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Medien & TV ARD und PRO7 suchen den Lena-Nachfolger
Nachrichten Medien & TV ARD und PRO7 suchen den Lena-Nachfolger
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16:08 09.01.2012
Von Imre Grimm
Foto: Die Juroren der Castingshow „Unser Star für Baku“: Alina Süggeler, Thomas D. und Stefan Raab.
Die Juroren der Castingshow „Unser Star für Baku“: Alina Süggeler, Thomas D. und Stefan Raab. Quelle: dpa
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Hätten wir bloß gewettet. Hätten wir vorher mal bloß um 10.000 Euro gewettet, dass der Raab es nicht schafft, den Song Contest Song Contest sein zu lassen. Nun sitzt der „hardest working man in showbusiness“ – wie ihn sein Heimatsender nicht ohne väterlichen Stolz gern nennt – tatsächlich doch wieder in der Jury zur Grand-Prix-Castinghow „Unser Star für Baku“ (USFB). Er wolle sich zurückhalten, hatte er angekündigt, wolle sein Engagement beim Eurovision Song Contest beenden. Hat nicht geklappt. Von Donnerstag an sucht Stefan Raab (45) als einfaches Jurymitglied gemeinsam mit Jurypräsident Thomas D. (42) und Frida-Gold-Sängerin Alina Süggeler (26) bei PRO7 und in der ARD den Nachfolger für Eurovisionssiegerin Lena Meyer-Landrut.

Aber was heißt das schon: Raab als „einfaches Jurymitglied“. Das geht nicht. Das ist wie damals, als Helmut Kohl nach seiner Kanzlerschaft als einfacher Angeordneter im Bundestag saß. Thomas D. hin oder her – irgendwie ist ja doch Raab der Nucleus, um den hier alles kreist. Thomas D. habe ihn gebeten, nicht nur als Gastjuror, sondern dauerhaft mitzumischen, sagte Raab am Montag bei einer Pressekonferenz in den Brainpool-Studios in Köln. „ „Es ist natürlich kein Rücktritt vom Rücktritt. Ich habe gesagt, dass ich nicht mehr als Autor und Produzent teilnehmen werde.“ Was bedeutet das bitte für’s nächste Jahr? Ist er dann wieder als Teilnehmer dabei? Ausgeschlossen hat er’s nicht.

Am Donnerstagabend um 20.15 Uhr also beginnt das „Unternehmen Lena 2.0“ – die Suche nach einem Kandidaten, der das Land nicht minder würdig beim ESC am 26. Mai in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku vertreten soll. Zwölf Frauen und acht Männer gehen bei „USFB“ ins Rennen, zwei treten mit eigenen Songs an. In nicht weniger als acht Shows – am 12. und 19. Januar plus drei weitere Ausscheidungsshows plus Halbfinale auf PRO7, Viertelfinale plus Finale am 16. Februar in der ARD – kürt das Publikum den Sieger. Die Jury hat nur beratende Funktion. Auf Gastjuroren will man verzichten. Die machten bei solchen Shows sowieso nur mit, „um ihre neue Platte zu verkaufen“, sagt Thomas D.

Und Raab wäre nicht Raab, hätte er nicht noch ein Ass im Ärmel: Erstmals wird es in einer TV-Castinghow ein Echtzeit-Voting geben: Während der gesamten Sendungen bleibt der aktuelle Tabellenstand der Kandidaten bei der Abstimmung eingeblendet. Jeder Anruf und jede SMS ist fünf Sekunden später auf einem Balkendiagramm zu sehen. Gewählt wird von Anfang an, also noch bevor die Bewerber überhaupt einen Ton gesungen haben. Denn „Persönlichkeit zählt auch“, sagt Raab – siehe Lena. Und wer zu Beginn am wenigsten Sympathiepunkte hat, muss als Erster singen. Die Kandidaten haben die Livegrafik permanent vor der Nase, auch während ihres Auftritts. Alles fließt. Immer. Das erhöht den Druck. Aus ist es mit dem Kuschelkurs. Das ist keine Schmuserunde mehr, wo sich alle liebhaben und am Ende Lena gewinnt. Das ist Sport.

Die Idee zum Livevoting kam Raab erst vor vier Wochen beim Biathlongucken. Was die können, können wir auch, dachte er. „Das ist die Einführung der Blitztabelle in die Unterhaltung.“ Raab  trommelt ordentlich für seine Erfindung: „Moralische Eleganz trifft auf brutale Realität“. Knallerformulierung, wenn auch ein bisschen unlogisch.

Nach der par ordre de Mufti beschlossenen zweiten Runde für Lena 2011 nun also das krasse Gegenteil: Jede Stimme zählt. „Transparenz“ ist ja so ein Modeschlagwort, seit es sich die Piratenpartei auf die Totenkopffahne geschrieben hat. „Transparentes Voting“, versprach nun auch Thomas D., der bei der Pressekonferenz sogar ab und zu etwas sagen durfte. „Keine künstlich erzeugten Spannungsmomente, keine einstudierten Sätze, alles live.“

Gott ja – warum auch nicht? Es wird nötig sein, den Spannungsbogen ein bisschen zu stützen, den „USFB“ hat starke Konkurrenz im TV-Programm: Es droht ein Casting-Overkill. RTL hat gerade – wenn auch mit leichter Quotenschwäche – die neunte Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ gestartet. Am 13. Januar beginnt die „Dschungelshow“. Und parallel läuft auch noch die überraschend starke Nena-Sause „The Voice of Germany“, dann freilich nur noch freitags in SAT.1, der bisherige Sendeplatz am Donnerstag auf PRO7 ist für „USFB“ reserviert. Das Finale von „The Voice“ ist am 10. Februar – nur sechs Tage vor der „USFB“-Entscheidung. Es wird nicht leicht sein, im Gedröhn der Marketingmaschinen ein bisschen öffentliche Aufmerksamkeit zu erheischen. Schon „Unser Star für Oslo“ erreichte 2010 trotz Lena nur mäßige Zahlen, der Hype ging erst später los.

Ist die Lenamania von 2010 und 2011 überhaupt wiederholbar? Nein, ist sie nicht. Aber jede Raab-Show hat die Chance, eine unkalkulierbare Eigendynamik zu entwickeln, eine spezielle Chemie. Der Mann ist ein Meister darin, dafür die Voraussetzungen zu schaffen. Von „The Voice“ setzt er sich klar ab: „Ich bin der Meinung, dass nicht nur die Stimme zählt.“ Als Komponist freilich gehen weder Raab noch Thomas D. ins Rennen. Der Fanta-Vier-Sänger will jedoch den Siegersong produzieren, der erneut – wie schon bei „USFO“ – erst in der achten und letzten Show erstmals zu hören sein wird.

Produzent der Show ist Raab. Moderatoren sind für PRO7 Steven Gätjen – der den zu ARD-„Sportschau“ abgewanderten Matthias Opdenhövel ersetzt – und für die ARD die BR-Nachwuchshoffnung Sandra Rieß. Die charmante 1Live-Moderatorin Sabine Heinrich ist nicht mehr am Start, was von Herzen zu bedauern ist. Ihr Stunde möge noch kommen. Dafür eben Raab. Er kann nicht anders. Er ist so. Ein Mann, der Musik auch als Sport begreift. An irgendwen erinnert das.
 
„Unser Star für Baku“: Start ist am Donnerstag, 12. Januar, um 20.15 Uhr live auf PRO7.