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Kultur Wolfgang Wagner, der Herr der Ringe
Nachrichten Kultur Wolfgang Wagner, der Herr der Ringe
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14:57 23.03.2010
Von Jutta Rinas
Wolfgang Wagner 1998 vor dem Festspielhaus.
Wolfgang Wagner 1998 vor dem Festspielhaus. Quelle: ap
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Neun dürre Zeilen kündeten in der Nacht von Sonntag auf Montag auf der Internetseite der Bayreuther Festspiele vom Tod Wolfgang Wagners. Er sei am 21. März 90-jährig in Bayreuth gestorben, hieß es. Man trauere um den langjährigen Festspielleiter, der „sich nicht nur in zahlreichen Inszenierungen interpretatorisch mit den Werken Richard Wagners auseinandergesetzt, sondern auch mehr als ein halbes Jahrhundert die Geschicke der Bayreuther Festspiele gelenkt“ habe.

Hinter dieser wortkargen Meldung verbirgt sich das Ende einer „Regentschaft “ der Superlative. Wagner, dessen Beinamen wie „Herr der Ringe “ oder „Herrscher über den Grünen Hügel“ viel über seinen patriarchalischen Führungsstil aussagen, prägte in der 133-jährigen Geschichte der Festspiele wie kein Zweiter das Gesicht von Bayreuth. 58 Spielzeiten tragen seine Handschrift, mehr als 1700 Aufführungen hat er verantwortet, darunter zwölf eigene, eher konventionelle Inszenierungen. Erst 2008 verzichtete der Enkel Richard Wagners und Urenkel Franz Liszts auf sein vertraglich festgeschriebenes lebenslanges Leitungsrecht und machte den Weg frei für seine Töchter Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier. Es gehört zu den vielen Absonderlichkeiten in der Familiengeschichte der Wagners, dass nach der Zusammenarbeit der Brüder Wolfgang und Wieland beim Wiederaufbau Bayreuths nach dem Zweiten Weltkrieg nun zwei (Halb-)Schwestern die Fäden ziehen.

Man kann es als eine Art Vermächtnis begreifen, dass Wolfgang Wagner die Zukunft der Festspiele nach jahrelangem Erbfolgestreit durch diesen Schritt sicherte. Auch sonst sorgte er schon vor seinem Tod für klare Verhältnisse: Der „Alte“, wie er in den vergangenen Jahren oft genannt wurde, trat seine Stiftungsanteile an vier Gesellschafter ab, die zugleich als Hauptgeldgeber fungieren – den Bund, den Freistaat Bayern, die Stadt Bayreuth und die Gesellschaft der Freunde der Festspiele. 5,5 Millionen Euro pro Jahr betrugen die Subventionen 2009 bei einem Gesamtetat von rund 15 Millionen. Auch in Sachen Publikumsgunst können die Wagner-Schwestern auf solidem Fundament aufbauen. Selbst die viel beschworene Bayreuther Sängerkrise konnte den Festspielen bislang nichts anhaben. Die Aufführungen sind immer ausverkauft. Die Wartefrist für Neu-Wagnerianer soll zehn Jahre betragen.

Dass Wolfgang Manfred Martin Wagner – wie er mit vollem Namen hieß – ein derart durchsetzungsfähiger Bewahrer des Erbes Richard Wagners werden würde, war zunächst nicht abzusehen. Am 30. August 1919 in Bayreuth als drittes Kind von Siegfried und Winifred Wagner ­geboren, wuchs er im Schatten des zwei Jahre älteren Bruders auf. Der künstlerisch begabte Wieland wurde gehätschelt – von der Mutter und von dem von ihr verehrten „Onkel Wolf“, Adolf Hitler, der bei den Wagners ein und aus ging. Wieland Wagner wurde während des Zweiten Weltkriegs vom Wehrdienst freigestellt. „Wolfi“ musste in den Krieg. Eine Kriegsverletzung verhinderte, dass er Dirigent werden konnte. In seiner Autobiografie „Lebens-Akte“ von 1994 beschreibt er sich als eher technisch begabt: ein Bastler, der zum Geburtstag eine Werkstatt mit Drehbank, Schmiede und Schlosserei geschenkt bekommt. Ein „Bub“, der nur mit Mühe die mittlere Reife schafft. Die Bühnenarbeiter am Festspielhaus, die faszinieren ihn, sodass er seine Mutter „immer öfter an ihrem Arbeitsplatz aufsucht“. Wolfgang wird Hilfsinspizient, Inspizient, Regie­debütant an der Berliner Staatsoper.

Trotzdem: Nachdem die Brüder ihre als Nationalsozialistin belastete Mutter verdrängt und 1951 „Neubayreuth“ gegründet haben, bleibt Wieland, der Regisseur, der Erfolgreichere. Erst als er 1966 überraschend stirbt, rückt Wolfgang, der geschickte Kaufmann und Organisator, als Alleinherrscher in Bayreuth ins Rampenlicht.

Obwohl Wagner als Regisseur eher biedere Arbeiten abliefert, zeigt er bei der Verpflichtung anderer Mut. Er holt 1972 Götz Friedrich, dessen „Tannhäuser“ für einen Skandal sorgt. 1976 kommen Pa­trice Chereau und Pierre Boulez mit dem „Jahrhundertring“, Heiner Müller 1993 mit „Tristan und Isolde“, Christoph Schlingensief 2004 mit „Parsifal“.

Wagners größte Leistung ist es jedoch, die Festspiele zu einem ökonomisch gesicherten, modernen Unternehmen zu formen und sie zugleich jahrzehntelang als Publikumsmagnet zu halten. Er galt als Meister darin, mit Verträgen auch die größten Künstler zu binden: Die Stelle aus „Rheingold“ – „Was du bist, bist du nur durch Verträge“ – wird oft als Charakteristikum für den machtbewussten Festspielleiter zitiert. Die Beisetzung soll im engsten Familienkreis stattfinden. Voraussichtlich am 11. April soll die Öffentlichkeit bei einer offiziellen Trauerfeier Abschied nehmen können.

Gedenkfeier für Wolfgang Wagner am 11. April

Die Bayreuther Festspiele planen für den 11. April die Gedenkfeier für den am Sonntag gestorbenen langjährigen Festspielleiter Wolfgang Wagner. Zu der öffentlichen Trauerfeier mit Chor und Orchester der Festspiele werden zahlreiche Gäste aus Kultur und Politik geladen, berichtete Festspielsprecher Peter Emmerich am Dienstag. Auf Wunsch Wagners soll unter der Leitung von Christian Thielemann das Vorspiel aus der Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“ gespielt werden. Die Beisetzung von Wolfgang Wagner findet in einem von ihm selbst festgelegten „engsten Kreis“ statt. Der Termin ist nicht bekannt. Das teilte die Deutsche Presse Agentur am Dienstag mit.

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