Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Medien & TV Bilder, die die Welt bewegen
Nachrichten Medien & TV Bilder, die die Welt bewegen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:12 19.10.2009
Von Imre Grimm
In Berlin und in ganz Deutschland wurde im Jahr 1989 der Mauerfall gefeiert.
In Berlin und in ganz Deutschland wurde im Jahr 1989 der Mauerfall gefeiert. Quelle: ddp
Anzeige

Es ist der 11. November 1989, zwei Tage nach dem Mauerfall. Es ist Nacht in Berlin, im rötlich-gelben Licht der Straßenlaternen steht ein alter VW Polo an der Westseite der Mauer, und aus dem geöffneten Kofferraum dröhnt Pink Floyds „The Wall“: „We don't need no education, we don't need no thought control ...“ Menschen haben Feuer entzündet. Sie stehen an der Mauer, trinken Sekt und hören schweigend zu. Und sie wissen, dass sie diese Momente nicht mehr vergessen werden, solange sie leben.

Nicht weit weg, am Brandenburger Tor, rufen sie: „Egon, mach die Mauer auf!“, und auf einer eilig zusammengeschusterten Tribüne wartet die Weltpresse auf die Bagger. Und als die dann kommen, ein paar Wochen später, gehen die TV-Bilder vom Abbruch der ersten Mauersegmente um den Globus. Für ein paar Monate im Winter 1989/90 scheint alles möglich, und die ARD, das ZDF, CNN, die BBC - sie alle sind live dabei. Es sind Bilder, die sich eingebrannt haben, tief ins Gedächtnis der Deutschen und der ganzen Welt.

Nun sollen die historischen Fernsehbilder vom Bau und Fall der Berliner Mauer als erste TV-Dokumente überhaupt ins Unesco-Weltdokumentenerbe („Memory of the world“) aufgenommen werden. Das Nationale Nominierungskomitee der deutschen Unesco unter dem Vorsitz des Marburger Historikers Prof. Joachim-Felix Leonhard will auf seiner nächsten Sitzung Anfang Dezember in Berlin einen offiziellen Antrag erarbeiten. Er soll noch in diesem Jahr eingereicht werden. „Die Idee haben wir schon lange, die Mauerbilder waren immer wieder im Gespräch - jetzt wollen wir das Projekt zum Abschluss bringen“, sagte Leonhard der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. In Paris trifft 2010 das Internationale Beraterkomitee der Unesco eine Auswahl und spricht eine Empfehlung aus. Die letzte Entscheidung trifft dann 2011 der Unesco-Generaldirektor.

Die Aussichten schätzt Leonhard als sehr gut ein. „Die Bilder von der 28-jährigen Geschichte der Berliner Mauer sind von welthistorischer Bedeutung, weil sie für den Widerstand gegen ein tyrannisches System stehen und die Hoffnung auf Freiheit für alle Eingeschlossenen verkörpern“, sagt er. Derzeit sichten Experten im Deutschen Rundfunkarchiv, bei ARD und ZDF sowie im Filmarchiv des Bundes die Unmenge an Material aus den Wendejahren auf der Suche nach jenen ikonografischen Szenen, die global verstanden werden. „Für die Deutschen war die Pressekonferenz mit Günter Schabowski enorm wichtig, für die Menschen in Mexiko oder Tokio eher die Bilder von den fahnenschwenkenden Menschen auf der Mauer oder die jubelnden DDR-Bürger in den Zügen aus Prag.“ Aus dem Material will das Komitee ein audiovisuelles Gesamtpaket schnüren - von Walter Ul-brichts historischer Lüge „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“ vom 15. Juni 1961 bis zum Text des „Zwei plus Vier“-Vertrags von 1990. So soll aus einem Mosaik von Bildern, Tönen und Texten zur Schicksalsstunde der Deutschen ein schlüssiges Gesamtbild entstehen. Es soll anschließend digitalisiert und weltweit zugänglich gemacht werden.

Berlin sei in jenen Tagen ein „Brennpunkt der Weltgeschichte“ gewesen, sagt Leonhard. Die Auswahl der Bilder ist nicht leicht. „Die Westdeutschen sehen die Bilder anders als die Ostdeutschen, die Deutschen anders als die Franzosen, die Europäer anders als die Asiaten ...“ Aber was ist global bedeutsam, gleichzeitig für alle? Allein im Archiv des NDR finden sich Tausende Stunden Filmmaterial zu Bau und Fall der Mauer. Es ist eine Mammutaufgabe. 193 Einträge aus aller Welt verzeichnet das Unesco-Weltdokumentenerbe derzeit, darunter die Logbücher von James Cook aus Australien, das Tagebuch der Anne Frank, die 21 Thesen der polnischen Gewerkschaft Solidarnosc, die Archive des Warschauer Gettos, die Filme der Brüder Lumière aus Frankreich und das Astrid-Lindgren-Archiv aus Schweden. Es wäre der zwölfte Eintrag für Deutschland (siehe unten).

TV-Aufnahmen wären ein Novum für das Welterbe-Register. Zwar sind Radiobeiträge wie der Appell Charles de Gaulles' vom 18. Juni 1940 an seine Landsleute oder auch Zeitungen wie die Sammlung der Russischen Staatsbibliothek in Moskau bereits enthalten - die neueren Medien aber sind noch nicht vertreten. Fernsehbilder als Weltdokumentenerbe? Ist das denkbar? Leonhard ist zuversichtlich: „Das wäre mal ein neuer Tupfer.“ Am Rande der beiden jüngsten Sitzungen des Nominierungskomitees in Pretoria und Barbados habe es bereits „positive Signale“ der internationalen Experten gegeben, nachdem ein erster Vorstoß 2006 auf halber Strecke ins Stocken geraten war. „Das Interesse ist da.“ Es wäre 20 Jahre nach dem Mauerfall eine symbolstarke internationale Würdigung der friedlichen Revolution in der DDR.