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Kultur Was sich gehört: Ausstellung über „Manieren“ in Bremen
Nachrichten Kultur Was sich gehört: Ausstellung über „Manieren“ in Bremen
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19:23 30.11.2009
Von Johanna Di Blasi
Sonderausstellung „Manieren“ in Bremen. Quelle: ddp

Was sind gute Manieren? Ist der Handkuss inzwischen peinlich? Stirbt das Kompliment langsam aus? Gibt es in unserer Gesellschaft überhaupt noch Regeln für ein kultiviertes Miteinander? Sieht man sich die Fülle moderner Benimmratgeber und Verhaltensfibeln an, so bleibt kein Zweifel, dass es wieder eine verstärkte Nachfrage nach verbindlichen Richtlinien gibt. Dabei geht um Verhaltensfinessen in der eigenen Kultur – und darum, fit fürs globale Parkett zu werden.

Geradezu synonym für das Benimm-Genre steht bis heute der Name Knigge. Der nahe Hannover geborene und in Bremen gestorbene Aufklärer Adolph Freiherr Knigge (1752 bis 1796) konnte es nicht ausstehen, wenn Leute beim Tanzen die Melodie mitsangen oder wenn in Gesellschaft einander ins Ohr getuschelt wurde. Bahnbrechend war Knigge aber nicht wegen seiner Pedanterie, sondern weil er als einer der ersten einen klassenübergreifenden Verhaltenskodex anstrebte.

Der schreibende Freiherr aus einem verarmten Adelsgeschlecht und Sympathisant der Französischen Revolution steht im Mittelpunkt der Ersten kulturhistorischen Ausstellung zum Thema der Anstandsregeln: „Manieren. Geschichten von Anstand und Sitte aus sieben Jahrhunderten“ hat gerade im Bremer Focke Museum eröffnet. Anhand von rund 200 Exponaten – vom Spazierstock bis zur Scherzkarte, vom Keuschheitsgürtel bis zur Karikatur – werden informativ und unterhaltsam Sittengeschichten erzählt.

Wenn sie ungebräuchlich geworden sind, erscheinen Sitten häufig komisch. Gespreizt und manieriert etwa wirkt die Art, wie ein barocker Herr auf einem in Bremen ausgestellten Gemälde ein schweres Weinglas balanciert, am unteren Rand nur mit Daumen und Zeigefinger. Derartig vornehme Trinkgefäßakrobatik musste von Kind an geübt werden. Auf einem hundert Jahre später entstandenen Gemälde sieht man eine feine Dame, die ihren Kaffee zum Auskühlen in die Untertasse gekippt hat, woraus sie ihn schlürfen wird. Auch das Nippen aus der Untertasse galt einst als feine Manier. Als jedoch die unteren Stände diesen Brauch übernahmen, verlor er das Dinstinguierte – und galt schließlich als vulgär.

Bis in die Biedermeierzeit waren in Salons Spucknäpfe gebräuchlich. Raucher und Schnupftabakschniefer spuckten in die mit Sand und Lavendel gefüllten Schalen. Doch Ende des 19. Jahrhunderts kamen Vorbehalte auf: „Ein gebildeter Mann wird sich für diesen Zweck immer nur des eignen Taschentuches bedienen, auch da, wo Speischalen aufgestellt sind“, heißt es in einer zeitgenössischen Quelle. Eine merkwürdige Sitte herrschte am Hof Ludwigs XIV. Hofdamen trugen einen „pot de chambre oval“, ein ovales Porzellangefäß, mit sich. Ein blau verziertes Exemplar ist in Bremen ausgestellt. Die Schalen wurden auch „Bourdalou“ genannt. Louis Bourdaloue war ein Jesuitenpater, dessen Kanzelreden so fesselnd waren, dass die Hofdamen keine Minute der langen Predigten verpassen wollten. Deswegen schoben sie bei Harndrang diskret den Bourdalou unter den Reifrock.

Nur angetippt werden in der Schau zeitgenössische Zivilisierungsbemühungen. So transportieren etwa Fernsehformate wie „Das perfekte Dinner“ oder „Die Super Nanny“ ebenfalls kultivierende Botschaften. Es geht um Tischsitten, Small-Talk-Qualitäten oder um die Zähmung widerspenstiger Sprösslinge. Und auch im Internet gibt es Verhaltensregeln, die sogenannte „Netiquette“.

Kindererziehung, Tischsitten, Flirtkonventionen sowie Vorschriften und Tabus hinsichtlich der Kleidung lassen sich anhand von Exponaten gut veranschaulichen. Schwieriger wird es, wenn es um Haltungen und um die Gesinnung geht. Hier bietet der Ausstellungskatalog Lesenswertes. Unter den Autoren: Asfa-Wossen Asserate, der Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers Haile Selassie und Autor des Bestsellers „Manieren“.

Höflichkeitskultur basiere in Europa, so meint der äthiopische Prinz, auf zwei Prinzipien: Demut und Anmut. Demütig sei, wer von der eigenen Person absehen und seine Aufmerksamkeit ganz den anderen Menschen zuwenden könne. Er merke sich Namen, Titel und auch, ob jemand eine Fischallergie oder eine andere Abneigung habe. Sein Sinnen sei es, jede Person mit äußerster Schonung und Behutsamkeit zu behandeln. Dieses aufmerksame Verhalten komme beim vollendet höflichen Menschen, so meint Asserate, völlig ungezwungen daher. Hier knüpft der Prinz an die „Sprezzatura“ des Renaissancezeitalters an, eine besonders elegante Form der Nachlässigkeit.

Derart kunstfertige Selbsttechniken im Dienst der Höflichkeit, Ästhetik und Humanität sind nicht jedermanns Sache. Mit netten Komplimenten oder charmantem Benehmen aber kann das Manierenniveau schnell gehoben werden. Doch es geht auch darum, anderen ihre Verstöße leicht nachsehen zu können. Letzteres ist, das sagte bereits der Humanist Erasmus von Rotterdam, „der wichtigste Punkt der Höflichkeit“.

Focke Museum, Heerstraße 240, Bremen, bis 30. Mai, Katalog 28 Euro.

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