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Medien & TV Ersatzmann Markus Lanz
Nachrichten Medien & TV Ersatzmann Markus Lanz
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18:18 12.03.2012
Von Imre Grimm
Der Nachfolger für Thomas Gottschalk ist gefunden. Markus Lanz soll „Wetten, dass...?" übernehmen. Quelle: dpa
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Berlin

Natürlich kriegt er’s jetzt ganz dicke: Markus Lanz geht gar nicht!, mault das halbe Netz. Zu brav, zu langweilig, zu bieder, zu frisiert, zu hübsch, zu hausbacken - kurz: zu egal. Das ZDF setze bei "Wetten, dass...?" feige auf die Kuschellösung, empört man sich, statt dem angestaubten Showklassiker mutig eine Radikalkur zu verpassen. Mit Joko & Klaas zum Beispiel, den beiden ZDFneo-Anarchisten. Und überhaupt: Dieser gefällige Ölprinz, dieser "Alpen-Clooney", der sich in seiner Talkshow vor ein paar Tagen gerade so peinlich Philip Rösler an den Hals geworfen hat – der soll der neue Thomas Gottschalk sein? Ist das nicht wie Pierce Brosnan als James Bond? Oder wie Tim Wiese als Nationaltorhüter? Dann macht den Laden besser gleich zu!

Mal langsam. Es stimmt schon: Markus Lanz ist nicht Thomas Gottschalk. Aber: Niemand ist Thomas Gottschalk. Außer Thomas Gottschalk. Und selbst der ist nicht mehr richtig Thomas Gottschalk, seit er bei der ARD ist. Nichts gegen die Sehnsucht nach den alten, abgezockten Entertainment-Zirkuspferden. Aber wer soll’s denn machen? Den weißen Ritter, der aus dem Nichts kommt und die deutsche Fernsehunterhaltung rettet, gibt’s nicht. Man muss ja schon zufrieden sein, dass überhaupt endlich jemand ja gesagt hat. Streckenweise glich die zähe Kandidatensuche den republikanischen US-Vorwahlen: viele wollten den Job, keiner überzeugt. Und die beiden einzigen ernsthaften Anwärter – Hape Kerkeling und Jörg Pilawa – sagten ab.

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Lanz ist der dritte Mann. Mit diesem Makel wird er leben müssen. Per Handschlag einigten sich ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut und er am vergangenen Donnerstag im Mainzer Restaurant "La Gallerie", wo man laut Selbstauskunft "eine gelungene Mischung aus klassischer Kochkunst, Kreativität und einer zeitgemäß neu interpretierten Fassung alter, typischer Gerichte" serviert. Das klingt zufällig auch nach dem perfekten Rezept für die behutsame Renovierung von "Wetten, dass...?".

Am 6. Oktober also wird Lanz seinen Einstand geben - ausgerechnet in Düsseldorf, wo am 4. Dezember 2010 Samuel Koch stürzte und das Ende der Gottschalk-Ära seinen Anfang nahm. Auf eine Komoderatorin verzichtet Lanz. Acht Ausgaben präsentiert er pro Jahr, eine mehr als Gottschalk. Eine Show geht als reine Kinderausgabe über die Bühne, eine kommt – erstmals 2013 – als "Winter-Special" aus einem europäischen Skigebiet. Lanz ist eher der Winter-Typ als der Mallorca/Florida-Sunnyboy Gottschalk. Seine Talkshow von dienstags bis donnerstags läuft weiter, nur die Kochsendung "Lanz kocht" am Freitag gibt er auf.

Produziert wird "Wetten, dass...?" vom ZDF in Kooperation mit der TV-Produktionsfirma "mhoch2", die Markus Lanz gemeinsam mit Geschäftspartner Markus Heidemanns betreibt. Bellut hofft auf "mehr Dynamik und Spannung". Und sagt, was man eben so sagt: Lanz sei "sportlich" und "musikalisch" und verfüge über "Kampfgeist" und die "Fähigkeit, auf Menschen zuzugehen" usw.

