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Medien & TV Die Zukunft beginnt in Hannover - Schätzing im Interview
Nachrichten Medien & TV Die Zukunft beginnt in Hannover - Schätzing im Interview
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10:30 03.11.2011
Von Stefan Gohlisch
Frank Schätzing
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Hannover

Was reizt Sie an der Teilnahme an dem Convention Camp?
Erst mal bin ich eingeladen worden. Dann hab ich gesehen, die beschäftigen sich fundiert mit dem Thema Zukunft, und ich bin ein erklärter Fan der Zukunft. Sie ist definitiv die spannendste aller Zeiten, schließlich wollen wir mal in ihr leben. Also bin ich dabei.

„Zukunftsgerüchte – Science Fiction oder Antizipation?“ lautet der Titel Ihrer Veranstaltung. Was heißt das?
Das weiß ich auch nicht (lacht); den Untertitel haben die sich ausgedacht. Bei den Zukunftsgerüchten geht es um die Running Gags der Futuristik. Genauer gesagt um unser Unvermögen, überhaupt verlässliche Aussagen über die Zukunft zu treffen. In den 50er, 60er Jahren konnte sich niemand so etwas wie das Internet vorstellen, dafür kam keine Prognose ohne fliegende Autos aus. Ich werde mir also die beliebtesten Gerüchte vorknöpfen und sehen, was daraus geworden ist bzw. werden könnte.

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Welche der heutigen Gerüchte könnten sich bestätigen?
Unter Einbeziehung aller denkbaren Exponenten kann man die Entwicklung der Weltbevölkerung hochrechnen – vorbehaltlich des Meteoriteneinschlags, der sie ruckzuck wieder dezimieren könnte. Möglich ist vieles, letztlich reden wir in der Prognostik immer nur von Wahrscheinlichkeiten. Was die technische Entwicklung der kommenden Jahrzehnte angeht, halte ich es für äußerst wagemutig, Prognosen zu treffen. Am ehesten tritt ein, woran man am härtesten arbeitet. Wir sollten uns also weniger fragen, was die Zukunft bringt, sondern wie wir sie gerne hätten.

Und ich dachte, Sie könnten mir sagen, wie die Medienwelt in 50 Jahren aussieht…
Im vergangenen Jahrzehnt hat sie sich jedenfalls schneller verändert, als man es in den Neunzigern für möglich gehalten hätte. Gerade reden alle über den Niedergang der Print-Produkte und den Siegeszug des E-Readers. Ich persönlich halte E-Reader schon jetzt für archaisch, eine Brückentechnologie zu etwas auf der Basis von Holografie und Implantologie. Ich könnte mir vorstellen, dass wir in 50 Jahren eine Art Bio-Chip-gesteuerte Telepathie entwickelt haben, aber möglicherweise liege ich komplett daneben. Definitiv wird die Echtzeit jede Berichterstattung dominieren. Möglicherweise zu Lasten der Vertiefung von Wissen.

Aber gibt es nicht ein menschliches Bedürfnis nach dieser Vertiefung von Wissen?
Es gibt die Sehnsucht des Menschen, das Unbekannte auszuloten. Ob er einen natürlichen Hang hat, sein Wissen zu vertiefen, da bin ich skeptisch. Im Augenblick scheint es eher, als wüssten wir von immer mehr immer weniger. Unsere Aufmerksamkeit zerstreut sich. Wir rezipieren unentwegt Millionen Informationen. Diese Wahrnehmung der Welt hat etwas Kaleidoskopartiges, zugleich vernetzen sich die Millionen Informationen in unserem Hirn auf eine Weise, wie wir es früher nicht kannten. Wir werden täglich mit den Geschicken eines kompletten Planeten konfrontiert, da kann Überblick wichtiger sein als Vertiefung. Zumal jede Echtzeitinformation eine Echtzeitreaktion erfordert.

Wie nutzen Sie persönlich das Internet?
Als Selbstbedienungsladen für Information. Ich recherchiere viel, knüpfe Kontakte, übrigens nicht über Facebook; da gibt es qualifiziertere Wege. Vor allem interessiert es mich als Mittel zur Relativierung von Information. Dem Web wird gerne nachgesagt, es schaffe mehr Unklarheit als Klarheit. Das mag stimmen. Aber was uns der Lehrer früher in der Schule verkaufte, war auch nichts anderes als seine persönliche Lehrmeinung. Dummerweise kaum nachprüfbar. Heute können wir variierende Theorien, Nachrichten und Meinungen im Netz auffächern. Und schon zeigt sich ein eher impressionistisches Welt- und Wissensmodell, in dem Dogmen keinen Bestand haben.

Wie sehr hat das Netz Ihren Alltag verändert?
Nicht wirklich, weil ich Social Media nicht nutze. Ich hab auch keine Mailbox. Nicht weil ich technikfeindlich bin, ich hab nur keine Lust, ständig reaktiv zu sein. Ich bin auch niemand, der aus Jux und Tollerei im Internet surft. Da spiele ich lieber Gitarre oder koche.

Sie laufen also nicht Gefahr, unter der vielzitierten medialen Dauerbeschallung zu leiden?
Dafür bin ich kein Kandidat, weil ich diesen Information-Overload in meiner Arbeit reflektiere. Was ich wirklich toll finde am Internet, ist seine umwälzende Bedeutung für den Kulturbetrieb: Bands zum Beispiel brauchen keine Plattenfirma mehr. Das Internet ist ein virtuelles Theater, mit einer Bühne, auf der jeder auftreten darf. Jeder bekommt eine Chance.

Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit als Schriftsteller aus?
Die hat sich schon verändert. In der Live-Show zu meinem Buch „Limit“ sind etliche mediale Elemente wie Videos, Soundtracks und Web-Einspieler dazugekommen. Mich reizt es, einen fiktionalen Kosmos zu schaffen, in dem das Buch nur Teil von etwas Größerem ist, und nichts ist besser geeignet, diesen Kosmos auszuloten, als das Netz. Björk macht das auf ihre Weise sehr gut mit Ihrem aktuellen Album, das Teil eines multimedialen Projekts ist

Und das ist die Zukunft?
Das kann Ihnen keiner wirklich sagen. Es gibt einzelne wie mich und offenbar Björk, die das gut finden. Wie wir mit Kultur umgehen, hat viel damit zu tun, wie wir sozialisiert wurden. Jede Generation romantisiert, womit sie aufgewachsen ist. Selbst die jüngere Generation, die sich in den neuen Medien tummelt, ist noch mit richtigen Büchern aufgewachsen, da gibt es emotionale Bezüge. Ob für die nächste Generation ein Buch überhaupt eine Alternative zum Bildschirm ist, wage ich zu bezweifeln. Und ob sie sich noch für linear erzählte Geschichten interessiert? Wir werden sehen.

Nun werden wir alle von der Zukunft nur ein Teil erleben. Ärgert Sie das manchmal?
Von diesem Ärger muss man sich freimachen. Wenn ich 100 Jahre länger leben würde, würde ich ja wieder einiges verpassen. Schön wäre es, die Revolutionierung der Raumfahrt noch mitzuerleben: die Überwindung der Lichtgeschwindigkeit, kostengünstige Raumfahrt, interstellare Reisen. Andererseits, wozu? Mit der Überzeugung in die Kiste zu steigen, dass alles, was man sich wünscht, auch eintreten wird, ist tröstlicher. Manchmal reicht es, dass es in den Köpfen Wirklichkeit wird.

www.coventioncamp.de