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Warum Ralph Ruthe seine „Shit Happens!“-Tour freiwillig abbricht

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18:12 30.11.2021
Frohnatur: Ralph Ruthe..
Frohnatur: Ralph Ruthe.. Quelle: Ralph Ruthe
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Hannover

Am 2. und 3. Dezember hätte Ralph Ruthe (49), Unterhaltungskünstler und selbsternannter „Witzbildmaler“ mit enormer Social-Media-Reichweite, im Kulturzentrum Pavillon seine „Shit Happens!“-Show zeigen sollen. Die Tour brach er angesichts des Infektionsgeschehens jedoch bereits in der Vorwoche ab. Im NP-Interview erklärt er seine Beweggründe.

Sie haben von sich aus Ihre Tour abgebrochen. Warum?

Ich folge vielen Experten, also Virologen und anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die sich wirklich mit der Pandemie auskennen, auf Twitter. Und wenn man das tut, weiß man eben gewisse Sachen – in der Regel auch vier Wochen vor Jens Spahn. Und man konnte sehen: Es entwickelt sich schlecht. Ich hätte schon früher aufgehört – es geht nicht, dass ich mich jeden Abend mit so vielen Menschen in einen Raum stelle – obwohl wir schon unter 2-G mit Maske veranstaltet haben. Dann haben noch ein paar Leute mit Engelszungen auf mich eingeredet, weil die Situation für die Veranstaltungsbranche so eine Katastrophe ist, und so habe ich noch eine Woche weitergespielt, mit 2-G-plus. Aber nach dem letzten Block habe ich gedacht: Als Vater kann ich das nicht mehr machen. Meine Kinder sind fünf Jahre alt, also ungeimpft – sobald es geht, lassen wir sie impfen. Ich muss jetzt einfach an meine Familie denken. Und es ist mein Beitrag dazu, dass die Situation nicht noch weiter eskaliert.

Lesen Sie hier: Ralph Ruthe reicht’s noch lange nicht – Interview

„Struktur ist doch gerade unmöglich“

Sie gehen als Kulturschaffender beispielhaft voran und schränken sich ein, womit sich andere Teile der Gesellschaft noch sehr schwer tun ...

Es ist ja nicht nur die Kultur in der Pandemie, sondern es ist wie in der Klimakrise auch. „Bitte verzichten Sie auf Flugreisen“ – ja, das ist alles schön und gut. Aber am Ende müssen die politischen Entscheidungen getroffen werden. Wenn es klare Regeln gibt, weiß jeder, was er machen kann und machen darf. Dann kann man endlich wieder sein eigenes Leben strukturieren. Struktur ist doch gerade unmöglich, für alle Menschen, aber ganz besonders für Menschen mit Familie. Und wenn wir eines gelernt haben in der Pandemie, dann dieses: dass Kinder der Politik herzlich egal sind.

Pandemie ist, wenn man trotzdem lacht: Ralph Ruthe versucht in seinen Cartoons trotz allem, den Umständen von Corona auch lustige Seiten abzugewinnen. Quelle: Ralph Ruthe

Wie sind Sie privat durch die Krise gekommen, mit fünfjährigen Zwillingen?

Zunächst einmal sind wir in einer völlig privilegierten Situation: zwei Kinder und Platz. Wir haben einen Garten. Wir haben den beiden alles erklärt, und solange man seinen Kindern vermittelt, dass es zwar schlimm ist, was passiert, wir das aber trotzdem schaffen und auch schöne Sachen machen, dann ist das für die okay. Natürlich war es auch mal anstrengend, vor allem als wir die Kinder im Dezember 2020 aus der Kita rausgeholt haben, bis ungefähr März.

Ralph Ruthe

*20. Mai 1972 in Bielefeld. Ralph Ruthe ist gelernter Schriftsetzer, veröffentlichte aber schon als Jugendlicher Cartoons. Früh begann er, seine „Shit Happens!“-Bilder bei Facebook zu veröffentlichen. Youtube-Videos und eine erfolgreiche Live-Show folgten. Ein Kinofilm ist in Arbeit. Ruthe nutzt seine Reichweite zunehmend auch für ernstere Anliegen. Im März 2021 begann er mit dem Podcast „Allgemein gebildet“ zu politischen Themen. Er lebt mit Frau und zwei Kindern in Bielefeld.

Der Winter war hart, und der nächste wird wohl kaum weniger hart werden ...

