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Medien & TV Auf dem Glatteis mit „Franzi“
Nachrichten Medien & TV Auf dem Glatteis mit „Franzi“
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21:19 11.10.2011
Franziska van Almsick macht eine gute Figur mit dem Mikrofon in der Hand und ist für die ARD eine „Option für die Zukunft“. Auch im Flaggschiff „Sportschau“? Quelle: dpa
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Bild“ spielt indes für alle Spötter van Almsicks nächste Trumpfkarte aus: „Charmant am Mikro“, heißt es über die einstige Schwimmerin und Sport-Werbemillionärin ohne Olympiasieg. Und „Franzi“, wie sie seit ihrer Zeit als Kinder-Sportstar tituliert wird, soll auch schon ein mehrwöchiges Moderatorentraining absolviert haben, um sich auf ein ARD-„Casting“ vorzubereiten. Ganz zu schweigen von ihrer Tätigkeit als Schwimmerklärerin bei der ARD, Boxengassen-Stimmensammlerin bei RTL oder „Bild“-Kolumnistin „Franzi Fan Almsick“ während der Frauenfußball-Weltmeisterschaft.

Donnerschlag! Wollte eine Frau (das gilt auch für Männer) bisher in den Sportredaktionen der öffentlich-rechtlichen Sender tätig werden, musste sie das Handwerk Journalismus gelernt haben. Das galt für Monica Lierhaus ebenso wie für Silke Boeschen, Okka Gundel, Sabine Hartelt, Ines Riedel und Anne Will. Alle hatten vor der „Sportschau“-Moderation entweder Studien, Volontariate oder eine freie Mitarbeit im Mediensektor zu bieten.

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Diese Prämisse hat bisher übrigens keinesfalls den Einstieg einstiger Hochleistungssportlerinnen in das Metier verhindert. Franziska Schenk, einstige Eisschnelllauf-Weltmeisterin, hatte vor ihrer Tätigkeit bei der ARD ein Studium der Medienwissenschaften in Mainz absolviert. ZDF-Kollegin Kristin Otto, schon als Schwimmerin mit sechs Olympiasiegen weitaus erfolgreicher als van Almsick, studierte Journalistik und volontierte beim Hörfunk. Und die Niederländerin Joan Haanappel kam in den achtziger Jahren nicht nur wegen ihrer hübschen Kringel auf dem Eis (drei Bronzemedaillen bei Europameisterschaften von 1958 bis 1960) zur Moderation des „Aktuellen Sportstudios“ gemeinsam mit Sissy de Mas. Auch sie hatte zuvor Rundfunk-Erfahrung in ihrer Heimat gesammelt.

Was prädestiniert van Almsick für die Moderatorenrolle außer Charme am Mikrofon? Selbst darüber ist wohl zumindest Britta Steffen anderer Ansicht seit der diesjährigen Schwimm-Weltmeisterschaft. Den Ausstieg der zweimaligen Olympiasiegerin kommentierte van Almsick mit den Worten: „Ich verstehe nicht, warum sie alles hinschmeißt. Manchmal muss man eben auch die Arschbacken zusammenkneifen.“ Hatte da die „Franzi“ zuvor Rat beim Springer-Chefkolumnisten Franz-Josef Wagner eingeholt? In dessen Chefredakteurszeit bei der „B.Z.“ war für eine außer Form geratene Schwimmerin van Almsick das Attribut „Franzi van Speck“ geprägt worden.

Van Almsick fehlt neben der journalistischen Ausbildung auch das Verbindende und Verbindliche, was jeden Moderator im Wortsinne auszeichnet. Die „Berliner Schnauze“ schmückt sie vielmehr als Sportexpertin an der Seite eines Fernsehschaffenden, der ihren Klartext kanalisiert. Zudem ist ihre Ausstrahlung mehr gefragt im Ehrenamt als stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Sporthilfe. Dort hilft „Franzis“ ungebrochene Popularität, das nötige Geld für die heutigen Leistungssportler zu akquirieren.

Die ARD indes hält sich bezüglich der von „Bild“ beschworenen „Sensation“ zurück. Van Almsick sei eine hervorragende „Sportexpertin“ (!) und eine Option für die Zukunft, ließ ARD-Sportkoordinator Axel Balkausky verlauten. Momentan stünden aber keine Neubesetzungen an. Balkausky dementiert aber auch, dass in der Moderatorendiskussion jemand die Aggregatzustände verwechselt hat und statt der „Wasser-Franzi“ die „Eis-Franzi“ (Schenk) in die „Sportschau“ einzieht. Auf dieses Glatteis lassen sich die Öffentlich-Rechtlichen nicht führen.

Carsten Schmidt