Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Medien & TV ARD zeigt „Zivilcourage“ mit Götz George
Nachrichten Medien & TV ARD zeigt „Zivilcourage“ mit Götz George
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:52 27.01.2010
Von Stefan Stosch
Anzeige

Die Gegend Berlins, in der Peter Jordan (Götz George) lebt, ließe sich bei wohlmeinender Betrachtung als „multikulturell“ bezeichnen. Bei weniger menschenfreundlicher Einschätzung wäre „sozialer Brennpunkt“ treffender, und nach Einbruch der Nacht ist Jordans Hausmannstraße eine No-go-Area.

Jedenfalls dann, wenn man sich so wie Jordan plötzlich als Zielscheibe einer Clique aus Einwandererkindern und pöbelnden Hartz-4-Empfängern wiederfindet. Der Antiquar Jordan hat etwas getan, was schon lange nicht mehr üblich ist in dieser Gegend: Er hat nicht weggeschaut, als ein jugendlicher Schläger einen betrunkenen Penner auf der Parkbank krankenhausreif schlug.

Jordan ist dem Opfer zur Hilfe geeilt. Und dann ist er zur Polizei gegangen und hat den Täter identifiziert: den Teenager Afrim (Arnel Taci), dessen Eltern im Kosovo-Krieg starben. Von nun an wird der Antiquar bedroht, auch von Afrims älterem Bruder Dalmat (Marko Mandic), einem Kriegsveteranen, der weiß, wie Töten geht. Plötzlich ist auch die Familie von Jordans Tochter in Gefahr, die soeben aus dem Berliner Problemviertel weggezogen ist. Jordan soll seine Aussage zurückziehen – sonst helfen ihm auch die Gitter nicht, die Jordan vor den Fenstern seines Antiquariats, einer Trutzburg gegen die neue Zeit, angebracht hat.

Harter Stoff ist das, was uns Regisseur Drot Zahavi („Die Luftbrücke“) und Drehbuchautor Jürgen Werner in ihrem ARD-Film „Zivilcourage“ vorsetzen. Oder ist es etwa nur ein unverstellter Blick auf die Zustände in diesem Land, in dem sich Gewalt gegen Passanten häuft? „Das ist hier kein Kriegsgebiet wie im Kosovo“, sagt Jordan anfangs noch. Irgendwann sagt er nichts mehr, weil die Polizei ihm nicht hilft und weil die Nachbarn die Gardinen vor ihren Fenstern zuziehen und sich seine Tochter und sein bester Freund von ihm abwenden. Da kauft sich Jordan eine Pistole und wartet auf den nächsten „Besuch“ der Brüder.

Das klingt nach Action, beinahe nach einem Thriller, so ähnlich, wie ihn Detlev Buck in seinem Berliner Genrestück „Knallhart“ erzählt. Aber ganz so ist es dann doch nicht – auch wenn hier im Soundtrack Gangsta-Rap von Deso Dogg erklingt. Die Filmemacher sind nicht so konsequent wie Buck oder auch Züli Aladag in seinem Fernsehfilm „Wut“. Und sie sind auch nicht so mutig wie ihr Kräutertee trinkender Antiquar, der vom saturierten Altachtundsechziger im Cordanzug zum Aufrechten mutiert.

In „Zivilcourage“ werden Grundsatzfragen an einem Fallbeispiel durchdekliniert. Die Beteiligten sind zu klug, jeder redet druckreif, sogar Einwanderer Dalmat – nur die rotzige 15-jährige Schülerin Jessica glücklicherweise nicht, die bei Jordan ein Praktikum absolviert und zur Wandlerin zwischen den Welten wird: Jessica (eine Entdeckung: Carolyn Genzkow) ist Afrims Freundin und öffnet Jordan die Augen für die Brutalität vor seinen Gitterfenstern.

„Zivilcourage“ wäre überzeugender, wenn die Filmemacher weniger Gerechtigkeit hätten walten lassen. Hier wird ein sozialpädagogisches Lehrstück gegeben: Alle kann man ein klein bisschen verstehen, sogar den Schläger.

Als der Film entstand, gab es den Fall des 50-jährigen Dominik Brunner noch nicht, der sich auf einer Münchener S-Bahn-Station schützend vor Kinder gestellt hatte und zu Tode geprügelt wurde. „Die Geschichte des Films ist durch die Wirklichkeit brutal eingeholt worden“, hat George mit Blick auf den Angriff gesagt. „Bei uns muss wohl immer erst was passieren, bevor wir aufwachen.“

Eher verhält es sich andersherum: „Zivilcourage“ versucht, die Wirklichkeit einzuholen. Das ist ein anerkennenswertes Unterfangen für einen 20.15-Uhr-Film in der ARD. Aber der Film ist nicht schnell genug.