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Kultur Zum Tod von Rosamunde Pilcher: Sie suchte nach dem kleinen Glück
Nachrichten Kultur Zum Tod von Rosamunde Pilcher: Sie suchte nach dem kleinen Glück
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19:48 07.02.2019
Die britische Erfolgsautorin Rosamunde Pilcher. Zahlreiche ihrer Romane spielen in der britischen Grafschaft Cornwall – die Kulisse für das Herzschmerz-Feeling lockt heute viele Touristen in die Region. Quelle: Bodo Marks/dpa
Hannover

Ja, man kann leicht darüber lästern, über diese Zuckerwatteschmonzetten namens „Schneesturm im Frühling“ oder „Wind der Hoffnung“ oder „Klippen der Liebe“. Es ist nicht schwer, sich zu erheben über dieses kitschige Idyll an der britischen Küste, über die barmenden Blicke der Landbevölkerung, diese Butler namens Mortimer und die deutschen Schauspieler, die unter Hervorbringung hölzerner Dialoge britische Upperclass-Steifigkeit simulieren.

Junges Glück, beflissene Chauffeure, purzelnde Hundewelpen, rotbäckige Glückskinder, singende Teekessel, das satte Grün der Heuwiesen – und darüber stets die Sonne von Cornwall. Immer und immer wieder dasselbe.

Aber man kann das auch ganz anders sehen. Ohne Dünkelhaftigkeit, ohne Hochmut. Mit Respekt vor einer Frau, die einen ganzen Kosmos erschaffen hat. Eine parallele Wirklichkeit, die auf sehr viele Menschen eine heilsame Wirkung hat. 60 Millionen Bücher hat Rosamunde Pilcher verkauft. Vor allem die Deutschen lieben sie, auch dank der Filme, die das ZDF unter dem Markennamen produzieren ließ. Pilcher – das steht als Synonym für die eskapistische Sehnsucht nach dem Besseren. Der Sonntagabend in der ARD: Mord und Totschlag. Der Sonntagabend im ZDF: Liebe, Lust und Leidenschaft. Kitsch und Krimi, Verliebte und Verbrechen. Besser lässt sich die Bandbreite des menschlichen Lebens kaum spiegeln. Am Mittwoch ist Rosamunde Pilcher im Alter von 94 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls gestorben.

Als 15 -Jährige greift Pilcher erstmals zum Stift

Als Tochter eines Marineoffiziers wuchs Rosamunde Pilcher, geboren am 22. September 1924, bei ihrer Mutter in Cornwall auf. Der Vater war in Burma stationiert. Mit 15 Jahren begann sie zu schreiben. Nach dem Schulabschluss schloss sie sich 1942 während des Zweiten Weltkriegs dem freiwilligen Dienst des Women’s Royal Naval Service an, arbeitete auch als Sekretärin im britischen Außenministerium. Im Jahr 1946 dann heiratete sie Graham Pilcher und zog mit ihm in das schottische Örtchen Longforgan bei Dundee, wo seine Familie eine Textilfirma hatte. Als Jane Fraser schrieb sie erste Kurz- und Liebesgeschichten, erst 1965 legte sie das Pseudonym ab. Der Küchentisch war ihr Schreibplatz. Das Haus war zu klein für einen eigenen Schreibtisch.

Sattgoldene Sonnenuntergänge, verliebte Blicke vor malerischer Landschaft: Rosamunde Pilcher hat die perfekten Kulissen für den Fernsehfilm geschaffen. Diese Filme basieren auf ihren Büchern.

Schreiben, hat sie mal gesagt, war ihre Flucht aus dem Alltag. Es habe gar ihre Ehe gerettet. Das Entkommen aus der Gegenwart also, die Suche nach dem kleinen Glück, war nicht nur Leitmotiv ihrer Literatur, sondern auch ihre wichtigste Motivation. 1987 dann erschien „The Shell Seekers“, 1990 als „Die Muschelsucher“ in Deutschland veröffentlicht. Dreiundsechzig Jahre alt war sie da bereits. Es wurde ihr großer Durchbruch. Doch ihre wichtigste Schaffensperiode währte nicht lange: Im Jahr 2000 endete ihre schriftstellerische Laufbahn mit dem Roman „Wintersonne“. Zwei Jahre später wurde ihr der Titel eines Officer of the Order of the British Empire verliehen. Und 2012 hörte sie ganz mit dem Schreiben auf. Sie sei „zu alt“. Seit 2009 war sie verwitwet.

Ein Garten wie aus einem ihrer Filme

„Ich bin sehr traurig und bestürzt“, sagte Michael Smeaton, der Produzent ihrer Filme, gestern dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Wir haben letzte Woche noch telefoniert, da war sie gut gelaunt und machte Scherze. Sie wird mir fehlen.“ Zuletzt habe sie in einem bescheidenen Flachdachbungalow gelebt, berichtete Smeaton: „Hinter dem Haus erstreckt sich ein riesengroßer Garten. Und in diesem Garten erleben Sie, was Sie in den Pilcher-Filmen sehen können: alter Baumbestand, Hunderte von Rhododendren, blühende Hortensien.“

Idyllische Schauplätze in Cornwell

Das sind die schönsten Rosamunde Pilcher-Drehorte

Bis Weihnachten habe sie sich „in großartiger Verfassung befunden“, sagte ihr Sohn Robin, eines von vier Kindern und selbst Schriftsteller, dem „Guardian“. Im neuen Jahr aber habe sie eine Bronchitis bekommen. Am Sonntagabend habe sie einen Schlaganfall erlitten und nicht mehr das Bewusstsein erlangt.

Ein Spiegel des Alltags

150 Pilcher-Filme sind bisher gedreht worden, beim ZDF hat man keinen Zweifel daran, dass die Reihe weitergeht. Trivial? Was heißt schon trivial? Das Wort stammt vom lateinischen „trivium“ ab. Mit „alltäglich, nicht besonders“ wird es gern übersetzt. Aber das ist ja gerade das Geheimnis guter Trivialliteratur: dass sie das Alltägliche mit allen Tricks zum Besonderen adelt. Der Alltag bei Rosamunde Pilcher ist Spiegel des Alltags ihrer Zuschauer – nur in einer XXL-Luxusvariante mit Feenstaub und Goldrahmen.

Auch Mütter und Hausfrauen leben ein wertiges, sinnhaftes Leben. Das war ihre Botschaft. Und sie würzte ihre Dramen mit einfachen Rezepten („Glück ist, wenn man das meiste aus dem macht, was man ist“). Das Muster war immer gleich: Junge trifft Mädchen. Blühende Landschaften. Beide überwinden alle Hindernisse. Und am Ende kriegen sie sich. Das ist vielleicht nicht das echte Leben. Aber es ist, wie das Leben sein sollte.

Von Imre Grimm

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