Kann der das? Markus Lanz, vor 42 Jahren in Bruneck im Pustertal geboren, hat zweieinhalb Jahre gebraucht, um sich seinen Südtiroler Akzent abzutrainieren. Er brauchte mindestens zweieinhalb Jahre, um als Ex-RTL-Mann das ZDF-Publikum von dem Vorurteil zu kurieren, er habe als eitler Privat-TV-Dulli nichts auf dem Kasten. Und er könnte wieder zweieinhalb Jahre brauchen, um sich als nicht völlig katastrophale Lösung für den ZDF-Klassiker zu erweisen.

"Ich will nicht alles besser machen, aber vieles anders", sagte Lanz gestern, Gerhard Schröder zitierend. "Es ist ja klar, dass dieses Haus renoviert werden muss, ohne diejenigen, die drin leben, zu verschrecken." Er glaube, dass es wieder "eine Sehnsucht gibt nach schöner Familienunterhaltung ohne Zynismus". Bellut seinerseits wünscht sich "Überraschung und mehr Improvisation", was doch überrascht, denn der Improvisationskünstler war doch eher Gottschalk. Dieser schickte beste Wünsche: "Ich gönne ihm jeden Erfolg", sagte er. "Markus wird wissen, wie er die Sache anzugehen hat."

Wer ist Markus Lanz? Der Mann volontierte 1992 bei Radio Hamburg, veröffentlichte dort - Revoluzzer! - aus Protest gegen die französischen Atomtests auf Mururoa unter dem Namen "Le camembert radioactif" die Single "F*** ! Chirac" und vertrat dann bei RTL Barbara Eligmann in deren Babypause. Von 1998 bis 2006 war er mit RTL-Kollegin Birgit Schrowange liiert, mit der er einen zwölfjährigen Sohn hat. 2008 schlüpfte er beim ZDF in die nicht besonders großen Schuhe, die Johannes B. Kerner hinterlassen hatte.

Privat ist er Gleitschirmflieger, marschierte mit Eiskristallen im Bart durch Polargebiete, tauchte mit Haien, durchquerte äthiopische Wüsten. Während einer TV-Südpol-Expedition fürs ZDF verlor er 2011 bei 35 Grad minus das Gefühl in den Fingerspitzen. Der Mann ist es gewohnt, an seine Grenzen zu gehen.

Außer im Fernsehen. Dort verkörpert er den Mainstream in Reinkultur. Keine Ecke, keine Kante, kein Scherz aus der Hüfte. Es besteht ein seltsamer Widerspruch zwischen dem schalkfreien ZDF-Talkmaster und dem privaten Abenteurer Lanz, dessen Grenzgänge wirken wie die Suche eines Erfolgsmenschen nach Widerständen, Reibung, Erdung. "Ich lebe in einer Welt, in der man immer Gefahr läuft, zu überdrehen", hat er mal gesagt. Es gebe "eine große Sehnsucht nach Dingen, die eine spirituelle Dimension haben".

Sehnsucht nach Sinn – schön und gut. Die Weltumarmung aber, die Entkrampfung durch einen schnellen Scherz, ist seine Sache nicht. Markus Lanz ist kein Entertainer. Er wird nur gewinnen können, wenn er die Bildungshuberei aufgibt, die Angewohnheit, von sich selbst ergriffen einer besonders blumigen Formulierung nachzulauschen. Lanz muss sich in den Dienst der Sache stellen. Keine leichte Sache für einen Kerl wie ihn.

Eine 13-monatige Debatte hat ihr Ende gefunden. Es ist schon erstaunlich, dass diese Personalie die Nation kaum weniger elektrisierte als die Wahl des Bundespräsidenten. Ist es wirklich so entscheidend, wer eine 31 Jahre alte Fernsehshow moderiert, in der Finanzbeamte Kerzen auspusten, Denzel Washington seinen neuen Film bewirbt und Chris de Burgh ein Medley singt? Ja, ist es. Die leidenschaftliche Diskussion um die Gottschalk-Nachfolge hat selbst das ZDF überrascht. Das Gesellschaftsspiel "Deutschland sucht den Supermoderator" zeigte, dass doch noch Leben steckt in dieser Marke. Dass "Wetten, dass...?" den Menschen doch noch nicht gänzlich wurscht ist. Noch 207 Tage bis zur Premiere.