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Nachrichten Kultur Von wegen Lisbeth im Capitol
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00:18 23.10.2017
Funky bleiben: So bunt wie die Bühne im Capitol ist auch der Indiepop von Von wegen Lisbeth. Quelle: Behrens
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Hannover

1600 junge Menschen brüllen zum Auftakt des Abends: „VWL! VWL!“ Aber anstatt Volkswirtschaft wollen die Damen mit den gemacht ungemachten Zöpfen und die Herren mit den langen Bärten im ausverkauften Capitol lieber Von wegen Lisbeth sehen. Die erfüllen den Wunsch und eröffnen ihr Konzert in Hannover mit „Meine Kneipe“. Ein lustiger Trennungssong, der dem/der Ex alles zugesteht, nur nicht, die eigene Kneipe mit den neuen Partnern zu besuchen. Da muss sich heute keiner Sorgen machen – statt Kneipensound stehen Band und Fans sowieso eher für Disco.

Vor rund zwei Jahren erschienen die funkigen Indiepopper aus Berlin auf der Musiklandkarte – als Vorband von Annenmaykantereit und mit ähnlich jung gebliebenen Texten, nah an der Realität des eigenen Publikums. Ihr größter Hit „Sushi“ nimmt die Sprache und das Verhalten der Generation Y in sozialen Netzwerken aufs Korn: Ausstellung von Essen (das Sushi) oder der Füße, die am Strand zu sehen sind. Ausreichend eigene Erfahrung mit dem Medium scheint vorhanden.

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 Schön, wie alle sich über die scheinbar geerdeten Von-wegen-Lisbeth-Texte freuen. Mna ist angepasst unangepasst. In „Chérie“ singt Sänger Matthias Rohde über eine flüchtige Liebschaft, deren Smartphone er im Fluss versenkt, während sein Publikum in Hannover mit eben jenen Videos und Selfies macht. Seltsam.

Das Großartige an der Band ist aber ihre Energie. Ungelenk und sympathisch tanzen die Berliner über die Bühne. Wie die Band den Funk für sich fand, kann man spüren, dank Instrumenten wie Saxofon, Synthesizer oder einem trashigen Omnichord. Letzteres ist der Band auf der Tour geklaut worden, so dass sie es für den vierfachen Preis nachkaufen mussten – aus den zwei wurden so acht Euro. Der Gag sitzt. Kurz danach wird es auch mal politisch, als die Band ironisch den „Untergang des Abendlandes“ im gleichnamigen Lied besingt und vorher in der Ansage „Scheiß AfD“ sagt. Muss dann aber auch reichen.

Lieder wie „Störung im Betriebsablauf“ und „Bitch“ sind eh spaßiger und verwandeln das Capitol schon fast in einen 80er-Jahre-Culture-Club-Tanztempel. Auch das Lied, das von „Lisa“ handelt und sich um Selbstermächtigung dreht („So kaputt kriegst du mich nie. Das schaff ich nur ganz alleine“) ist live einwandfrei. Zum Abschluss gibt es dann natürlich „Sushi“ und „Wenn du tanzt“. Richtig, denn die Frage bei Von wegen Lisbeth ist nicht ob, sondern nur wann man endlich anfängt zu tanzen.

Von Jan Heemann