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Medien & TV Frauen jenseits der 45 in „Klimawechsel“
Nachrichten Medien & TV Frauen jenseits der 45 in „Klimawechsel“
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20:21 06.04.2010
Von Stefan Stosch
Das Team der ZDF-Serie „Klimawechsel“. Quelle: dpa
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Sitzen eine Frauenärztin und ein Psychotherapeut bei einem Gläschen Champagner zusammen. Sagt die Gynäkologin: Hinter Lehrerinnen in meiner Klientenkartei schreibe ich immer ein „VZ“. Ich ein „NW“, sagt der Therapeut. Und was heißt das? Sie: „Verklemmte Zicke“. Er: „Neurotische Wachtel“. Und dann prosten sich Ärztin und Therapeut prustend zu.

Das ungefähr ist die Humorlage der von Doris Dörrie entwickelten ZDF-Serie „Klimawechsel“. Das Projekt widmet sich also nicht der globalen Erwärmung, wie der Titel vermuten ließe, sondern spielt auf ganz individuelle Hitzewallungen infolge der Wechseljahre an. „Die Serie ist aus purer Notwehr entstanden“, sagt Dörrie. Sie war entsetzt darüber, wie das öffentlich-rechtliche Fernsehen Frauen in ihrem Alter zeige, nämlich frei von Krisenangst und nach jeder Scheidung bereit für den nächsten tollen Mann im Leben.

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Nun hat Dörrie zurückgeschlagen – und das sonst so biedere ZDF hat womöglich zu seiner eigenen Überraschung mitgezogen. Die ersten beiden von insgesamt sechs Folgen hat Doris Dörrie, die sonst im Kino zu Hause ist („Hanami – Kirschblüten“, ganz aktuell läuft ihre Tragikomödie „Die Friseuse“), selbst inszeniert. Danach übernehmen die Regiekolleginnen Gloria Behrens und Vanessa Jopp den Stab.

Auf einen ziemlichen derben Witz müssen sich die Zuschauer und besonders die Zuschauerinnen also gefasst machen. Aber das geht in Ordnung, schließlich erwischt es ja alle gleichermaßen: In die Wechseljahre kommt früher oder später jeder – das gilt offenbar auch für Männer, zum Beispiel für den erblondeten Kurt (Horst Kotterba) in „Klimawechsel“, der mit sportlichem Fanatismus gegen das Älterwerden auf seinem Trimmfahrrad anstrampelt und beim Frühstück die Kalorien seiner Knäckebrote zählt. Ebenso leidet Oliver (Oliver Stokowski): Apathisch sitzt er auf dem Sofa sein Restleben ab, während Frau und Tochter sich jeden Morgen aufs Neue einen Zickenkrieg um die Besitzstände im Kleiderschrank liefern.

Im Zentrum steht jedoch ein Grüpplein von Lehrerinnen. Diese Frauen am Rande des Nervenzusammenbruchs versammeln all das, was man sonst auf den Gesundheitsseiten in bunten Zeitschriften über die hormonelle Katastrophe des weiblichen Geschlechts um die 50 lesen kann, im Fernsehen aber selten sieht.

Da ist die Deutschlehrerin Angelika (Maria Happel), die unter Hitzewallungen leidet und den Kampf um ihr Idealgewicht nur noch pro forma führt; tatsächlich hat sich Angelika den regelmäßigen Fressattacken im Bäckerladen längst ergeben. Die Mathematiklehrerin Beate (Ulrike Kriener) will sich mit mehreren Affären beweisen, dass sie noch nicht „unsichtbar“ geworden ist fürs männliche Geschlecht – im Zweifelsfall greift sie auch auf Hormontherapie oder Botox-Spritzen zurück.

Die Kunstlehrerin Desirée (Andrea Sawatzki) wiederum ist die Personifizierung einer an der Erschöpfungsgrenze operierenden Spätgebärenden und nebenbei auch noch verhinderte Künstlerin. Und dann ist da noch die verhuschte Biologielehrerin Cornelia (Juliane Köhler), die jedes Mal von fürchterlichen Panikattacken gebeutelt wird, wenn sie vor die Klasse muss – bis sie eine Affäre mit einem ihrer Schüler beginnt, der sie dann schwängert.

Hart am Rande des Klischees schrammt Dörrie entlang, die zusammen mit ihrer langjährigen Regieassistentin Ruth Stadler auch das Drehbuch geschrieben hat. Aufs Überspitzte und schreiend Komische zielt die Serie ab, die Stärke liegt in den deftigen Dialogen. Und das ist als Kompliment zu verstehen: Zur besten Sendezeit im ZDF erleben sonst gepflegte „Traumschiff“-Frauen oder afrikareisende Abenteurerinnen abgeschmackte Romanzen vor einer Sonnenuntergangs-Kulisse, nun wird ausgiebig über Vagina-Verengungen und Olivenöl als probates Mittel gegen Scheidentrockenheit gesprochen.

Offenbar hat sich Dörrie bei solch diffizilen Themen von US-Serien wie „Sex and the City“ inspirieren lassen. Umgekehrt gibt es nach Dörries Worten bereits Interesse jenseits des Atlantiks: Demnach denkt der amerikanische Sender HBO über eine Adaption von „Klimawechsel“ nach.

Welche Tragödie tatsächlich hinter manchem Lacher versteckt ist, will Dörrie gar nicht herausfinden. Würde sie tiefer schürfen, könnte es wehtun. Der Ansatz funktioniert, weil Dörrie über profilierte Schauspieler verfügt (neben den Genannten gehören beispielsweise auch Sophie von Kessel und August Zirner dazu), die ihre Figuren zumeist haarscharf vor der Karikatur retten. So gibt Dörrie ihren Zuschauern letztlich ein probates Rezept gegen die Unbill der Wechseljahre mit auf den Weg: Am besten man lacht sich über manche Unpässlichkeit einfach hinweg.

Klimawechsel“ im ZDF: eine Doppelfolge am Mittwoch, um 20.15 Uhr, dann jeweils donnerstags, um 21 Uhr.