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Kultur Vor 150 Jahren starb der Philosoph Arthur Schopenhauer
Nachrichten Kultur Vor 150 Jahren starb der Philosoph Arthur Schopenhauer
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10:19 21.09.2010
Bewundert von Theodor Lessing, Thomas Mann, Arno Schmidt: Arthur Schopenhauer. Quelle: dpa

Mit seinen deprimierenden Ansichten vom Leben pflegte er schon in jungen Jahren seine Umwelt zu verunsichern: Arthur Schopenhauer, geboren am 22. Februar 1788 in Danzig, gestorben am Dienstag vor 150 Jahren, am 21. September 1860, in Frankfurt am Main. Seine Mutter jedenfalls, die nach dem (Unfall?-, Frei?-)Tod ihres Mannes in die Musenstadt Weimar gezogen war und regen Verkehr mit den dort versammelten Geistesgrößen hielt, fühlte sich von der Gegenwart ihres Filius geradezu genervt. „An meinen Gesellschaftstagen“, schrieb sie dem Twen, „kannst du abends bei mir essen, wenn du dich dabei des leidigen Disputierens, das mich verdrießlich macht, wie auch alles Lamentierens über die dumme Welt und das menschliche Elend enthalten willst, weil mir das immer eine schlechte Nacht und üble Träume macht, und ich gerne gut schlafe.“ Ihr Tischgast Goethe hat den jungen Mann trotzdem geschätzt und später die „Klarheit“ seines Denkens und Formulierens gerühmt. Zu recht: Schopenhauer ist der rare Fall eines Philosophen, der schreiben kann.

Im Umgang mit Menschen freilich war er in der Tat sperrig. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er als „Einsiedler“, wie er’s nannte, hauptsächlich in Gesellschaft seines Pudels, eines Hundes namens Butz, bei dem er „Intelligenz ohne menschliche Verstellung“ fand und den er als „Du Mensch“ beschimpfte, wenn der Hund einmal unartig war. In seinem Testament hat Schopenhauer rührend für dessen Wohlergehen gesorgt, wie er überhaupt – lebenslang – ein Freund der Tiere war und leidenschaftlich gegen Tierversuche und Vivisektion („wissenschaftliche Tierfolter“) polemisierte: Es ist eine Frage seiner Ethik des „Mit-Leids“, die er schon 1818 in seinem philosophischen Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ entwickelt hatte.

Mit seiner Einsicht, die Welt sei „meine Vorstellung“, war Schopenhauer dabei durchaus in den Denkbahnen seines Vorbilds Kant geblieben, derzufolge alle Aussagen über Objekte nur so weit gültig sind, wie das an Kategorien (etwa Raum und Zeit) gebundene Erkenntnisvermögen des Menschen reicht. Wie die Dinge „an sich“ sind, bleibt unerfassbar. Hier nun setzte Schopenhauer mit seiner „Willens“-Metaphysik ein: Für ihn ist dieses „Ding an sich“ der Welt-Wille, der sich in allen Wesenheiten entäußert und in ihnen wirkt – in der unbelebten Natur, in den Pflanzen, den Tieren, bis hinauf zum reflexionsfähigen Menschen, der dies Prinzip darum auch durchschauen kann. Dieser „Wille“ ist, „die Kraft, welche in der Pflanze treibt, welche den Magnet zum Nordpol wendet, den Stein zur Erde und die Erde zur Sonne zieht“.

Der Wille selbst ist dabei blind: gerichtet nur auf Selbstbehauptung und Fortpflanzung, was sich beim Menschen in Gestalt von Egoismus, Besitzgier, Eroberungssucht niederschlägt. Doch eben daraus erwächst, so Schopenhauers pessimistische Einsicht, unendliches Leid: Stets wird der Mensch von seinen Begierden getrieben – bleibt die Befriedigung aus, setzt es Frustration; geht der Wunsch in Erfüllung, folgt notwendig Langeweile, bis ein neuerlicher Drang einsetzt. „Glück“ ist somit nie von Dauer, und das Leben darum wie eine „Kreisbahn aus glühenden Kohlen“ mit, immerhin, „einigen kühlen Stellen“. Für den hannoverschen Gelehrten Leibniz, der die Welt optimal eingerichtet fand, hegte Schopenhauer denn auch nur Verachtung: Solch „Optimismus“ schien ihm eine „ruchlose Denkungsart“, als ein „bitterer Hohn auf die namenlosen Leiden der Menschheit“.

Den menschlichen Egoismus wiederum deutete er als „List“ des Welt-Willens – als Vortäuschung, jeder Einzelne sei nur für sich allein zuständig. Eben darin aber besteht für Schopenhauer der große Irrtum: Grad weil der Wille in allen Wesen wirkt, sind auch alle Wesen prinzipiell gleich – ihr Leid ist mein Leid. Woraus er dann kein „Moralsystem“ herleitet, sondern eine Ethik des persönlichen Mit-Leidens mit allen Geschöpfen, eben auch mit den Tieren. Seine eigene Konsequenz hieß im Übrigen: Verneinung des Weltwillens, wo immer dies möglich ist, etwa durch Hinwendung zur – interesselosen – Ästhetik, zur Versenkung in Kunst, Literatur, Musik.

