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Nachrichten Medien & TV Der neue "Focus" und die alten Sorgen
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19:23 25.01.2010
Von Imre Grimm
Die Chefredakteurin des Medium-Magazins, Annette Milz und der Gründer und Herausgeber von Focus, Helmut Markwort zur "Journalist des Jahres 2009".
Die Chefredakteurin des Medium-Magazins, Annette Milz und der Gründer und Herausgeber von Focus, Helmut Markwort zur "Journalist des Jahres 2009". Quelle: dpa
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Wenn „Focus“-Mitarbeiter wissen wollen, wie es um ihre Jobs aussieht, dann müssen sie nicht „Focus“ lesen, sondern den „Tagesspiegel“: „Wir werden um einen Stellenabbau beim ,Focus‘ wohl nicht herumkommen“, hat „Focus“-Vizechef Uli Baur (53) dem Blatt kürzlich erklärt. „So klar“, schrieb kurz darauf Peter Hinze im „Focus“-Redaktionsblog, „wurde uns unsere ungewisse Zukunft bisher noch nicht gemacht. Es kommen harte Zeiten auf uns zu.“

Das allein wäre kein Exklusivproblem des „Focus“. Doch es rumort aus vielerlei Gründen in der rund 220-köpfigen Redaktion: Nicht nur, dass der „Focus“ mit 630 000 verkauften Heften im Jahresschnitt 2009 (minus 15,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr) den Anschluss an den großen Rivalen „Spiegel“ (1,04 Millionen Exemplare, minus 0,9 Prozent) längst verloren hat. Nicht nur, dass das Klein-Klein der frühen Jahre, die Verspieltheit und Kurzatmigkeit, flankiert von Helmut Markworts „Fakten, Fakten, Fakten“-Gewitter, arg altbacken wirken. Im März kommt mit Ex-„Cicero“-Leiter Wolfram Weimer (44) ein neuer Chef, und der hat vom alten „Focus“-Sonnenkönig und künftigen Herausgeber Markwort (73) erst einmal einen kräftigen Tritt vors Schienbein bekommen: Markwort verpasste seinem „Baby“ noch rasch einen Relaunch – ohne Weimer. Ein echter Affront. „Initiative Z“ hieß die Geheimoperation. „Selten wurde ein designierter Chefredakteur vom Vorgänger öffentlich so beschädigt“, staunt der Branchendienst „Meedia“.

Weimer übernimmt zwar erst im September gemeinsam mit Baur die volle Verantwortung beim „Focus“, will aber schon am 1. März als „Entwicklungschef“ antreten. Doch was soll er jetzt entwickeln? Vertrauen in die Kreativität eines neuen Chefs sieht anders aus. Markwort hat versprochen, sich als Herausgeber aus dem Tagesgeschäft herauszuhalten – gleichzeitig will er aber weiter „die grundsätzliche Blattlinie vorgeben“. Markwort, Baur und Weimer als Troika? Das klingt nach Machtkampf. Weimer dürfe sich freuen, „wenn er ein modernes Heft übernehmen kann“, gab Platzhirsch Markwort mokant zu Protokoll. Er könne ja „noch zusätzliche Akzente setzen“. Im Übrigen werde er, Markwort, auch als Herausgeber seine „Tagebuch“-Kolumne fortsetzen. „Die Leser lieben es.“ Punktum.

Gestern erschien der „Focus“ erstmals in neuem Gewand. Politisch relevanter will er sein, leichter lesbar durch mehr Licht und Luft, hintergründiger, analytischer. Mehr Politik und Wirtschaft, weniger Nutzwert à la „Die 100 besten Ärzte“. Mehr „Newsweek“ und „Economist“ also, weniger „Guter Rat“. Eine schlanke Egyptienne-Titelschrift im Innern sorgt für News-Charakter, ein richtig langes Porträt über US-Notenbankchef Ben Bernanke wirkt ausgesprochen „spiegelig“. Die Frischzellenkur ist gelungen – freilich ist fraglich, ob sie das grundsätzliche Relevanzproblem löst, mit dem der „Focus“ seit Jahren kämpft.

Die „Focus“-Truppe ist so verunsichert, dass sie erstmals in ihrer 17-jährigen Geschichte einen Betriebsrat installiert. Immerhin dementierte Baur Gerüchte, wonach die Redaktion nach Berlin umziehen soll. „Hubert Burda will das Blatt um sich herum haben, und das bleibt auch so. Herr Weimer wird nach München ziehen.“
Burdas schlingerndes Flaggschiff steht symptomatisch für große Unsicherheit in der Printbranche. Nur langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass die Antwort auf Netzkultur und das Nachrichtentempo im Internet nicht „gedrucktes Internet“ sein kann, sondern Tiefe, Haltung, Meinung, Analyse. Vereinzelt zeigen Erfolgstitel wie „Landlust“, „Nido“ und auch „Cicero“ mit Auflagenzuwächsen, dass gedruckter Journalismus nicht grundsätzlich uninteressanter für Leser geworden ist. Kein anderes Wochenmagazin hat freilich so viel verloren wie der „Focus“. Es wird nicht leicht für Wolfram Weimer.