Der Vorteil ist: Man hat das schon einmal erlebt. Man weiß, wie es geht. Wo man vor zwei Jahren gesagt hätte: „Boah, ich möchte mal wieder nach Spanien reisen!“, ist man jetzt froh, wenn man im Sommer an die Nordsee kann. Uns geht’s ja noch gut in Deutschland, und alles Andere ist ja auch noch da. Ich bin der Letzte, der sich beschwert. Ich möchte nur meinen Beitrag dazu leisten, dass diese Pandemie endlich eingedämmt wird. Das geht nur mit einer hohen Impfquote und wenn alle zusammenarbeiten. Deswegen kommentiere ich das auch ständig.

Lesen Sie hier: Das Lumpenpack zwischen „Emotions“ und Wartestellung

„Es gibt Momente, in denen ich sehr, sehr müde werde“

Wie groß ist Ihre Toleranz gegenüber Schwurblern?

Naja, wie messe ich das..? Es gibt Momente, in denen ich sehr, sehr müde werde, wenn Leute auf Demonstrationen mit Argumenten arbeiten, die wissenschaftlich längst widerlegt sind, oder wenn 50.000 Menschen in ein Fußballstadion gehen, während ich mich gerade entschlossen habe, auch vor 400 nicht mehr aufzutreten. Es ärgert mich selber, wenn ich in mir die Lust verspüre, zu diesen Leuten hinzugehen, sie durchzuschütteln und sie zu fragen: „Merkt ihr eigentlich noch irgendwas?“ Ich habe auch weniger Geduld und blocke schneller Leute. Wenn schon jemand den Satz anfängt mit „Ja, aber auf den Stationen liegen doch auch Geimpfte...“ Sorry, nein. Diese Informationen hat jeder. Alle wissen, woran das liegt: Je mehr Menschen geimpft sind, umso mehr liegen proportional auch Geimpfte auf den Intensivstationen. Das ist tausendmal erklärt worden, das ist Mathematik.

Ist Ihnen in dieser Situation noch danach, Witzbilder zu malen?

Auf jeden Fall. Und: Mein Beruf ist es ja nicht nur, Witzbilder zu malen, sondern Leute zu unterhalten. Ich bin Komiker, und das geht in allen möglichen Formen. Schade ist nur, dass man auch da kaum an dem Thema vorbeikommt. Man muss es erzählen, denn es ist Alltagsrealität. Übrigens auch für die Kinder. Das ist ja die große Lüge die erzählt wird: „Denkt an die armen Kinder, die Maske tragen müssen!“ Den Kindern ist das völlig egal: Wenn man denen erklärt, dass sie Maske tragen müssen, dann tragen sie halt Maske. Es ist Aufgabe der Eltern, das zu vermitteln. Aber diese Leute haben vermutlich schon Probleme damit zu erklären, warum zwei Männer sich küssen.

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„Die Leute sind ausgehungert“

Dafür drehen sie durch, wenn sie jetzt – zum Beispiel im Theater – auch mal für zwei Stunden eines Maske tragen sollen.

Das habe ich zum Glück anders erlebt. Ich bin sehr froh, dass ich überhaupt ein paar Termine, ungefähr die halbe Tour, spielen konnte und dabei erleben konnte, dass es volles Verständnis gab. Es gab überhaupt kein Gemurre, keine Probleme beim Einlass und beim Vorzeigen der Impfausweise. Von Beginn der Tour an saß eh die Hälfte mit Masken da, und in dem Moment, in dem ich gesagt habe „Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr alle die Maske aufsetzt“, haben das alle gemacht. Es gab auch vom Gefühl her keinen Unterschied zu anderen Touren, was die Lach-Lautstärke betrifft. Eher im Gegenteil: Die Leute sind ausgehungert.

Umso lieber hätte man Sie diese Woche in Hannover gesehen.

Ja. Aber beide Abende waren nahezu ausverkauft und das mitten in der Pandemie. Da sah ich keine andere Möglichkeit, als abzusagen.

Wie geht es jetzt weiter? Haben Sie mehr Zeit für Ihren geplanten Film?

Das ist ja der Trugschluss. Die Kinder sind zuhause. Wann immer eine Lockdown-Situation kommt, sind auch die Kinder mehr hier, und man kommt auch weniger zum Arbeiten. Ich kriege am meisten hin, wenn alles ganz normal läuft.Aber, ja, wir arbeiten auch weiter am Film. Der wird auch kommen, in etwa zwei Jahren, aber was dann ist, kann einem auch kein Virologe sagen.

Von Stefan Gohlisch