Weltfremd wurde Schopenhauer dadurch aber keineswegs. Im Gegenteil, als 1819 das Danziger Handelshaus bankrott machte, wo Mutter und Schwester ihr Vermögen angelegt hatten, er selber immerhin einige tausend Taler, da führte er die Verhandlungen so knallhart, dass er ohne Verluste aus der Sache herauskam. Und das obligate Argument „wenn alle so dächten“, konterte er kühl: „Wenn alle Menschen dächten wie ich, so würde überhaupt mehr gedacht, und es gäbe weder Bankrotte noch Kriege noch Faro- (= Glücksspiel-) Tische.“

Nach seiner Habilitation ging er als Dozent an die Universität Berlin. Er glaubte, dort in Berlin sei „die höhere Geisteskultur“ zu Hause. Das freilich war einer seiner (wenigen) Irrtümer, und schon wenige Jahre später sprach er von Berlin nur mehr als einem „physisch und moralisch vermaledeiten Nest“. Die Zahl seiner Hörer war tatsächlich minimal, doch hatte er auch, typisch Schopenhauer, seine Vorlesungen exakt auf den selben Termin gelegt, an dem der Starphilosoph Hegel zu dozieren pflegte, den er von Herzen verabscheute – „Monsieur Nichtwisser“. Als in Berlin die Cholera ausbrach, zog sich der Pessimist Schopenhauer beizeiten aufs Land zurück; der Optimist Hegel blieb und wurde ein Opfer der Epidemie.

Um die Hegel-Nachfolge bemühte sich Schopenhauer nicht, sondern siedelte sich bald in Frankfurt an, wo er die letzten Jahrzehnte seines Lebens als Privatgelehrter zubrachte – täglich mit seinem Hund durch die Straßen stratzte (ein legendärer Anblick!), an der zweiten Fassung seines „Willens“-Buches schrieb und durch kluge Börsenspekulationen sein Vermögen wachsen ließ. Ein Philosoph müsse im praktischen Leben ja kein „Narr“ sein, ließ er wissen.

Leser, gar Jünger besaß er dagegen lange Zeit kaum. Bis er unter dem Titel „Parerga und Paralipomena“ (Nebensächliches und Liegengebliebenes) einen Sammelband mit kleineren Studien herausbrachte. Plötzlich wurde er wahrgenommen – etwa mit seinem zornigen Traktat über den Lärm: „Die allgemeine Toleranz gegen unnötigen Lerm ist geradezu ein Zeichen der allgemeinen Stumpfheit und Gedankenleere der Köpfe.“ Hübsch zu lesen in einer Zeit, in der Leute, die einen Verein zur Verbreitung von Lärmbelästigung gründen, sich „Kulturritter“ nennen. Berüchtigt dagegen, wenn auch nach wie vor erfrischend kauzig, ist Schopenhauers Aufsatz „Über die Weiber“, die er, sofern sie „Reiz und Fülle“ besitzen, wenigstens noch als „Knalleffekt“ des Weltwillens deklariert. Doch auf die Idee, dieses Geschlecht das „schöne“ zu nennen, darauf konnte, so der Philosoph, „nur der vom Geschlechtstrieb umnebelte männliche Intellekt“ kommen.

Allmählich fand seine Lehre allerdings Anhänger: Richard Wagner, dessen „Parsifal“ und „Tristan“ geradezu in Musik gefügte Schopenhauer-Philosophie sind, dankte dem Alten ergriffen (der’s aber lieber mit Mozart und Rossini hielt).

Später hat Wilhelm Busch, der geradezu in der Wolle gefärbte Schopenhauerianer, das stärkste Porträt des Meisters gezeichnet: als Rückansicht des Denkers mit seinem Pudel.

Der hannoversche Philosoph Theodor Lessing gehörte ebenso zu Schopenhauers Bewunderern wie Thomas Mann oder Arno Schmidt, der Solipsist in der Heide. Fortschrittsverfechter, Beglückungspolitiker und andere Optimisten haben sich dagegen stets schwer getan mit diesem Arthur Schopenhauer, der schon als junger Mann bekundet hatte: „Das Leben ist eine missliche Sache; ich habe mir vorgenommen, das meinige damit hinzubringen, über dasselbe nachzudenken.“

Heiko Postma

Der Blogger Sascha Lobo versucht sich als Romanautor und erzählt eine Geschichte aus Zeiten des Dotcom-Booms. Der Ausgang ist vorhersehbar. Auch im Stil gibt es keine großen Überraschungen - Lobo schreibt, wie man es aus seinem Blog kennt.

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