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Medien & TV ARD-Film über den Fall der Mauer
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18:57 30.10.2009
Von Simon Benne
Die Wende: Günter Schabowski verliest zur Überraschung Aller. „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen, Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt.“
Die Wende: Günter Schabowski verliest zur Überraschung Aller. „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen, Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt.“ Quelle: NDR
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Das Wendejahr 1989 hat ein kleines Schatzkästlein mit Zitaten gefüllt. Mit Aussprüchen, die so markant sind, dass sie sofort wieder etwas von jener Zeit wachrufen, als die Freiheitsliebe den Deutschen das schönste Herbstmärchen ihrer Geschichte bescherte. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ gehört dazu. „... um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise...“ auch. Oder „Ich liebe Euch doch alle“. All diesen Zitaten ist gemein, dass sie entweder so gar nicht gesagt wurden oder unvollständige Sätze geblieben sind. Wie auch Günter Schabowskis „Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich...“.

Als der Sprecher des SED-Zentralkomitees am 9. November 1989 seine berühmte Pressekonferenz gab, blieb es lange langweilig. „Nur Parteitagsscheiße“, wie ein Zeuge in der ARD-Dokumentation „Schabowskis Zettel“ sagt. Erst auf Nachfrage eines italienischen Journalisten fiel Schabowski dieser Zettel mit der neuen Reiseregelung wieder ein. Er kramte peinlich lange danach, dann las er, irritierend beiläufig, vom Blatt ab: „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden.“ Und auf erneutes Nachhaken dann das „Sofort, unverzüglich...“

Die Dokumentation von Florian Huber und Marc Brasse zeichnet die Geschichte von Schabowskis Zettel (das Original ist bezeichnenderweise verschwunden) mit Akribie nach. Volkspolizeioberst Gerhard Lauter, im Innenministerium zuständig für Pass- und Meldewesen, hatte die fragliche Passage am Vormittag eigenmächtig in den Textentwurf gemogelt – und diesen mit einer Sperrfrist bis zum nächsten Morgen, 4 Uhr, versehen. I

m Politbüro, wo SED-Generalsekretär Egon Krenz den Text verlas, wurde das Papier ohne große Diskussion durchgewunken; offenbar wussten die Greise dort gar nicht, was sie taten. Schabowski bekam den Zettel von Krenz zugesteckt, ehe er zur Pressekonferenz eilte, von einer Sperrfrist wusste er nichts. So vermittelt der Film etwas von der konfusen Kopflosigkeit, die herrscht, wenn ein Obrigkeitsstaat abdankt; davon, wie Zufälle und Pannen ihre Wirkungsmacht entfalten können, wenn niemand anders mehr diese beansprucht. Behördliche Verwaltungsakte sind allerdings selten spannend.

Die Dokumentation müht sich, mit hektischer Musik und Splittscreen-Verfahren (die schon in Siebziger-Jahre-Krimis nicht funktionierten) Dynamik zu schaffen. Das ist eigentlich unnötig, denn Gänsehaut gibt es in anderen Wendefilmen inflationär, und eine nüchterne Anatomie eines solchen Tages kann ihren eigenen Reiz haben. Etwa wenn es ein Wiedersehen mit der „Aktuellen Kamera“ gibt, deren blaugraue Ästhetik im neuen „Heute Journal“-Studio einen späten Nachklang findet. Oder wenn Harald Jäger, Chef der DDR-Passkontrolle an der Bornholmer Straße, berichtet, wie er, entnervt vom Chaos und enttäuscht von seinen Vorgesetzten, den anstürmenden Massen schließlich die Schlagbäume öffnete. Als er am Morgen heimkam, sagte er zu seiner Frau: „Ich habe die Grenze aufgemacht“, und sie antwortete: „Erzähl nicht so dummes Zeug.“

Freilich ignoriert der Film, dass der italienische Journalist unlängst angab, ein hoher SED-Mann habe ihm geraten, gezielt nach der Reiseregelung zu fragen. Und ein Statement, das Schabowski unmittelbar nach der Pressekonferenz auf Englisch gab, offenbart, dass er sehr wohl die Tragweite seiner Worte erfasst hatte. Vielleicht hatte der ausgebuffte Fuchs ja doch auf dem Zettel, was er da auf dem Zettel hatte.