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Kultur Wenn alle nur Bahnhof verstehen wollen
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14:38 26.12.2011
Szene aus dem Stück Kohlhaas 21 im Alten Schauspielhaus in Stuttgart. Quelle: dpa
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Stuttgart

Die Wutbürger sind als Laiendarsteller aufgetreten. Die Schlichtung ist zur Komödie geworden. Und die Dokumentation der Anti-Stuttgart-21-Proteste fand ihren Weg auf die Berlinale. Der Bahnhofsstreit in der baden-württembergischen Landeshauptstadt hat nicht nur in Politik und Medien eine Dauerpräsenz. Er hat 2011 ein brauchbares Thema für die Kulturlandschaft abgegeben. Und die manchmal als brav verspotteten Kehrwochen-Schwaben zu Debattierexperten gemacht.

Dass sich Theater, Film und Literatur gerne mit gesellschaftlichen Missständen beschäftigen, ist nicht neu. Der Streit um das Milliardenprojekt Stuttgart 21 - darüber, einen Bahnhof unter die Erde zu verlegen und Stuttgart zu untertunneln - hat aber eine neue Qualität gezeigt. «Für mich gibt es diese Trennung gar nicht», sagt Volker Lösch, Hausregisseur des Stuttgarter Schauspiels. Er hat schon die verschiedensten politischen Diskussionen auf die Bühne gebracht, von Hartz IV bis zum Afghanistan-Krieg.

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Durch die S-21-Brille betrachtete Lösch die Beziehung zwischen Souverän und Regierung. In seinem «Metropolis/The Monkey Wrench Gang» traten Laien auf, die gerade noch selbst gegen den Bahnhofsneubau auf die Straße gegangen sind. «Es war eigentlich eher umgekehrt», sagt Lösch, «wir haben aus den Bürgern auf der Straße Chöre wie im Theater gemacht.» Zu häufig gebe es noch die Trennung zwischen «uns, der Kunst, dem Theater» und «dem Leben da draußen».

Dennoch, der Einsatz der Stuttgart-21-Gegner kam nicht bei allen an. Seine Idee, den Film «Metropolis» und die Geschichte von vier Öko-Terroristen zu kreuzen, bezeichnete ein Kritiker als «Zeugnis ästhetischer Hilflosigkeit». Andere wiederum fanden es hoch sympathisch - erst recht, weil Lösch selbst öffentlich als Stuttgart21-Kritiker auftritt.

Lösch ist mit Sicherheit das extremste Beispiel - doch tatsächlich hat sich die Kulturszene der Landeshauptstadt enorm verändert, wie auch Regisseur Christof Küster findet: «Die ganze Bewegung, die sich hier in Stuttgart entwickelt hat, ist das Interessante.» Er hat in einem winzigen Theater aus der Schlichtung von Heiner Geißler ein Musical gemacht.

«Bei uns kriegen beide Seiten Hiebe ab», sagt der Regisseur. Aus seiner Sicht ist Stuttgart 21 auch deshalb so geeignet für die Bühne, weil der Stoff gar nicht so stark bearbeitet werden muss - was Millionen als Übertragung im Fernsehen verfolgten, hat er überspitzt dargestellt: Alphatiere treffen aufeinander und kriegen sich über technische Details des Bahnfahrens in die Haare - und das auf durchaus amüsante Art.

Heinrich von Kleists «Michael Kohlhaas» wurde im Alten Schauspielhaus Stuttgart zu «Kohlhaas 21». Eine ganze Stadt drehte sich in diesem Jahr nochmals um ein Thema, das viele Deutsche immer weniger durchblickten, je häufiger sie es in der «Tagesschau» sahen. Im Stuttgarter Staatsschauspiel sind derweil selbst in Shakespeares «Romeo und Julia» die Familien Capulet und Montague nicht nur seit jeher, sondern auch über Stuttgart 21 gespalten. Der Kunstgriff gewinnt irgendwann auch eine gewisse Beliebigkeit.

Vielleicht taugt der Bahnhofskonflikt doch eher als Thema, wenn er nicht mit anderen Stoffen gekreuzt wird? Die beiden jungen Filmemacher Lisa Sperling und Florian Kläger schafften es mit ihrer Dokumentation «Stuttgart 21 - denk mal!» auf die Berlinale. Hier wirkte die unmittelbare Kraft des Protests, der viele Generationen von Wutbürgern verband. Doch wenn sich die Dokumentation zu weit vom Dokumentieren selbst entfernte, funktionierte auch sie nicht mehr. Ihr fehlte letztlich auch die Distanz, schrieb die Wochenzeitung «Die Zeit»: «Kein Moment des Innehaltens, des leisen Zweifels oder gar des Schmunzelns über sich selbst.»

Das Thema habe nun merklich an Schwung verloren, meint auch Regisseur Küster. Nur noch die Hardcore-Gegner wollen Ende 2011, nach der Niederlage bei der Volksabstimmung, weitere Montagsdemos und Proteste. «Für mich ist das jetzt erst mal entschieden», sagt Küster. Andererseits: Hat ein Gericht den Weiterbau des Milliardenbahnhofs nicht gerade gestoppt? Klar, erklärt Küster, auch er könne sich vorstellen, da nochmals «etwas zu machen».

Lösch glaubt eh nicht, «dass dieser Bahnhof gebaut wird». Daneben hält er aber fest: «Hier hat sich eine Stadt neu entdeckt, sind die Menschen aufgewacht und wollen sich informieren.» Das habe ausgestrahlt, nach ganz Deutschland. Tatsächlich war 2011 ja nicht nur ein Jahr der schwäbischen Wutbürger: die Occupy-Bewegung, Montagsdemos am Frankfurter Flughafen gegen die neue Landebahn und andere Beispiele scheinen zu beweisen, dass die Menschen bundesweit wieder politischer geworden sind.

Allerdings kommt bei der «direkten Demokratie» nicht immer das raus, was erwartet wird, das merken auch Theatermacher. So sollten die Zuschauer im Hamburger Thalia-Theater den nächsten Spielplan mitbestimmen. Doch einige organisierten sich in Gruppen und setzten Stücke durch, von denen die Theaterspitze dann plötzlich nicht mehr besonders begeistert war - und Kritiker sprachen von einer Blamage.

dpa