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Medien & TV Eine Eloge auf 25 Jahre „Lindenstraße“
Nachrichten Medien & TV Eine Eloge auf 25 Jahre „Lindenstraße“
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23:04 07.12.2010
Kinder, wie die Zeit vergeht: Helga Beimer (Marie-Luise Marjan) mit ihrem ersten Mann Hans (Joachim Hermann Luger) und ihren Kindern Marion (Ina Bleiweiß), Klausi (Moritz A. Sachs) und Benny (Christian Kahrmann). Quelle: ARD
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Die Revolution begann bieder: Familie Beimer mit Gitarre, Flöten und Gesang am Adventskranz. Helga, Hans, Benny, Klaus und Marion im hausmusikalischen Kampf gegen den Zerfall unserer gesellschaftlichen Zentralinstanz – so feierte eine Serieninstitution vor genau 25 Jahren ihr Debüt: Die „Lindenstraße“ – die dienstälteste, meistdiskutierte, beliebteste, seriöseste, aufwendigste und (zeitweise) beste Serie im Land. Seit 1985 ist das ARD-Produkt ein Stück Heimatkunde mit dieser heilen Sippe im Zentrum beim Abwehrgefecht gegen den Werteverfall in deutschen Wohnzimmern. Sie hat die Schlacht verloren. Wie alles, was verlässlich scheint, irgendwann zu Bruch geht bei Hans W. Geißendörfer.

Der Erfinder, gute Geist und Übervater von Deutschlands bekanntester TV-Straße hat ja noch jeden Keim sozialer Erschütterung in der „Lindenstraße“ gesät; da war auch das Schicksal der Familie Beimer früh besiegelt: Papa Hans hat fremde Kinder, Stammhalter Benny traf der TV-Tod und auch Onkel Franz war irgendwann weg. Marion, die Älteste, wurde à la „Dallas“ gesichtsverändert und der Stadt verwiesen, Nesthäkchen Klausi war schon Nazi, autonom und spießig, seine Mama depressiv, alkoholkrank, suizidgefährdet, das volle Programm. Eins aber hält bis heute an: Heiligabend wird gesungen.

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„Leider war 1985 das Fremdschämen noch nicht erfunden“, sagt ARD-Programmchef Volker Herres über die erste Szene dieser Art, „sonst hätte ich es getan.“ Umso mehr freut er sich Sonntag für Sonntag über einen Quotengaranten, der unser Land von der „geistig-moralischen Wende“ bis „Stuttgart 21“ in Echtzeit abbildet und damit Sonntag für Sonntag bis zu vier Millionen Menschen fesselt, nicht wenige davon seit dem 8. Dezember 1985.

Sie alle schauen zu Hause oder mit Freunden, in Seniorenheimlobbys und Szenebars. Der Altersschnitt liegt klar unter dem der ARD. Und wem das nicht reicht, der kann sich in fast 200 wissenschaftlichen Arbeiten fortbilden oder in einer der vielen Bücher blättern wie „1000 Folgen in Wort und Bild“. Vor sechs Jahren ließ es das Jubiläum im Format mittelalterlicher Folianten mit einer Seite pro Folge Revue passieren. Eine Zeitreise durch bundesdeutsche Befindlichkeiten wie die Serie selbst. Ein „Familienalbum“, nennt es Erfinder Geißendörfer im Vorwort, „das Großmutter angelegt hat und die Kinder weiterführen, um es eines Tages den Enkeln zu übergeben“. Und wer sich nicht all die DVD-Boxen zulegen will oder wie ein Ultrafan alle 1300 Episoden auf 30-minütigen VHS-Kassetten speichert, kann sich so noch mal all jene Momente vor Augen führen, die Fernsehgeschichte geschrieben haben.

Da ist er also wieder, in Folge 68, der erste schwule Zungenkuss via TV und kurz darauf die heterosexuelle Premiere mit Priester. Die verhängnisvolle Affäre von Hans mit seiner Verwandten Anna – Urkatastrophe der Beimer-Idylle in Episode 147. Oder Gung, dieser „Konfuze“ zitierende Flüchtling aus Vietnam, der im Herbst 1998 fiktional als Kanzler kandidierte und ganz reale Stimmen erhielt. Oder. Oder. Oder. Szenen, die sich ins Zuschauergedächtnis gebrannt haben, Landmarken einer Zuschauernation im dauerhaften Umbruch, stets begleitet und kommentiert von zwei Dutzend wechselnden Regisseuren: Unfälle, Raub und Mord, Aids, Bulimie und Ärztepfusch, Terrorismus, Rechtsextremismus, Zivilcourage. Dazu Mobbing, Vergewaltigungen, Immobilienspekulation, Organtransplantationen, Kinderschwangerschaften, Atomdebatten, Brandanschläge, Drogenexzesse, Seniorenerotik – reichlich Sex and Crime also, aber auch ganz biedere Liebe, dargestellt allein in 27 Hochzeiten, die meisten unter Nachbarn; in 25 Jahren dürfte die „Lindenstraße“ ein Inzestproblem haben und damit eines der wenigen Tabus, das auf 63.000 Drehbuchseiten ungebrochen blieb. Sonst war fast alles dabei.

Zum Beispiel bei Ludwig Haas, einem von sechs verbliebenen Darstellern der ersten Folge. Als Dr. Dressler war der Arzt Mörder, Dealer, Opfer, Patriarch und einsam, Vater von Schwulen und Junkies, Mann einer blutjungen, einer biederen, einer psychotischen Frau, verwitwet, geschieden, verlassen, dazu Schriftsteller, Bösewicht, Samariter, Telefonseelsorger, Intrigant, Kumpel – etwas viel für ein Leben. „Nur, wenn man es mit dem echten vergleicht“, meint der Schauspieler. Normalität sei sterbenslangweilig und gehe an beschleunigten Sehgewohnheiten vorbei. „Da muss man mit der Zeit gehen.“

Das tut die „Lindenstraße“. Nicht immer geschmackssicher, manchmal penetrant, deshalb muss zur Geburtstagsausgabe mit ein paar Peinlichkeiten gerechnet werden wie stets, wenn sich die Serie selbst thematisiert. Aber wer die Serienlandschaft betrachtet, in guten wie in schlechten Zeiten, von „Dr. Kleist“ bis „Unter uns“, kehrt oft reuig zurück zu 150 Meter Außenkulisse samt Studio dahinter. Ein falsches Stück realistischer Welt, ausgerechnet im Fernsehen.

Jan Freitag