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Kultur Warum „Die Feuerzangenbowle“ noch immer so erfolgreich ist
Nachrichten Kultur Warum „Die Feuerzangenbowle“ noch immer so erfolgreich ist
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12:59 23.11.2011
Von Ronald Meyer-Arlt
„Die alkoholische Gärung oder die Gärung des Alkohols erzeugt Alkohol, und Alkohol erzeugt Gärung: die sogenannte alkoholische Gärung.“ Rudi Schippel (l.) und Heinz Rühmann. Quelle: Archiv
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Die Göttinger gehörten zu den ersten. Die Studenten der Georgia Augusta, das kann man sagen, haben einen Kult begründet. Durch sie wurde die 1944 gedrehte Komödie „Die Feuerzangenbowle“ zum Partyfilm. Karsten Leffers, Anfang der achtziger Jahre Leiter der studentischen Kinoinitiative „Campusfilm“, erinnert sich, dass die Sache bereits in den Siebzigern begann. Aber noch nicht richtig. Damals wurde der Film mit Heinz Rühmann als Schriftsteller Hans Pfeiffer, der als Schüler verkleidet ein kleinstädtisches Gymnasium aufmischt, öfter mal im studentischen Filmklub gezeigt. Der Grund: Die Aufführungsrechte waren billig zu bekommen.

Meist lief „Die Feuerzangenbowle“ irgendwann im Sommer. Wie es gerade so passte. Dann, Anfang der achtziger Jahre, gab es zufällig eine Lücke im Filmprogramm der Vorweihnachtszeit. Man entschied sich für „Die Feuerzangenbowle“ – und plötzlich war das Hörsaalkino ganz hervorragend besucht.

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In den folgenden Jahren brachten die Zuschauer nach und nach immer mehr Requisiten mit: Wecker (für Pfeiffers ersten Schultag), Wunderkerzen (für die Stunde mit dem Radium) und Wein (für „Jäder nor einen wenzigen Schlock“). Und der Filmabend geriet immer mehr zur Party.

„Erst kamen 500, im Jahr darauf 1000, dann 4000 Studenten“, sagt Leffers. Irgendwann war der Besucherandrang so groß, dass der Film parallel in verschiedenen Hörsälen gezeigt werden musste. 1987 entschied sich Leffers dann, aus der Filmvorführung „ein Ding zu machen, das die Welt noch nicht gesehen hat“ – und lud, nachdem er sich bei der Murnau-Stiftung die Vorführrechte für die nächsten Jahre besorgt hatte, zur großen „Feuerzangenbowle-Party“ auf den Campus.

Leffers, der sich mittlerweile mit seiner Agentur „Unikino“ selbstständig gemacht hatte, hatte Unternehmerglück. Kurz bevor in Göttingen die Party starten sollte, war ein Kandidat mit einer Wette zum Film bei „Wetten, dass ...?“ zu Gast. Wettpate war Heinz Rühmann, und der sagte, dass sein Film ja in der Vorweihnachtszeit regelmäßig an der Göttinger Uni zu sehen sei. Sofort nach der Sendung waren alle Karten für die Party ausverkauft.

Seitdem gibt es regelmäßig am Sonnabend vor dem 2. Advent eine große Feuerzangenbowle-Party. In Göttingen waren im vergangenen Jahr etwa 9000 Besucher dabei, auch in knapp 40 anderen Studentenkinos wurde der Filmklassiker geguckt und gefeiert. Auf einigen Weihnachtsmärkten ist der Film als Endlosschleife zu sehen, er läuft im Fernsehen, und selbstverständlich verkauft sich „Die Feuerzangenbowle“ als DVD in der Vorweihnachtszeit besonders gut.

Das Wunder die Zeit zurückdrehen zu können

Der Erfolg hat nicht nur – aber eben auch – damit zu tun, dass „Die Feuerzangenbowle“ ein sehr gut gemachter Film ist. Auch wer „Die Feuerzangenbowle“ ganz beschaulich vom DVD-Player im Wohnzimmer schaut, kann sich über die Leichtigkeit, den Charme und den Witz des Klassikers aus dem Jahr 1944 nur wundern.

Der Film war schon die zweite Verfilmung von Heinrich Spoerls erfolgreichem Roman aus dem Jahr 1933. Die erste stammt aus dem Jahr 1934 und heißt „So ein Flegel“. Für diesen Film hatte Hans Reimann (der auch an Spoerls Roman mitgewirkt hatte) das Drehbuch geschrieben; anders als das Buch erzählt der Film die Geschichte zweier Brüder – der eine Schüler, erfolgreicher Autor der andere –, die ihre Rollen tauschen. Auch hier schon spielt Heinz Rühmann den Schüler Pfeiffer.

Viel erfolgreicher aber wurde die zehn Jahre später gedrehte „Feuerzangenbowle“ – wieder mit Rühmann in der Hauptrolle, der auch der Produzent war. Rühmann ist großartig: Sein verschmitztes Lächeln, auch seine gelegentliche Fiesheit sind ganz großes Kino. Am schönsten aber ist, wie er die Entdeckung eines unbekannten Kontinents spielt: der Kindheit. Vielleicht ist das der große Reiz des komischen Films – das Wunder, dass es einem gelingt, die Zeit zurückzudrehen und in eine andere, ihm ganz fremde Welt einzutauchen, wo er auch noch sein Herz verliert.

