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Medien & TV Datenpanne bei Wikileaks: Wenn Transparenz lebensgefährlich wird
Nachrichten Medien & TV Datenpanne bei Wikileaks: Wenn Transparenz lebensgefährlich wird
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22:09 01.09.2011
Nach der ungewollten Veröffentlichung geheimer Dokumente: Wikileaks erhebt schwere Vorwürfe gegen einen "Guardian"-Journalisten. Quelle: dpa
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Berlin

Julian Assange war einst angetreten, um die Welt besser zu machen. Der Schlüssel dazu aus Sicht des Wiki- Leaks-Gründers: nahezu grenzenlose Transparenz, die in der Veröffentlichung von rund 250 000 US-Diplomatenberichten ihren vorläufigen Höhepunkt hatte. Ob die Welt durch die Enthüllungsplattform tatsächlich eine bessere geworden ist – mehr als hundert Informanten in den USA dürften daran ihre Zweifel haben. Denn wegen einer gravierenden Datenpanne bei Wiki-Leaks selbst müssen sie jetzt möglicherweise um ihr Leben fürchten.

Bislang hatte WikiLeaks die Namen der Geheimnisträger vor der Veröffentlichung der Depeschen geschwärzt. Jetzt aber sind die unbearbeiteten Texte im Internet aufgetaucht – und damit auch die Identität der Informanten. Alle Welt fragt sich nun: Wie konnte ein so massiver Fehler ausgerechnet den Computerexperten um den auf Datensicherheit bedachten Julian Assange passieren?

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Begonnen hatte der Daten-GAU, als WikiLeaks die Übersicht über den riesigen Datenbestand verlor und die Originaldokumente an Medienpartner wie die britische Zeitung „The Guardian“ weitergab. Die Sicherheit der Daten und der Schutz der Informanten lag von diesem Zeitpunkt an nicht mehr allein in den Händen von Assange und seinem Team. Im Februar beschrieb dann der „Guardian“-Journalist John Leigh in seinem Buch „WikiLeaks. Inside Julian Assange’s War on Secrecy“, wie Assange ihm das Passwort für den Datenberg übergab – wohl auch, weil ihm nach eigener Darstellung mitgeteilt worden war, dass das Passwort in Kürze geändert werden sollte. Seit der Buchveröffentlichung war das Passwort für alle Welt zu finden.

Wären die verschlüsselten Daten allein auf WikiLeaks-Servern verblieben, hätte vermutlich kein Schaden entstehen können. Doch mittlerweile waren die Daten – auch aus Schutz vor Attacken auf die WikiLeaks-Plattform – ins BitTorrent-System gelangt, das zur dezentralen Bereitstellung großer Dateien im Netz dient. Über mehrere Monate hinweg habe sich die Kenntnis von dem durch den „Guardian“ enthüllten Passwort in kleinen Kreisen verbreitet, erklärte WikiLeaks jetzt. „Aber in der vergangenen Woche hat das eine kritische Masse erreicht.“ Die Wochenzeitung „Der Freitag“ berichtete schließlich über die freie Verfügbarkeit der Originaltexte im Internet.

Assange beschuldigt nun den „Guardian“, mit der Herausgabe des Buches im Februar gegen eine Vertraulichkeitsabsprache verstoßen und Menschen gefährdet zu haben. Man prüfe deshalb juristische Schritte gegen den „Guardian“ sowie eine Person in Deutschland, „die das Passwort zum persönlichen Nutzen weiterverteilt hat“ – eine Anspielung auf den WikiLeaks-Aussteiger Daniel Domscheit-Berg, der inzwischen die alternative Enthüllungsplattform OpenLeaks gegründet hat.

Bei der Berliner „taz“, neben dem „Freitag“ einer der deutschen OpenLeaks-Medienpartner, zeigte man sich am Donnerstag überrascht von dem Ausmaß des Datenlecks. „Dadurch werden künftige Whistleblower verprellt“, sagte Reiner Metzger, stellvertretender Chefredakteur der „taz“. Es sei unverständlich, wie ein solcher Fehler passieren könne, „schließlich waren da Profis am Werk“. Mit Blick auf die Zusammenarbeit mit OpenLeaks kündigte er eine Neubewertung der Sicherheitsstandards an.

Und die mehr als hundert enttarnten Informanten der US-Diplomatie? Das Außenministerium in Washington kündigte gestern an, „denen beizustehen, die durch diese illegalen Enthüllungen zu Schaden kommen könnten“. Die Frage bleibt, warum WikiLeaks das brisante Passwort – wie laut „Guardian“ versprochen – nicht regelmäßig geändert hat.

Frerk Schenker

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

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