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20:06 07.08.2009
Von Simon Benne
Prachtvolle Exponate: Den antiken Kameo stiftete Otto IV. einst für den Kölner Dreikönigsschrein. Quelle: ddp
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Die Zeitgenossen gingen mit ihm kaum gnädiger um als die Nachwelt: „Superbus et stultus sed fortis“ sei Otto IV. gewesen, urteilte ein missgünstiger Chronist zu dessen Lebzeiten – hochmütig und dumm, aber kräftig. Leibniz, seines Zeichens immerhin Hofgeschichtsschreiber der Welfen, monierte nicht zu Unrecht, der Herrscher habe unterm Strich mehr verspielt als gewonnen. Überhaupt wurde Otto IV., der 1218 starb, unter Historikern lange als „Fußnotenkönig“ bespöttelt und von den Forschern vernachlässigt. Da hat es eine unfreiwillige Symbolik, dass er heute in einem besseren Massengrab bestattet liegt. Dabei war er zumindest dem Titel nach der beste aller Welfen – als einziger seines Geschlechts wurde er zum Kaiser gekrönt, am 4. Oktober 1209.

Seine Heimatstadt Braunschweig pflegt ansonsten eher das Andenken an seinen Vater, Heinrich den Löwen, der als eine Art Schutzpatron des Stadtmarketings fungiert. Doch pünktlich zum 800. Krönungsjubiläum Ottos hat die Stadt jetzt ein im großen Stil beworbenes Kaiserjahr ausgerufen: Es gibt 90 Veranstaltungen vom Vortrag bis zum Ritterspektakel, Shops halten Kinder-T-Shirts („Kleiner Kaiser“) feil – und Höhepunkt ist die Ausstellung „Otto IV.“, die morgen eröffnet wird. Das Land beteiligt sich mit 500?000 Euro an der 1,3 Millionen Euro teuren Schau. Schließlich soll, in Gestalt des weithin unbekannten Kaisers, ein Stück niedersächsischer Geschichte neu entdeckt werden. Es gilt, einen landesgeschichtlichen Ankerplatz fürs hiesige Identitätsbewusstsein aufzutun – frei nach dem Motto: Wir sind Kaiser.

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Tatsächlich lohnt es sich, Aufstieg und Fall des Welfen in den Blick zu nehmen. Dessen Vater war bei Kaiser Barbarossa in Ungnade gefallen, Otto wuchs im Exil bei den Verwandten am englischen Königshof auf, noch dazu als dritter Sohn – nicht eben günstige Voraussetzungen für eine Karriere. Völlig überraschend wurde er 1198 dennoch zum römisch-deutschen König gewählt. Unter anderem hatte sich Englands König Richard Löwenherz für seinen Lieblingsneffen starkgemacht, und auch die Kölner Kaufleute unterstützten Otto. Dieser revanchierte sich bei der Stadt, indem er die Stirnseite des berühmten Dreikönigsschreins stiftete. Selbstbewusst ließ er darauf nicht nur die Heiligen Drei Könige abbilden, deren Gebeine darin ruhen, sondern als vierten König sich selbst gleich dazu. Verziert wurde der Schrein mit einem Ptolemäer-Kameo, einem Edelstein aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. Dieser wurde 1574 gestohlen, später tauchte er in Österreich wieder auf. In der Ausstellung ist er jetzt als Leihgabe aus Wien zu sehen.

Mit Münzen und Urkunden, kostbaren Büchern, Reliquiaren und Aquamanilien zeichnet die innerhalb von nur zwei Jahren konzipierte Ausstellung die Vita Ottos nach. Obwohl sich die Schau über drei Gebäude erstreckt – das Landesmuseum, die Burg Dankwarderode und den Dom – ist sie bemerkenswert klar strukturiert. Die Zahl der teils hochkarätigen Exponate ist übersichtlich, mit Lichteffekten und Klangduschen sollen die Besucher auch atmosphärisch ins Mittelalter geführt werden. Otto lebte in einer Zeit der Umbrüche: Kaiser und Päpste rangen ebenso miteinander wie Welfen und Staufer, die Städte und die Universitäten nahmen ihren Aufstieg, die Gotik löste auch in Deutschland die Romanik ab – und irgendwie hatte Otto IV. an alldem seinen Anteil.

Über Jahre zog sich der Kampf mit seinem Rivalen Philipp von Schwaben hin, jenem Staufer, den Ottos Gegner ebenfalls zum König gewählt hatten. Zwar gelang es Otto, sich in Aachen, der traditionell zuständigen Stadt, krönen zu lassen. Aber er hatte ein ähnliches Problem wie heute die Braunschweiger Ausstellungsmacher: Er verfügte nicht über die Reichsinsignien. Damals hatte sein Gegenspieler Philipp diese in Beschlag genommen, heute liegen Reichskrone, -schwert und Heilige Lanze in der Wiener Hofburg und werden prinzipiell nicht ausgeliehen. Die Ausstellung behilft sich mit Kopien.

Erst als Philipp einem unpolitischen Eifersuchtsmord zum Opfer fiel, war Ottos Weg zum Kaisertum frei. In Begleitung von 6000 Panzerreitern zog er über die Alpen. Mit prachtvollem Gefolge hielt er in Rom Einzug, auf den Stufen der Peterskirche huldigte er Papst Innozenz III. gemäß dem Ritual mit einem Fußkuss, ehe dieser ihn zum Kaiser krönte. Otto war auf dem Gipfel der Macht. Die Ausstellung zeigt seinen prachtvollen Kaisermantel, gefertigt aus byzantinischer Seide, bestickt mit Leoparden – ein Hinweis auf seine Verbundenheit mit England.

Doch in Ottos Triumph war sein Scheitern bereits angelegt: Er selbst, befand der machtbewusste Papst, sei die Sonne, der Kaiser nur der Mond. Ein Siegel, das Otto IV. neu designen ließ, verriet, dass ihm eine ganz andere Kleiderordnung vorschwebte: Er ließ sich selbst darauf darstellen, flankiert von Sonne und Mond. Als er den Kirchenstaat angriff, exkommunizierte ihn der Papst. Ein Teil der Fürsten wandte sich von ihm ab und kürte 1212 den Staufer Friedrich II. zum neuen Gegenkönig. Am Ende verlor Otto IV. fast alle Besitzungen und zog sich auf seine braunschweigischen Stammlande zurück. Er starb auf der Habsburg 1218. Sein Testament – die Urkunde ist ein weiteres Glanzstück der Ausstellung – legte fest, dass die kostbaren Reliquiare seines Welfenschatzes teils ans Braunschweiger Stift St. Blasii gehen sollten. In dem Dom wurde Otto IV. auch begraben, neben seiner ersten Frau Beatrix. Als Herzog Anton Ulrich das Gotteshaus 1707 im barocken Geist umgestaltete, ließ er die Gebeine bergen und in einem schmucklosen Sammelgrab mit einem guten Dutzend anderer Welfen neben dem Altar beisetzen – kein Zeichen übermäßiger Wertschätzung. Zu Lebzeiten hatte Otto IV. seine Vaterstadt Braunschweig mit großzügigen Privilegien wirtschaftlich gefördert, die Braunschweiger revanchierten sich mit unverbrüchlicher Treue. Fast ist es, als sei mit der Ausstellung jetzt ein wenig von diesem Verhältnis reanimiert worden.

Infos zur Landesausstellung in Braunschweig

08.08.2009
Johanna Di Blasi 06.08.2009