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18:02 12.01.2009
Mit dem Zeitungsmagazin "Zeitungszeugen" bringt der britische Albertas Limited-Verlag so genannte "Reprints" deutscher Zeitungen aus den Jahren 1933 bis 1945 auf den deutschen Zeitungsmarkt.
Mit dem Zeitungsmagazin "Zeitungszeugen" bringt der britische Albertas Limited-Verlag so genannte "Reprints" deutscher Zeitungen aus den Jahren 1933 bis 1945 auf den deutschen Zeitungsmarkt. Quelle: Clemens Bilan/ddp
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Es ist etwas bizarr. Wer dieser Tage an einem Zeitungskiosk vorbeigeht, kann einen neuen Titel entdecken, der es in sich hat: „Zeitungszeugen“ heißt die umstrittene neueste Publikation auf dem deutschen Zeitungsmarkt. Unter einem rot-weißen Schutzumschlag verbergen sich drei Original-Faksimiles von Zeitungen vom Tag der „Machtergreifung“ Adolf Hitlers am 30. Januar 1933 – darunter auch das NS-Propaganda-Blatt „Der Angriff“.

In dem Nachdruck kann man schon auf der Titelseite nachlesen, wie sich Joseph Goebbels die Zukunft, die ja mittlerweile traurige Vergangenheit geworden ist, vorstellte. Unter der Überschrift „Reinen Tisch machen“ wettert Hitlers Propagandachef in epischer Breite gegen „die jüdische Presse“. „Wir sind bereit, den kranken deutschen Volkskörper zu heilen und ihn wieder lebensfähig zu machen“, kündigt er martialisch und in Frakturschrift an.

Darf man so etwas verkaufen? Der Herausgeber, der britische Verleger Peter McGee, meint: Ja, man darf. Man sollte sogar. „Zeitungszeugen“ sei schließlich nicht für nostalgische Altnazis gedacht. Es soll eine Art Geschichtsstunde sein, ein historisches Quellenstudium, feilgeboten zwischen Gauloises und Lakritzschnecken. Ein Jahr lang soll die Publikation wöchentlich mit neuen Faksimiles von Zeitungsausgaben aus der NS-Zeit erscheinen. Die Zielgruppe: Alle, die immer schon mal „einen fundierten Blick auf die Medienlandschaft von 1933 bis 1945“ werfen wollten und, das sei hinzugefügt, gerade vor einem Zeitungsständer stehen und 3,90 Euro für eine Geschichtsstunde auszugeben bereit sind.

Davon gibt es offenbar genug. Hitler verkauft sich in den Medien besser als Sex. So gehören beispielsweise beim „Spiegel“ die Hitler-Cover regelmäßig zu den auflagenstärksten Titeln des Jahres. Auch 2008 war die Titelgeschichte „Der Anfang vom Untergang“ über die Machtergreifung Hitlers vor 75 Jahren die meistverkaufte Ausgabe des Magazins. Und im Fernsehen gehören die oft wenig erhellenden, aber vor Originalfilmaufnahmen strotzenden ZDF-Zeitzeugen-Elogen von Guido Knopp seit Jahren zu den Quotenbringern.

„Zeitungszeugen“ setzt auf eine ähnlich ungefilterte Authentizität. „Kein Wort, kein Bild in diesen Zeitungen wurde retuschiert“, heißt es in dem Vorwort der ersten Ausgabe. Darin finden sich drei Zeitungen vom 30. Januar 1933. Neben dem NS-Blatt „Angriff“ sind auch die nationalkonservative „Allgemeine Deutsche Zeitung“ sowie das Kommunistenblatt „Der Kämpfer“ beigelegt.

Die Macher sind sich offenbar bewusst, dass ihr Angebot leicht falsch zu verstehen ist. Renommierte Geschichtswissenschaftler wie Hans Mommsen und die Antisemitismusforscher Wolfgang Benz und Barbara Distel bürgen in dem Einschlag für die Ernsthaftigkeit des Produkts – mit Foto und Kurzvita.

Bisher funktioniert die Strategie: Der Aufschrei bleibt aus. Und wer, wie die Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, trotz des geballten Akademikersachverstands noch Zweifel hat, ob sich nicht doch Rechtsgesinnte Goebbels „Angriff“ ins Zimmer hängen, anstatt ihn einem kritischen Quellenstudium zu unterziehen, der bekommt im Einschlag eine kleine historische Einordnung mitgeliefert: Fakten über die Gleichschaltung der Presse, über die Machtergreifung und das Projekt „Zeitungszeugen“. Wenn die Nazi-Zeitungen ohne Kommentierung wahrgenommen würden, wäre das „fatal“, wird Knobloch zitiert. Grundsätzlich will sie sich aber genauso wenig gegen das „Experiment“ aussprechen wie der Publizist Ralph Giordano.

Es stimmt, das Experiment hat seinen Reiz. Historische Zeitungen sagen durchaus viel über eine Zeit aus. Allein aus den irritierend vielen Ausrufungszeichen („Fahnen raus!“, „Massendemonstration!“) spricht eine ungesunde Aufgeregtheit, wie sie wohl der stürmischen Zeit eigen war. Gleichzeitig spricht aus den Blättern angesichts des heute historischen Datums auch eine Ahnungslosigkeit, die mit 75 Jahren Abstand geradezu lächerlich wirkt. So berichtet der kommunistische „Kämpfer“ aus dem Ruhrgebiet am verheerenden Tag von Hitlers Machtergreifung dennoch von Autounfällen und einem „königlich-ungarischen Bordell“ in Zürich, um die „herrschende Klasse“ zu desavouieren.

Insgesamt wird es in 51 Ausgaben 150 nachgedruckte Zeitungen geben. Für die ersten Jahre von 1933 bis 1945 ist es noch einfach, verschiedene Meinungen in der deutschen Presse zu finden. Mit zunehmender Gleichschaltung wird das schwieriger. Darum tauchen in den späteren Ausgaben auch Exilzeitungen auf. So sind einige Ausgaben der „Neuen Zürcher Zeitung“ geplant, in denen Gastautor Thomas Mann aus Kalifornien das NS-Regime attackiert.

Deutschland ist bereits das neunte europäische Land, in dem das Geschichtsprojekt über die NS-Vergangenheit startet. Verleger McGee, ein ambitionierter Hobbyhistoriker, hofft auf einen besonders durchschlagenden Erfolg in der Heimat der Nationalsozialisten. Die Startauflage für „Zeitungszeugen“ liegt hierzulande bei 300.000 Exemplaren – mehr, als „Der Angriff“ je hatte.

von Dirk Schmaler

13.01.2009
12.01.2009
12.01.2009