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Medien & TV Familien am Abgrund im Kölner „Tatort: Keine Polizei“
Nachrichten Medien & TV Familien am Abgrund im Kölner „Tatort: Keine Polizei“
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17:51 07.01.2012
Von Imre Grimm
Voller Einsatz: Kommissar Schenk (Dietmar Bär, links) knöpft sich einen Verdächtigen (Jürgen Rissmann) vor.
Voller Einsatz: Kommissar Schenk (Dietmar Bär, links) knöpft sich einen Verdächtigen (Jürgen Rissmann) vor. Quelle: ARD
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Hannover

Ein toter Rentner liegt im Klingelpützpark in Köln, nur notdürftig im Laub verscharrt. Eine Zeugin hat gesehen, wie ein junger Mann am selben Ort nachts in einen weißen Lieferwagen gezerrt wurde. Eine Entführung? Ist der alte Mann zwischen die Fronten geraten? Wollte er helfen? Und warum starb er durch einen Stromschlag? Die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) stehen vor einem Rätsel. Bald wächst sich die Sache zu einem wahrhaft verzwickten Geflecht aus: Offenbar ist tatsächlich ein Unbekannter entführt worden. Doch die Ermittler haben keinerlei Hinweise – weder auf die Identität des Entführten noch die der Entführer. Und auch die Angehörigen melden sich nicht.

Das hat Gründe. „Keine Polizei“ heißt dieser solide „Tatort“ aus Köln. Doch bei einem sogenannten Offizialdelikt wie einer Entführung sind die Behörden verpflichtet, zu ermitteln – notfalls auch gegen den Willen der Opfer. Und so tasten sich Ballauf und Schenk dann doch vorsichtig an die Familie des mühsam ermittelten Entführten heran: Bauunternehmer Markus Wächter (Thomas Heinze), Vater des verschwundenen 22-jährigen Daniel, überspielt seine Angst mit Arroganz und will auf eigene Faust mit den Entführern verhandeln. Seine Ehefrau Pia (Ulrike Grote) betrügt er  mit einer Jüngeren. Die Familie steht kurz vor dem Auseinanderbrechen. Ein Hinweis?

Die Entführung des jungen Daniel erinnert an einen früheren Kölner Fall. Unter Verdacht geraten die Zwillingsbrüder Karg (eine kleine Parallele zum echten Fall der Reemtsma-Entführer und Brüder Lutz und Thomas Drach). Doch Elmar Thom (Oliver Bröcker), das Opfer von damals, ist ein gebrochener Mann und kann und will sich nicht erinnern. Er betreibt mit Schwiegervater und Ehefrau Heike (stark: Katharina Wackernagel) eine schlecht laufende Fahrschule. Die Konkurrenz ist sauer auf die drei, weil sie mit Dumpingpreisen Kunden anlocken, und wirft nachts auch schon mal eine Scheibe ein. Gibt’s Verbindungen zum Entführungfall? Und kann dieses seltsame, von Existenzängsten geplagte Fahrschul-Trio bei der Aufklärung helfen?

Regisseur Kaspar Heidelbach – es ist bereits sein elfter Kölner „Tatort“ – hat aus dem spannenden Stoff von Drehbuchautor Norbert Ehry einen stabilen Krimi gemacht, auch wenn der Zufall manche Lücke in der Story überbrücken muss. „In einem Prozess nach einem Entführungsfall habe ich mal ein traumatisiertes Opfer gesehen, einen Kerl wie ein Baum, aber psychisch war er ein Wrack“, sagt Ehry. „Diese Begegnung ist mir nie aus dem Kopf gegangen.“

Der Schuss Sarkasmus, das bisschen mehr Schärfe, das er in die Dialoge gemixt hat, steht den zuletzt etwas erschlafften Protagonisten ganz gut. So warnt Assistentin Franziska (Tessa Mittelstaedt) Freddy Schenk: „Wenn du mich noch mal Schäfchen nennst, erschieße ich dich!“ Stark, wie Ballauf mit unerbittlicher Härte das ehemalige Kidnappingopfer Elmar Thom unter Druck setzt. Da blitzt ein Stück diabolische Kraft aus seinen Augen, die man dem Kumpeltyp gar nicht zugetraut hätte.

Polizeipsychologin Lydia Rosenberg (Juliane Köhler) etabliert sich allmählich als Dritte im Bunde. Ballauf umgarnt sie weiterhin mit der Unbeholfenheit eines rotwangigen Achtklässlers, aber das stört den Fluss der Dinge nur wenig. So wird aus dem Buddy-Duo allmählich ein Trio, Köhlers Rolle soll in den kommenden Filmen nicht wieder reduziert werden. Mancher Darsteller in den Nebenrollen freilich gerät an die Grenzen seiner Schauspielkunst. In der zweiten Hälfte aber nimmt der Thriller richtig Fahrt auf. Und am Ende dreht sich die Sache in eine wahrhaft überraschende Richtung.

„Tatort – Keine Polizei“ | ARD
Mit Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär
Sonntag, 20.15 Uhr