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Medien & TV Charlie Sheen stürzt „Two and a Half Men“
Nachrichten Medien & TV Charlie Sheen stürzt „Two and a Half Men“
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12:07 26.02.2011
Charlie Sheen hat mit seiner Kritik die Serie „Two and a Half Men“ ins Aus befördert.
Charlie Sheen hat mit seiner Kritik die Serie „Two and a Half Men“ ins Aus befördert. Quelle: dpa
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Innerhalb von knapp 19 Minuten könnte sich US-Schauspieler Charlie Sheen endgültig ins Abseits gestellt haben. Seit Monaten ist der Star der Sitcom „Two and a Half Men“ mit Alkohol- und Sexeskapaden in den Schlagzeilen, am Donnerstag wagte er in einem Radiointerview mit Moderator Alex Jones den verbalen Rundumschlag. „Sie werden immer gegen mich verlieren“, sagte Sheen mit Blick auf seine Kritiker. Er sei vollständig kuriert, zu 100 Prozent clean und nun kein einfaches Ziel mehr. „Es gibt einen neuen Sheriff in der Stadt“ und „Ich besitze Magie. Ich habe Poesie in den Fingerspitzen“, tönte Sheen mit knarziger Stimme. „Two and a Half Men“-Miterfinder Chuck Lorre bedeckte er mit antisemitischen Anspielungen und dem Wort „Scharlatan“. Dafür erntete der 45-Jährige am Freitag prompt die Quittung: Der Fernsehsender CBS und die Produktionsfirma Warner Bros. verkündeten das vorzeitige Ende der erfolgreichen Serie. Aufgrund der „Gesamtheit von Charlie Sheens Aussagen, seines Benehmens und seines Zustandes“ werde die Produktion der achten Staffel eingestellt.

Der Superstar – mit mehr als einer Million Dollar pro Folge der wohl bestbezahlte Serienschauspieler der Welt – treibt nicht erst seit einigen Monaten aktiv seine Selbstdemontage voran. Bereits seit Beginn seiner Karriere in den achtziger Jahren kursieren wilde Geschichten um den Schauspieler, der in fast 50 Filmen mitgespielt hat. 1990 schoss er seiner Verlobten unabsichtlich in den Arm. Mehrere Pornodarstellerinnen stehen auf der Liste seiner Affären. Die Meldungen über Gewalt gegen seine Nochehefrau Brooke Mueller, abgebrochene Therapien, spektakulär verschrottete Autos, Alkoholexzesse und Partys mit Pornosternchen erreichten zuletzt aber eine immer höhere Frequenz. Der Boulevard freute sich, und dem Erfolg der Serie „Two and a Half Men“, die in Deutschland bei PRO7 und Kabel eins läuft, tat das keinen Abbruch. Vielmehr schien es ihn noch anzuheizen.

Als trinkender, in den Tag hineinlebender Werbejingle- und Kinderliederkomponist mit Strandhaus in Malibu und ständig wechselnden Frauenbekanntschaften spielt der Sohn des Schauspielers Martin Sheen („Apokalypse Now“) seit 2003 für viele Beobachter zum großen Teil sich selbst. Scheinbar wie im echten Leben torkelt und lallt sich auch sein Vornamensvetter und Serien-Alter-Ego Charlie Harper von einem Vollrausch zum anderen, von einer Affäre zur nächsten. Und das Publikum freut sich darüber, wenn er auf der Couch mit seinem neurotischen Bruder Alan Bier trinkt, Alans fauler und etwas einfältiger Sohn Jake dazu rülpst, und die burschikose Haushälterin Berta versucht, die Männerwirtschaft irgendwie mit Struktur zu versorgen. Einmal wird Charlie Harper von seinem Bruder gefragt, wie er nachts schlafe. „Für gewöhnlich betrunken und auf einer Frau“, lautet die Antwort. Sheen lebte sein eigenes Klischee im Fernsehen. Schon in der Serie „Chaos City“, in der Sheen im Jahr 2000 Michael J. Fox in der Rolle des stellvertretenden Bürgermeisters von New York ablöste, spielte er den umtriebigen Trinker mit Hang zu Bettgeschichten und Glücksspiel. Sein Rollenvorname damals? Charlie. Natürlich.

Auch in Deutschland ist „Two and a Half Men“ seit Jahren ein Erfolg. Die Fans freuen sich darüber, dass in der Serie deutsches Bier getrunken wird und über Charlie-Harper-Sätze wie „Alkohol ist nur etwas für Leute, die auch ein paar Hirnzellen entbehren können“. Mehr als 2,5 Millionen Zuschauer schalteten vergangenen Dienstagabend PRO7 ein, nur um zwei Wiederholungen der Serie zu sehen. Kabel eins bringt täglich im Nachmittagsprogramm mehrere alte Folgen der Sitcom, von der bisher 177 Folgen gedreht wurden. PRO7 dürften die neuerlichen Skandalgeschichten – zumindest in Sachen Einschaltquote – freuen.

Ab 8. März strahlt der Sender die siebte Staffel aus. Die bereits fertiggestellten Folgen der achten Staffel sollen folgen, hieß es am Freitag vom Sender.

Nach Meinung von Medienexperten könnte Sheen von den Negativschlagzeilen sogar profitieren. Zuvor müsse er sich jedoch dringend in Behandlung begeben, sagte Medienpsychologe Prof. Jo Groebel. Bei Sheen bestehe eine große Diskrepanz zwischen seiner hohen Beliebtheit und seinem Verhalten. In Zukunft könnte der Schauspieler sein Rüpelimage konsequent für Rollen als böser Junge nutzen, rät Groebel. Vorbilder wie Mickey Rourke lassen grüßen.

Zunächst einmal hat sich Sheen mit seiner Brandrede aber offensichtlich keinen Gefallen getan. Vor der neuerlichen Affäre war er für den geplanten dritten Teil der Baseballkomödie „Die Indianer von Cleveland“ eingeplant. Dies hörte sich gestern dann bereits anders an. „Ich werde nicht das Risiko eingehen, Charlie zu besetzen, wenn er es weiter vergeigt“, sagte James G. Robinson von der Produktionsfirma des Films zu dem Internetdienst „tmz.com“. Und auch Sheen selbst trug nach der Nachricht vom Ende von „Two and a Half Men“ nichts dazu bei, die Wogen zu glätten. In einem Brief an denselben Internetdienst bezeichnete er postwendend den bereits vorher beschimpften Drehbuchautor Lorre als „verseuchte kleine Made“.

Sebastian Harfst