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Kultur Wühlen im Wohlstandsmüll
Nachrichten Kultur Wühlen im Wohlstandsmüll
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22:21 13.05.2019
Ikonisch: Dieses Bild Kai Löffelbeins aus Ghana wurde „Unicef Photo of the Year“. Quelle: Fotos: Löffelbein
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Hannover

Ganz unten in der Hackordnung stehen die „Burner“. Sie binden Kabel zu ganzen Bündeln, fackeln sie ab und stehen in den giftigen Dämpfen, bis nur noch Kupfer übrig geblieben ist. Ein Bild, das einen Tiefpunkt im Kreislauf der Wohlstandsgesellschaft zeigt – zu sehen in der Galerie für Fotografie GaF.

„Ctrl-X“ heißt die Ausstellung, und sie dokumentiert einen weltweiten ökonomischen und ökologischen Kontrollverlust. Es ist eine Spurensuche des hannoverschen, vielfach ausgezeichneten Fotografen Kai Löffelbein: „Ich habe mich gefragt, was aus unserem Elektroschrott wird“, sagt er: „Als Fotograf produziere ich nämlich selber sehr viel davon.“

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Er begann mit seiner Recherche in Ghana, einer der ersten Adresse für den oft genug illegalen Export solchen Sondermülls aus Europa – geschätzt 100 000 Tonnen davon verlassen Deutschland jährlich. Das chinesische Guiyu, das die weltgrößte Elektroschrott-Deponie beherbergt, und Delhi waren weitere Stationen – Indien ist der größte Elektroschrott-Importeur.

Der 38-Jährige, dessen bislang größte Ausstellung dies ist. hatte nach dem Abitur zunächst Politikwissenschaften studierte und hängte dann noch Dokumentarfotografie an der Hochschule Hannover dran. „Ich reise viel bei meiner Arbeit, aber mich interessiert, was das, was ich dort sehe, mit uns zu tun hat“, sagt er.

Löffelbein zeigt Menschen, für die Elektroschrott ihren Lebensunterhalt bedeutet und dessen Verarbeitung ihren schleichenden Tod. Lächerlich oder gar nicht erst vorhandenen Arbeitsschutz, apokalyptische Landschaften aus Müll und ihre Bewohner – denen oft eine erstaunliche Würde innewohnt. Er zeigt Elendsviertel, die nahtlos übergehen in Müllhalden und die wiederum in Gewässer. „Der Ort liegt nah am Meer“, sagt Löffelbein: „Das kommt alles wieder zu uns zurück.“

Eines der eindringlichsten Bilder – es wurde als „Unicef Photo of the Year“ ausgezeichnet – zeigt einen jungen Ghanaer, barfuß, mit Barcelona-Trikot im Müll. Hoch über seinem Kopf hält er eine Bildröhre, um sie auf dem Boden zertrümmern und ihre Einzelteile zu durchsuchen. Ein moderner Atlas, und die Welt, die er stemmt, ist Schrott.

Vom 16. Mai bis 16. Juni 2019 in der GaF in der Eisfabrik (Seilerstraße 15d).

Von Stefan Gohlisch