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Kultur Wunderbarer „Benjamin Button“ im Ballhof
Nachrichten Kultur Wunderbarer „Benjamin Button“ im Ballhof
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15:50 13.01.2019
Rollentausch: In dieser Szene spielt Johanna Bantzer (mit Daniel Nerlich) den Benjamin Button. Quelle: Katrin Ribbe
Hannover

Es kratzt und knistert und knarrt, den ganzen Abend über, mal deutlich, mal am Rande der Wahrnehmbarkeit, wie eine Schallplatte, die schon oft gespielt, oft gehört wurde, eine Geschichte, die schon oft erzählt wurde: die eines Lebens, zugegeben: die eines ganz besonderen Lebens. Schließlich wird hier im Ballhof „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ gegeben.

Mina Salehpour, der das Schauspiel Hannover so brillante Inszenierungen wie „Alles ist erleuchtet“ und „Extrem laut und unglaublich nah“ zu verdanken hat, hat sich F. Scott Fitzgeralds Erzählung angenommen, der Geschichte eines Mannes, der andersherum altert, der als Greis geboren wird und als Säugling stirbt. David Fincher hat den Stoff mit seiner freien Verfilmung 2009 noch einmal weltberühmt gemacht.

Salehpour geht zurück zur Ursprungsfassung von 1922. Auch sie reichert die Erzählung an, lässt Ernest Hemingway auftreten und dem greisen Knaben Benjamin sein Buch „Der alte Mann und das Meer“ schenken. Sie leiht sich die libertäre Josephine aus Fitzgeralds „The Basil and Josephine Stories“. Lisa Nathalie Arnold stellt sie in allen Lebensaltern und Stadien der Verruchtheit mit virtuoser Verspieltheit dar.

Doch wo Fincher die Liebesgeschichte in den Vordergrund stellte, jenen einen Moment, an dem sich Lebenswege so weit kreuzen, dass sie sich miteinander verbinden können, geht es Salehpour um Grundlegenderes: das Leben selbst, in all seiner Normalität und Verrücktheit.

Es ist der Abend Daniel Nerlichs: Wie er erst den Vater, dann den Sohn und schließlich dessen Sohn spielt und jeder Figur, jedem Lebensalter eine eigene Stimme gibt, ist eine Glanzleistung, die noch die großartigen Leistungen seiner Mitspieler überstrahlt – neben Arnold und Nerlich noch Johanna Bantzer und der kurzfristig eingesprungene Ingolf Müller-Beck. Federleicht vollziehen Regie und Darsteller den permanenten Rollentausch. Großes Schauspiel-Theater und nebenher noch eine Meditation über die Bühnenkunst selbst.

Poesie der Klarheit in allen Bereichen. Die Kostüme von Maria Anderski: anachronistisch und zeitlos. Der Soundtrack von Sandro Tajouri: allzeit stimmungsvoll. Die Bühne von Andrea Wagner: wunderbar leicht, Glühbirnen wie ein Firmament aus Lebenslichtern. darin ein schwebender Quader aus Lamellen, der später noch gedoppelt wird. Die formale Beschränkung öffnet Denk- und Assoziationsraum, Innen- und Außenwelt.

Das umgekehrte Altern dient der Verschiebung des Blicks, der Wandlung des Alltäglichen ins Besondere. Dass man so alt ist, wie man sich fühlt, dass den Altersschwachen und den Neugeborenen nur wenig unterscheidet, das gibt es eben nicht nur in literarischen Märchen. Und Frühvergreiste und Spätpubertäre gibt es sowieso überall.

„Du bist anders als die Anderen“, hatte Josephine Benjamin bei ihrer ersten Begegnung gesagt. Und der hatte entgegnet: „Aber du bist doch auch einfach als die Anderen.“ So einfach ist es manchmal. Und so wunderbar.

Ein Vorabinterview mit Mina Salehpour finden Sie hier.

Von Stefan Gohlisch

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