Trotz der Regie von Helmut Weiss (der, wie’s der Zufall will, in Göttingen geboren wurde) ist „Die Feuerzangenbowle“ ein reiner Rühmann-Film. Er war Hauptdarsteller und Produzent, und er hat sich auch persönlich dafür eingesetzt, dass der Film überhaupt gezeigt werden durfte. Reichserziehungsminister Bernhard Rust hatte die Freigabe der Komödie verhindert. Solch ein Film, meinte Rust, würde die Autorität der Schule und der Lehrer gefährden. Das sei schwierig, in einer Zeit, in der viele Lehrer nicht hinterm Katheder, sondern im Feld stünden. Als Heinz Rühmann (für den die NS-Mächtigen immer ein offenes Ohr hatten) von Rusts Verbotsbestrebungen erfuhr, nahm er den Nachtzug nach Ostpreußen und stellte den Film in der „Wolfsschanze“ vor, dem Hauptquartier Adolf Hitlers. Hitler, der das Werk nicht angeschaut hatte, erkundigte sich bei Hermann Göring, ob der Film zum Lachen sei. Als dieser bejahte, lautete die Order: „Der Film ist ab sofort für das deutsche Volk freizugeben.“

„Met einem oder met zwei äff?“ „Mit drei, Herr Professor.“

„Die Feuerzangenbowle“ kam den Nazis gelegen. Nach der verlorenen Schlacht um Stalingrad dienten solche Unterhaltungsfilme dazu, für gute Laune an der „Heimatfront“ zu sorgen. Das war damals seine Funktion. Und die erfüllte er. Nationalsozialistische Ideologe taucht eher am Rande auf. Während sich der Film sonst sehr an die Romanvorlage von Heinrich Spoerl hält, weicht eine Figur vom Romanvorbild ab: der Oberlehrer Dr. Brett. Wenn er seinen Monolog über die Jugend hält und von jungen Bäumen spricht, die man anbinden müsse, damit sie „schön gerade wachsen“, erhebt sich heute bei den Uni-Vorführungen meist ein Pfeifkonzert.

Man kann Dr. Brett blöd und den Rest des Films trotzdem komisch finden. Dass er so zum Lachen ist, liegt sicher an Heinz Rühmann und anderen großartigen Schauspielern wie Erich Ponto (Professor Crey) und Paul Henckels (Bömmel), aber auch daran, dass der Film immer so nah am Buch bleibt. Viele Dialoge aus dem Roman sind eins zu eins übernommen worden. So sagt Professor Crey am ersten Tag zum neuen Schüler Pfeiffer:

„Ech heiße Sä em Namen onserer Lehranstalt ond em Namen der Oberprema herzlech willkommen. Ech hoffe, Sä werden sich recht wohl bei uns föhlen. Sätzen Sä sech da vorne, da kann ech Sä besser beobachten. – Sä heißen?“
Pfeiffer, Johann.“
„Met einem oder met zwei äff?“
„Mit drei, Herr Professor.“
„??“
„Eins vor dem ei und zwei hinter dem ei.“

Und das klingt im Film genauso, wie es im Buch zu lesen ist. Nicht nur diese Sätze sprechen die Studenten in Göttingen und anderswo Wort für Wort mit. Ansonsten allerdings traut sich keiner, diese Sätze zu sprechen – und sie vielleicht auch neu und anders klingen zu lassen. Ein Remake der „Feuerzangenbowle“ ist erstaunlicherweise nicht in Sicht. Nur einmal, 1970, wurde der Stoff nachgespielt. Helmut Käutner führte Regie, Walter Giller spielte den Hans Pfeiffer. Gegen die Version von 1944 konnte sich der Film nicht durchsetzen.

Und heute? Da würden wohl die üblichen Verdächtigen aus der Kinobranche mitmachen: Als Schüler wären Jürgen Vogel und Kai Wiesinger dabei, Til Schweiger und Matthias Schweighöfer, Boris Aljinovic und Tom Gerhard würden auch mitspielen, Christian Tramitz, Hans Werner Olm, Harald Schmidt und Atze Schröder würden die Lehrer geben. Und wir können alle froh sein, dass es diesen Film nicht gibt.

Ja, wo laufen sie denn?

  • An der Universität Göttingen beginnt die „Nikolausparty“ mit mehr als 20 Vorführungen der „Feuerzangenbowle“ in verschiedenen Hörsälen am Sonnabend, 3. Dezember, um 18.30 Uhr. Informationen unter www.nikoparty.de
  • In Hildesheim beginnt die Feier zur „Feuerzangenbowle“ am Donnerstag, 8. Dezember, um 20 Uhr im Audimax.
  • Ebenfalls am 8. Dezember wird eine Feuerzangenbowle-Party im Braunschweiger Audimax gefeiert. Beginn: 20:30 Uhr
  • In Hannover steigt die Party mit Bowle am Sonnabend, 10. Dezember, im Audimax des Universitäts-Hauptgebäudes. Kartenreservierung unter www.unikino-hannover.de
Simon Benne 23.11.2011