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Kultur Vor 100 Jahren wagten Autoren Ausblicke aufs Jahr 2010
Nachrichten Kultur Vor 100 Jahren wagten Autoren Ausblicke aufs Jahr 2010
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12:21 14.01.2010
Von Simon Benne
Luftfahrt im Aufwind: Illustrator Ernst Lübbert sah 1910 eine Ära der Zeppeline heraufziehen. Quelle: Ernst Lübbert

Von dem, was kommen würde, hatte Robert Stoss ziemlich konkrete Vorstellungen: Man werde „das Telephon in der Westentasche“ tragen, prophezeite der Autor. „Die Bürger der drahtlosen Zeit werden überall mit ihrem Empfänger herumgehen“, der „nicht größer als eine Pillenschachtel“ sei. Und Dokumente würden Kanzler dereinst von jedem beliebigen Ort aus unterzeichnen können, ob am Nordpol oder in der Sahara: „Sie werden sich sehen, miteinander sprechen, werden ihre Akten austauschen, als wären sie zusammen an einem Orte“, schrieb er. „Die ganze Erde wird nur ein einziger Ort sein, in dem wir wohnen.“ Handy, Mail und Fax wurden gerade noch rechtzeitig erfunden, um Stoss’ globale Prognose wahr werden zu lassen. Denn er traf sie vor genau einem Jahrhundert.

Damals, im Jahr 1910, erschien im Berliner Buntdruck-Verlag „Die Welt in hundert Jahren“. In dem Sammelband wagten 22 Autoren Ausblicke auf das Jahr 2010. Viele Prognosen veranschaulichen unfreiwillig, dass die Zukunft von gestern noch lange nicht die Gegenwart von heute sein muss: Die Propheten glaubten teils, statt Männern und Frauen würde es 2010 nur noch ein Einheitsgeschlecht geben. Alchimisten könnte es doch noch gelingen, banales Metall in Gold zu verwandeln, und „Luftschwimmer“ würden im Sport die Erdsportarten verdrängen.

Überhaupt sollte die Luftfahrt die Welt beherrschen, allerdings mit Zeppelinen, nicht mit „Starrflüglern“. Das neu entdeckte Radium werde als Heilmittel ein „Zeitalter völliger Krankheitslosigkeit“ zeitigen. Und dank elektrifizierter Treibhäuser stände eine Revolution in der Landwirtschaft an: „Es wird Johannisbeeren geben, so groß wie Damascenerpflaumen, Damascenerpflaumen in der Größe von Äpfeln, Äpfel, so groß wie Melonen“, versicherte der US-Chemiker Hudson Maxim.

Solche Prognosen waren vor 100 Jahren schwer en vogue – und der Optimismus schier grenzenlos: „Es sollte unweigerlich vorwärts gehen, aufwärts mit der Menschheit“, sagt Georg Ruppelt, Direktor der hannoverschen Leibniz-Bibliothek und Experte für literarische Zukunftsfiktionen. Das Leben würde schöner, leichter, länger werden – das galt als ausgemacht.

Inzwischen ist die Zukunft auch nicht mehr, was sie mal war; das mit so viel Vorschusslorbeeren bedachte Jahrhundert ist dann doch eher ernüchternd verlaufen. So prophezeite Hudson Maxim 1910 eine „Aera der ethischen und philosophischen Vollendung“. Ein „tausendjähriges Reich“ friedvoller Harmonie blühe der Menschheit gar, in dem neue Medien die Nationen auch kulturell verbinden würden: „Obgleich auch die kleinste Ortschaft ihr Theater haben wird, werden doch die Schauspieler nur in Newyork, Paris oder Wien spielen“, schrieb er. „Die Bühne einer Kleinstadt wird ein einfacher Vorhang sein, und der ,Hamlet’, der in London gespielt wird, wird mittelst Fernseher, Fernsprecher und Fernharmonium auf dem Schirm, der die Bühne in Chautauqua ersetzt, reproduziert werden.“ Seine Prophezeiung beschwor gewissermaßen großes Kino.

„Es waren vor allem Wissenschaft und Technik, die den Menschen in eine Wunderwelt führen sollten“, sagt Georg Ruppelt. So versprach sich der Autor Rudolf Martin 1910 vom Fortschritt ein Zusammenrücken der Welt: „Der zunehmende Luftverkehr hat eine solche Menge gemeinsamer Interessen geschaffen, dass in hundert Jahren sämtliche europäischen Staaten als Staatengemeinschaft ein gemeinsames Parlament haben“, glaubte er. Womit er ja nicht ganz falsch lag, sieht man einmal von den Schweizern ab, die der Luftverkehr offenbar bis heute innerlich unberührt lässt.

