Twitter und Facebook mit der Außenwelt Verbindung aufzunehmen. Im Web surfen ist nicht erlaubt.“ Und genau hier ergibt sich ein Problem: Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter leben davon, dass die Nutzer Verweise zu Webseiten mit ausführlicheren Informationen verschicken können.

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Der US-amerikanische Medienprofessor und Journalist Jeff Jarvis bezeichnet diese Art der Informationsverteilung als „Link-Ökonomie“. In seinem Buch „Was würde Google tun“ betitelt er dieses Phänomen als „Small is the New Big“ (Klein ist das neue Groß). Jarvis meint damit, dass sich ein Link mit einer kurzen Information zu einer Sensation ausweiten kann. Das erste Bild des im Hudson in New York notgewasserten US-Airways-Flugzeugs im Jahre 2009 etwa wurde zuerst über Twitter verbreitet, fand dann seinen Weg auf die Fernsehbildschirme und schmückte einen Tag später die Titelseiten weltweit.

Eine Gefahr dieser Linkflut besteht allerdings im sogenannten „Information Overload“, also einer Welle von Daten und Informationen, die uns die Orientierung nimmt. Einer der am Projekt teilnehmenden Journalisten, Benjamin Muller, versuchte, diesen Datenschwall zu filtern, indem er seine Gefolgschaft bei Twitter in unterschiedliche Listen einteilte – je nach Glaubwürdigkeit. Heute endet das Projekt, und die Journalisten werden nun während dieser Woche erschienenen Zeitungen lesen und auswerten. Erst dann wird sich herausstellen, wie zuverlässig Twitter und Facebook als Quelle sind und wie sie die Ereignisse gewichteten.

Der Titel des Projekts „Huis Clos sur le Net“ (Hinter geschlossenen Türen im Internet) erinnert an das vom französischen Philosophen Jean-Paul Sartre geschriebene Theaterstück „Huis clos“ (Geschlossene Gesellschaft) von 1944, in dem sich drei Personen, unter anderem ein Journalist, nach ihrem Tod in einem geschlossenen Raum, der Hölle, wiederfinden. Die drei sind dazu verdammt, sich gegenseitig zu quälen. Der zentrale Satz im Stück des Existenzialisten lautet: „Die Hölle, das sind die anderen.“ Ob die fünf französischen Journalisten festgestellt haben, dass dieser Satz auch im Internet gilt, werden sie in den kommenden Tagen berichten.

Imre Grimm 16.02.2010
Christiane Eickmann 01.02.2010