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Kultur „Was guckt ihr mich denn so an?“
Nachrichten Kultur „Was guckt ihr mich denn so an?“
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12:45 27.02.2012
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MIT GEFÜHL FÜR DIE ISOLATION: Schauspieler Daniel Nerlich möchte im Theater Ambivalenz erzeugen und spielt dafür schonungslos. Quelle: Behrens
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Hannover

VON GARMIN WENDT

Hatten Sie Respekt vor der Rolle des Woyzeck?

Ja, total. Erst mal wird man in der Arbeit mit Heike (Götze, die Regisseurin) sehr herausgefordert, es ist eine sehr physische Arbeit. Und in der Tat war auch diese Rolle anspruchsvoller als andere – körperlich und seelisch. Ich habe oft von der Produktion geträumt und ein großes Gefühl gekriegt für die Isolation dieser Figur.

Spielen da persönliche Erfahrungen mit?

Es ist schon erschreckend, wie leicht die Tür aufgeht in den Kopf der Figur. Das sind nicht unbedingt persönliche Erfahrungen, sondern ist eher eine Affinität zu solchen Charakteren.

Was möchten Sie den Zuschauern mitgeben?

Ich will den Blick darauf richten, dass man sich auch mit den hässlichen Seiten unserer Welt auseinandersetzen darf. Und das heißt nicht, dass man eine Geschichte daraus stricken muss, die sich gut verkauft. Es ist oft ein schmaler Grat: Warum zeigt man Gewalt auf der Bühne? Aber wenn man es schafft, dass der Zuschauer denkt, ,Warum macht der Woyzeck das? Warum geht der Schauspieler so weit?‘, wenn diese Ambivalenz entsteht, dann ist man da, wo ich als Zuschauer sein will.

Ambivalenz auch in der Identifikation?

Ich finde es am spannendsten im Theater, wenn man anfängt, sich als Zuschauer zu den Figuren in ihrer Vielschichtigkeit zu verhalten, zum Beispiel mit dem Hauptmann Mitleid empfindet. Und dafür muss man manchmal schonungslos spielen. Viele Zuschauer beschreiben, sie fänden es ziemlich abartig, was Woyzeck da macht, aber irgendwie könnten sie sich identifizieren.

Müssen Sie sich jedes Mal überwinden, sich vor dem Hauptmann auszuziehen?

Es ist für mich eine Folgerichtigkeit in dem schlichten Kopf dieses Menschen, dass der das tut. Es könnte auch passieren, dass ich in einer Vorstellung nicht so weit gehe. Der Schutz der Rolle ist, dass ich nur denke, wie Woyzeck: Wo bleibt das Geld? Mehr nicht. Vielleicht denke ich noch: Was guckt ihr mich denn so an? Man lernt, eine Figur zu führen.

Man denkt ja, Jugendliche hätten alles schon gesehen. Warum sind einige gegangen?

Für mich ist das eine verständliche Art von Überforderung mit dem eigenen Voyeurismus, mit der Situation, dass das ein echter Mensch ist, der da steht. Theater ist eben live.

Wieviel Nerlich steckt in einer Rolle, wieviel Regie?

Es steckt viel von mir da drin, ich hab den Typen ja erfunden. Gleichzeitig hat Heike das aus uns herausgearbeitet. Sie fordert einen bis an die Grenzen. Als Schauspieler kommt man dann in einen Zustand, wo man sagt: Eitelkeit tschüß, Figur komm her.

Gibt es etwas, dass Sie auf der Bühne niemals machen würden?

Ich arbeite gern sehr physisch, aber es gibt mit Sicherheit Grenzen. Die wären dann aber eher inhaltlicher Art, wenn ich etwas einfach nicht gerechtfertigt fände, eine persönliche Demütigung.

Kann man heute als Schauspieler erfolgreich sein, wenn man sich nicht auszieht?

Natürlich. Ich habe glücklicherweise noch nie erlebt, dass ein Schauspieler zu etwas gezwungen wurde, das er nicht wollte.

Nicht immer man selbst sein – Daniel Nerlich liebt seinen Beruf

HANNOVER. Schon mit zwölf habe er allen erzählt, er wolle Schauspieler oder Rockstar werden, erzählt Daniel Nerlich. „Das Berufsbild hat mich schon immer fasziniert, das hat auch nie aufgehört.“ Am Beruf gefallen ihm zwei Dinge besonders: Nicht immer man selbst sein zu müssen, sich auszuprobieren – „das ist vielleicht ein etwas narzisstisches Denken“, gibt der Schauspieler zu. Und: Die Wechselwirkung mit dem Publikum. „Ich mag das, wenn die Leute reagieren.“

Er habe nie bereut, Schauspieler geworden zu sein. „Ich hatte auch ein bisschen Glück“, sagt Nerlich über seine Karriere. Zwar habe er viele Prüfungen machen müssen, bis ihn eine Schauspielschule nahm. Aber er habe seine Arbeit nie auf die leichte Schulter genommen, habe alles auskosten wollen.

Direkt nach der Schule kam ein Engagement in Basel, schon damals lernte er Lars-Ole Walburg kennen, den heutigen Intendanten des Schauspiels, der ihn später nach Hannover holte.

Der Hamburger lebt in der List und fühlt sich wohl in Hannover. Seine Freundin ist Maskenbildnerin im Haus. Nerlichs Eltern kommen zu den Aufführungen, genau wie Zwillingsbruder Alexander, der freier Regisseur ist. „Wenn meine Familie dabei ist, bin ich immer noch ein bisschen aufgeregt“, gibt Nerlich zu. In der Freizeit schreibt er Songs für seine Band „A Boy Named River“.

Eine Sache, bei der er noch an sich arbeiten will, ist das Fernsehen. Denn das lohne sich nicht nur finanziell. Das reduzierte Arbeiten vor der Kamera interessiere ihn sehr, aber: „Die Bühne hat derzeit eindeutig Vorrang.“ gw