Auch die berühmte Pazifistin Bertha von Suttner entwarf die Vision einer „kriegslosen Weltordnung“ – die ausgerechnet durch moderne Waffen garantiert werden sollte: „Wir sind im Besitze von so gewaltigen Vernichtungskräften, dass jeder von zwei Gegnern geführte Kampf nur Doppelselbstmord wäre“, prophezeite sie für 2010 – und datierte damit ihre exakte Beschreibung der Mechanik des Kalten Krieges nur um ein paar Jahrzehnte zu spät. Auf die somit zivilisierte Welt werde es nur noch „Ueberfälle minder vorgeschrittener Völkerschaft“ geben. Die ansonsten passiven Armeen setze man dann nur noch „zur Hilfeleistung und Rettung überall dort ein, wo ein Volk in Not ist“, schrieb Suttner – obwohl sie von Terroranschlägen, asymmetrischer Kriegführung und dem Afghanistan-Mandat der Bundeswehr doch schwerlich etwas wissen konnte.

In den Chor allgemeiner Euphorie mischten sich 1910 nur wenige pessimistische Stimmen: „Die Landschaftsschönheiten der Erde sind alle zerstört“, sinnierte düster die schwedische Reformpädagogin Ellen Key mit Blick auf 2010. Und der berühmte Sozialdemokrat Eduard Bernstein warnte: „Wir treiben Raubbau mit den Schätzen der Natur.“ Er prophezeite auch, der Energieverbrauch würde so dramatisch ansteigen, dass 2010 schließlich „die Einfangung der Sonnenwärme und Meereskraft“ rentabel wäre – eine Prognose von verblüffender Präzision.
Manche Verheißungen früherer Tage, etwa das sozialistische Paradies der Zukunft, sind inzwischen Vergangenheit geworden, ohne den Umweg über die Gegenwart zu nehmen. Andere wirken heute wieder seltsam aktuell: So glaubte der Kriminologe Cesare Lombroso vor 100 Jahren, im Jahr 2010 würde man Verbrechen als Krankheitssymptome ansehen, nicht als Produkt freien Willens: „An die Stellen unserer Zuchthäuser werden große Verbrecherkrankenhäuser treten“, schrieb er – ein Satz, der aus heutigen Neurologiedebatten stammen könnte.

Nietzsche rief der mutmaßlich besserwisserischen Nachwelt einmal vorsorglich zu: „Ihr seid nicht klüger, ihr kommt nur später!“ Doch angesichts der Auslassungen von Carl Peters ist man versucht, diese Mahnung zur Demut in den Wind zu schreiben. Der berüchtigte Kolonialpolitiker fabulierte 1910 davon, dass die Kolonialherren einst in Lufthäusern leben könnten, die über Afrika schweben – des besseren Klimas dort oben wegen.

Für die Kolonialherrschaft schwante ihm gleichwohl Übles: Deutschlands Platz an der Sonne könnte verschattet werden durch eine „sentimentale Verbrüderungspolitik“ der verweichlichten Berliner Politiker gegenüber den Afrikanern. Nachgiebigkeit werde schließlich zur „großen Negerrevolution von 1953“ führen und zum Verlust der Kolonien.

Knapp daneben, möchte man sagen. In Wirklichkeit brachte gerade aggressive Expansionspolitik Deutschland enorme Gebietsverluste. Und noch in einem anderen Punkt lag Carl Peters auf geradezu lächerliche Weise falsch. Er glaubte nämlich nicht nur, dass jeder seinen „telegraphischen Empfangsapparat“ in 100 Jahren täglich auf den Eingang neuer Nachrichten überprüfen werde. Er schrieb auch: „Zeitungen, muß bemerkt werden, gab es 2009 nicht mehr.“ Und ignorierte dabei die wichtigste Konstante aller Prophetie: Totgesagte leben länger.

Ein „Lesefenster“ am Kulturbahnhof Wolfenbüttel stellt bis Anfang März das Buch „Die Welt in 100 Jahren“ vor. Im März erscheint ein Nachdruck im Hildesheimer Georg Olms Verlag (319 Seiten, 22 Euro).

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