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Medien & TV Berliner „Tatort“ spielt Hitchcock nach
Nachrichten Medien & TV Berliner „Tatort“ spielt Hitchcock nach
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20:18 21.05.2010
Frau Wernicke (Barbara Morawiecz) meint, beim Blick aus ihrem Fenster Zeugin eines wahren Krimis geworden zu sein. Quelle: ARD
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So eine präzise Zeugin wünscht sich jeder Polizist. Frau Wernicke kann genau sagen, was um wie viel Uhr in jener Nacht in der Wohnung des Ehepaares Benkelmann passiert ist: Sie hat gesehen, wie der Ehemann heimlich etwas in die Suppe seiner Gattin geschüttet hat und die Frau kurz darauf das Bewusstsein verlor. Wie er mit Messern im Badezimmer verschwand. Und wie er mit einem silbernen Koffer das Haus verließ.

Nun könnten die beiden Kommissare Ritter (Dominic Raacke) und Starck (Boris Aljinovic) ja auch kritisch nachhaken, wieso sich die Berliner Rentnerin auf die 24-Stunden-Überwachung des Hinterhauses spezialisiert hat und ob das die feine Art unter Nachbarn ist. Das tun sie aber nicht. Denn in den Koffern, so behauptet Frau Wernicke (Barbara Morawiecz), müsse sich die zerlegte Leiche der Gattin befunden haben. All das will sie von ihrem Stammplatz am Fenster zum Hof beobachtet haben. Klingt die Geschichte vertraut? Den beiden Berliner Ermittlern komischerweise nicht. Vermutlich schauen Kommissare keine Thriller, weil ihre Arbeit schon mörderisch genug ist. Erst Kollege Weber muss sie darauf aufmerksam machen, dass sie sich möglicherweise auf den Spuren eines Kinoklassikers bewegen, ja geradezu in eine ganz ähnliche Handlung hineingerutscht sind.

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In Alfred Hitchcocks „Fenster zum Hof“ von 1954 ist James Stewart wegen eines Beinbruchs an den Rollstuhl gefesselt – und glaubt, in einer schwülen New Yorker Nacht zum Zeugen eines Mordes im Hinterhaus geworden zu sein. Auch da behauptete der verdächtige Ehemann, seine Frau mit dem Zug auf Reisen geschickt zu haben. So wie jetzt Herr Benkelmann (Hans-Jochen Wagner) in dem Fall „Hitchcock und Frau Wernicke“. Das ist mal eine amüsante Idee: Der übliche Sonntagabendkrimi erweist dem Meister der Suspense die Ehre – genau 30 Jahre nach dem Tod Hitchcocks. Regisseur und Drehbuchautor Klaus Krämer treibt das Spiel mit den Verweisen auf das große Vorbild ziemlich weit, aber nicht so weit, dass es lächerlich wäre.

Natürlich zweifeln Ritter und Starck an der Aussage der alten Dame, die mit Opernglas den lieben langen Tag am Fenster hockt (James Stewart alias Fotograf Jeff spähte durchs Teleobjektiv seiner Kamera). Zumal Frau Wernicke im Fernsehen auch noch eine TV-Wiederholung des Hitchcock-Thrillers gesehen hat. Und Ritter hat bald schon Telefonkontakt zur Ehefrau in Portugal. Zumindest glaubt er das.

Zugleich mehren sich jedoch die Zweifel der Kommissare am Weinhändler Benkelmann, gerade weil der so perfekte Antworten auf all ihre Fragen hat. Und dann ist Frau Wernicke plötzlich verschwunden. Wäre nicht auch James Stewart beinahe einer Attacke des Mörders zum Opfer gefallen (und brach sich dabei das andere Bein)?

Für Hitchcock war „Fenster zum Hof“ eine ausgefeilte Studie über voyeuristische Lust. Die Kinozuschauer verfolgten die Geschehnisse im Hinterhaus ähnlich begierig wie der Fotograf mit dem gebrochenen Bein. Sie hatten Einblicke gleich in alle Wohnungen. Für so viel Neugier gibt es keine Entschuldigung – außer die, einem Mörder auf die Schliche zu kommen. Was aber, wenn der Ehemann vielleicht doch unschuldig ist?

So genüsslich wie Hitchcock spielt dieser „Tatort“ die Zweifel des Publikums am eigenen Tun nicht aus. Auch das Ende fällt nicht sonderlich raffiniert aus. Und doch zeigt „Hitchcock und Frau Wernicke“, dass es sich lohnt, sich mal mit dem Meister des Genres zu beschäftigen.

Stefan Stosch